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Die Inflation ist zurück - Ein Comeback aber nur auf Zeit

15.11.2018 | 08:40
An illustration picture shows euro coins

- von Reinhard Becker und Hakan Ersen und Frank Siebelt

Die Gratiskultur im Internet, die Preisschlacht der Onlinehändler und der Umstieg vom teuren Öl auf vergleichsweise günstige erneuerbare Energien sprechen perspektivisch dagegen - auch wenn der Preisanstieg hierzulande mit 2,5 Prozent zuletzt so stark ausfiel wie seit mehr als zehn Jahren nicht mehr: "Bei der Inflation ist erst einmal der Deckel drauf", sagt Chefökonom Alexander Krüger vom Bankhaus Lampe. Für die nächsten Jahre gehe der Trend klar hin zu einem gedämpften Preisniveau - unter anderem wegen der nicht nur im Elektronikhandel propagierten "Geiz-ist-geil"-Mentalität sowie Tausenden Vergleichsmöglichkeiten im Netz, beispielsweise beim Buchen von Urlaubsreisen. "Durch die Digitalisierung ist die Transparenz eine ganz andere als in früheren Zeiten."

Mehrere führende Währungshüter der US-Notenbank Fed sind zudem der Ansicht, dass die relativ niedrige Inflation in den Vereinigten Staaten in den zurückliegenden Boomjahren unter anderem mit dem Aufstieg von Online-Riesen wie Amazon zu tun hat. Der Harvard-Ökonom Alberto Cavallo unterfüttert diese These mit einer Studie. Diese zeigt, dass die Nutzung von Algorithmen im Wettbewerb der Einzelhändler um den Kunden sowie die Transparenz des Internets dazu beitragen, dass sich Preisunterschiede verringern.

Experten fragen sich daher, ob die Notenbanken mit ihrem Handwerkskasten, der zumeist ein starres Inflationsziel von um die zwei Prozent umfasst, noch auf der Höhe der Zeit agieren. Auf der Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik gab Bundesbankchef Jens Weidmann der deutschen Ökonomenzunft Einblick in die Problemlage: Die zunehmende Nutzung des Online-Handels in der EU hat die Inflationsrate bei Industriegütern seit 2003 jährlich um 0,1 Prozentpunkte gedrückt - auch wegen der von Amazon und anderen Internethändlern angeheizten Preisschlacht. Noch im Jahr 2000 war der Online-Anteil an den Umsätzen des Einzelhandels laut Weidmann "verschwindend klein". 2017 waren es bereits knapp zehn Prozent: "Ein Ende des Booms ist nicht in Sicht", so Weidmann. Auch die letzte Meile bei der Auslieferung von Onlineeinkäufen könnte noch billiger werden. Der Autobauer Ford, der US-Handelsriese Walmart und der Zustelldienst Postmates arbeiten bereits an einem Pilotprojekt, bei dem autonome Fahrzeuge, Lebensmittel selbstständig zum Kunden bringen.

DIGITAL-RIESEN SETZEN PREISE

Trotz dieser womöglich preisdämpfenden Zukunftstechnologien plädiert das deutsche EZB-Ratsmitglied dafür, nicht am Inflationsziel von knapp zwei Prozent zu rütteln. Denn: "Wie sich die gegenläufigen Effekte der Digitalisierung per saldo auf die Preisentwicklung auswirken, lässt sich noch nicht mit Bestimmtheit sagen." Mit der Zahl der aktiven Nutzer steige häufig die Attraktivität eines Produkts: Im Laufe der Zeit setzten sich dann einzelne Player durch. "Mit ihrer gewonnenen Marktmacht können sie dann erhöhte Preise und Margen einstreichen", warnt Weidmann.

Insgesamt sieht er jedoch vorerst keine Gefahr, dass die Inflation im Euroraum in den nächsten Jahren dauerhaft über das Ziel der Währungshüter von knapp zwei Prozent hinausschießt. Gemäß den EZB-Schätzungen sollten sich die Teuerungsraten bei 1,7 Prozent einpendeln: "Im Großen und Ganzen entspricht das meinem Verständnis von Preisstabilität auf mittlere Sicht", betonte Weidmann beim "Wirtschaftsgipfel" der "Süddeutschen Zeitung" in Berlin.

