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Lagarde hält alle Türen für weiteren Zinserhöhungen offen

28.11.2022 | 17:54
EZB-Präsidentin Lagarde vor dem ECON-Ausschuss des Europäischen Parlaments in Brüssel

BILANZABBAU STEHT BALD AN

Frankfurt (Reuters) - Die Europäische Zentralbank (EZB) hält laut ihrer Präsidentin Christine Lagarde im Kampf gegen Inflation alle Türen für Zinserhöhungen offen.

Wie viel weiter die EZB noch gehen und wie schnell sie dahin kommen müsse, hänge von den verschiedensten Faktoren ab, sagte Lagarde am Montag in einer Anhörung vor dem Wirtschafts- und Währungsausschuss (ECON) des EU-Parlaments in Brüssel. Zu diesen gehörten unter anderem die Wirtschaftsprognosen der EZB-Volkswirte, die Tiefe der wirtschaftlichen Krise, die Entwicklung der Löhne sowie die Inflationserwartungen. Die nächste Zinssitzung der EZB findet am 15. Dezember statt. Zu dieser werden den Euro-Wächtern neue Prognosen der EZB-Ökonomen zu Inflation und Wachstum vorliegen.

"Wir sind entschlossen, die Inflation auf unser mittelfristiges Ziel zu senken", sagte Lagarde. Die EZB strebt zwei Prozent Inflation als Optimalwert an. Im Oktober lag die Teuerung aber angefacht durch den Energiepreisschub infolge des Ukraine-Kriegs bei 10,6 Prozent. Das ist die höchste Rate seit Einführung des Euro. Lagarde äußerte sich skeptisch zu Erwägungen, dass bereits der Gipfelpunkt der Inflation erreicht ist. "Das würde mich überraschen." Top-Volkswirte der EZB würden aktuell eher das Risiko sehen, dass die Teuerung noch zunehme.

Die EZB hat seit Juli die Schlüsselzinsen in rascher Abfolge drei Mal angehoben um zusammen 2,0 Prozentpunkte. Der an den Finanzmärkten maßgeblich Einlagensatz, den Banken erhalten, wenn sie bei der Notenbank überschüssige Gelder horten, liegt aktuell bei 1,5 Prozent. Im September und Oktober griffen die Währungshüter dabei zu jeweils ungewöhnlichen Jumbo-Zinsschritten von jeweils 0,75 Prozentpunkte.

"Die Zinssätze sind und bleiben das wichtigste Instrument zur Bekämpfung der Inflation", sagte Lagarde. "Wir sind mit der Inflation noch nicht fertig, wir haben noch Arbeit vor uns." Die Zinsen müssten weiter erhöht werden. Möglicherweise werde sie mit ihrem Anhebungskurs dabei in den restriktiven Bereich vordringen. Darunter verstehen Volkswirte ein Zinsniveau, mit dem eine Volkswirtschaft gebremst wird. Aktuell siedeln Ökonomen diesen restriktiven Bereich beim Einlagensatz bei Niveaus oberhalb von zwei Prozent an.

Im Dezember wird die EZB Lagarde zufolge die Grundsätze für den Abbau ihrer Anleihenbestände aus dem APP-Programm darlegen. Mit dem billionenschweren APP-Programm hatte die Euro-Notenbank ab 2015 versucht, die Konjunktur anzuschieben. Aktuell werden auslaufenden Anleihen aus diesem Programm noch vollständig wieder ersetzt. "Es ist angemessen, dass die Bilanz im Laufe der Zeit auf angemessene und vorhersehbare Weise normalisiert wird", sagte die Notenbankchefin. Es könnte der Fall sein, wenn die Zeit dafür komme, dass die EZB dann einige Hinweise dazu geben werde. "Das wird Teil der Prinzipien sein, die wir beschließen und debattieren werden auf der Ratssitzung, die im Dezember ansteht", sagte die EZB-Chefin.

Bundesbank-Präsident Joachim Nagel hatte unlängst gefordert, dass die Euro-Wächter mit dem Abbau ihrer massiven Anleihenbestände bereits im ersten Quartal 2023 beginnen sollten. Durch die umfangreichen Bondkäufe der vergangenen Jahre ist die Notenbankbilanz inzwischen auf fast neun Billionen Euro angeschwollen. Allein die Bestände aus dem APP-Programm haben ein Volumen von rund 3,3 Billionen Euro, die Bestände aus dem Pandemie-Anleihenkaufprogramm PEPP liegen bei rund 1,7 Billionen Euro. Beim PEPP-Programm will die EZB noch bis mindestens Ende 2024 ablaufende Anleihen wieder vollständig ersetzen. Dies hatte sie in der Oktober-Zinssitzung bekräftigt.

(Bericht von Frank Siebelt, redigiert von Hans Busemann; Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)


© Reuters 2022
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