Von Hans Bentzien
DOW JONES--Der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) dürfte am Donnerstag beschließen, seinen Leitzins um 25 Basispunkte anzuheben. Grund sind zunehmende Sorgen in dem Gremium darüber, dass der Nahost-Krieg nun schon seit drei Monaten anhält, was eine Ausbreitung der hohen Energiepreise auf weitere Bereiche der Wirtschaft wahrscheinlich macht. Inflation und Kerninflation sind zuletzt weiter gestiegen, ebenso die Inflationserwartungen der Verbraucher und die Preiserwartungen der Unternehmen. Auch die EZB-Kommunikation lässt vermuten, dass es nun zur ersten Zinserhöhung seit 2023 kommt.
Die EZB wird ihre Leitzinsentscheidung am Donnerstag (14.15 Uhr) bekannt machen. Gegen 14.45 Uhr beginnt eine Pressekonferenz mit EZB-Präsidentin Christine Lagarde.
Alle 25 von Dow Jones Newswires befragte Volkswirte sind sich einig: Die EZB wird ihren Einlagensatz auf 2,25 Prozent anheben wird. 15 Volkswirte mit einem entsprechenden Prognosehorizont rechnen für das dritte Quartal mit einem weiteren Zinsschritt auf 2,50 Prozent, wobei weit überwiegend der September ins Auge gefasst wird.
Folgende Beschlüsse sind im Einzelnen zu erwarten:
1. Leitzins steigt auf 2,25 Prozent
Der Satz für Bankeinlagen bei der EZB steigt auf 2,25 Prozent, der Hauptrefinanzierungssatz auf 2,40 Prozent und der Spitzenrefinanzierungssatz auf 2,65 Prozent. Das erwarten alle 29 von Dow Jones Newswires befragten Analysten. Die EZB dürfte die Zinsentscheidung wie seit einiger Zeit üblich mit ihrer aktuellen Einschätzung der Inflationsaussichten, der zugrundeliegenden Inflation und der Stärke der geldpolitischen Transmission begründen.
Die EZB dürfte zum weiteren Zinskurs erneut keine Aussagen machen, sondern lediglich mitteilen: "Der EZB-Rat ist entschlossen, dafür zu sorgen, dass sich die Inflation nachhaltig bei seinem mittelfristigen Ziel von 2 Prozent stabilisiert. Er wird bei der Festlegung des angemessenen geldpolitischen Kurses einen von den Daten abhängigen Ansatz verfolgen und von Sitzung zu Sitzung entscheiden."
Insbesondere würden die Zinsentscheidungen auf seiner Einschätzung der Inflationsaussichten unter Berücksichtigung der eingehenden Wirtschafts- und Finanzdaten, der Dynamik der zugrunde liegenden Inflation und der Stärke der geldpolitischen Transmission beruhen. Und: "Der EZB-Rat legt sich nicht im Voraus auf einen bestimmten Zinspfad fest."
2. Anleihebestände nehmen moderat ab
Die Tilgungsbeträge fällig werdender Anleihen, die unter dem APP-Programm gekauft wurden, werden nicht wieder angelegt. Dadurch sinken die APP-Anleihebestände langsam und berechenbar. Gleiches gilt für die unter dem PEPP-Programm erworbenen Papiere.
3. Spread-Kontrolle steht bereit
Der Rat ist bereit, im Notfall und unter bestimmten Voraussetzungen gezielt Anleihen bestimmter Staaten zu kaufen, wenn deren Zinsen die Übertragung der Geldpolitik behindern. Dazu stehe das Transmissionsschutzinstrument (TPI) zur Verfügung, um "einer ungerechtfertigten, ungeordneten Marktdynamik entgegenzuwirken, die eine ernsthafte Bedrohung für die Transmission der Geldpolitik in allen Ländern des Euro-Währungsgebiets" darstellt.
Kontakt zum Autor: hans.bentzien@dowjones.com
DJG/hab/cbr
(END) Dow Jones Newswires
June 08, 2026 09:11 ET (13:11 GMT)