Der Wirtschaftsweise Volker Wieland gibt jedoch zu bedenken, dass durch den von US-Präsident Donald Trump angestoßenen Trend zu mehr Protektionismus Störfeuer von außen drohe. Das Zurückdrängen der Globalisierung und zunehmende Hürden für den Welthandel spielten der Inflation in gewisser Weise in die Hände: "All dies dürfte den Preisdruck in Deutschland und im Euro-Raum erhöhen."

EZB-Direktor Benoit Coeure geht allerdings davon aus, dass im kommenden Jahrzehnt womöglich ein dämpfender Faktor bei der Inflation ins Spiel kommt, den kaum ein Ökonom bislang auf dem Schirm hat: Der Umstieg auf erneuerbare Energien. Der Franzose argumentiert, dass Wind-, Wasser- und Solarstrom künftig weitgehend kostendeckend und damit unter stabileren Bedingungen erzeugt werden können. Mit der Abkehr vom Öl dürften somit die häufigen Preisspitzen wegfallen, die die Inflation immer wieder nach oben treiben. Er warnt zugleich, dass die Folgen der Energiewende und des technologischen Wandels die Arbeit der Zentralbanken erschweren werden. Gefährlich werde es, wenn Verbraucher wegen dieser Umbrüche mittelfristig mit fallender Inflation rechnen sollten. Diese Risiken würden durch eine Revolution in der Verkehrsbranche mit mehr Elektromobilität und dem Trend zu autonomem Fahren noch verstärkt.

Der Währungshüter verweist darauf, dass sich in der Zeit vor Ende 2016 in der Euro-Zone die Inflationsrate bereits nahe der Null-Marke bewegte. In dieser heiklen Phase hätten die Währungshüter gegengesteuert. Der Nullzins und die lockere Geldpolitik seien nötig gewesen, um bei den Verbrauchern Gedanken an fallende Preise zu zerstreuen. Letztlich sei es gelungen, eine konjunkturschädliche Abwärtsspirale aus sinkenden Preisen und Löhnen abzuwenden. Der technologische Wandel in Kombination mit der Energiewende stellt die Notenbank laut Coeure wohl "vor ähnliche Herausforderungen".

WEG VOM PREISTREIBER ÖL

Denn der bange Blick auf den Literpreis an der Zapfsäule dürfte künftig wegfallen, wenn das Auto per Steckdose mit Strom aus Wind- oder Wasserkraft versorgt wird - so wie es beispielsweise in Norwegen bereits vielfach der Fall ist. In vielen Industriestaaten war Öl zuletzt Preistreiber Nummer eins: In der Euro-Zone ging es im Oktober mit den Energiepreisen um satte 10,6 Prozent nach oben. Die Gesamt-Inflationsrate lag mit 2,2 Prozent allerdings nur leicht über dem Ziel der EZB von knapp zwei Prozent. Dies lag unter anderem auch daran, dass die Preise für Dienstleistungen nur um 1,5 Prozent anzogen.

Diese Entwicklung folgt aus Sicht der deutschen Wirtschaftsweisen einem Trend: "Der stärkere Anstieg der Verbraucherpreise in den vergangenen zwei Jahren ist vor allem auf höhere Energie- und Nahrungsmittel zurückzuführen", konstatieren die Ökonomen um den Essener Wirtschaftsprofessor Christoph Schmidt. Klammert man die beiden Hauptpreistreiber aus, sei der Inflationsdruck jedoch "gedämpft".

Dies gilt wohl auch für die USA, wo das Wirtschaftswachstum auf das Jahr hochgerechnet zeitweilig über die Vier-Prozent-Marke hinausschoss, bevor es sich im Sommer leicht abkühlte. Trotz der vor Kraft nur so strotzenden Konjunktur hat die Notenbank nicht mit ausufernder Inflation zu kämpfen: Die von der Fed besonders beachtete Teuerungsrate für die Verbraucherausgaben liegt seit Monaten exakt bei 2,0 Prozent - dem erklärten Ziel der Notenbank, die seit Februar von Fed-Chef Jerome Powell geleitet wird. Seine Vorgängerin Janet Yellen stand wegen des lange Zeit hartnäckig niedrigen Preisauftriebs noch von dem "Rätsel", warum die Preise trotz brummender Wirtschaft nicht kräftiger anzogen.


© Reuters 2018
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