Kairo (Reuters) - Trotz scharfer internationaler Kritik setzt Israel seine Offensive in Rafah im Süden des Gazastreifens fort.

Israelische Panzer drangen Augenzeugen zufolge am Dienstag ins Zentrum der umkämpften Stadt an der Grenze zu Ägypten vor. Mehrere Panzer seien in der Nähe der Al-Awda-Moschee gesichtet worden, einem Wahrzeichen in der Stadtmitte. Die Stadt wurde von Panzern und auch mit Luftangriffen wieder unter Beschuss genommen. Das israelische Militär äußert sich zunächst nicht dazu und kündigt an, es werde später eine Erklärung zum Einsatz in Rafah abgeben.

Auch die Gegend um den Bezirk Tel Al-Sultan, wo am Sonntag bei einem israelischen Luftangriff nach palästinensischen Angaben mindestens 45 Menschen in einem Zeltlager für Kriegsflüchtlinge getötet wurden, werde immer noch bombardiert, berichteten Anwohner. "Überall in Tel Al-Sultan schlagen Panzergranaten ein. Viele Familien sind aus ihren Häusern im Westen Rafahs geflohen, die die ganze Nacht über beschossen wurden", teilte ein Bewohner über eine Chat-App der Nachrichtenagentur Reuters mit.

Mindestens 16 Palästinenser wurden bei Angriffen in der Nacht zum Dienstag getötet, wie Behördenvertreter des von der radikal-islamischen Hamas regierten Palästinenser-Gebiets mitteilten. Bewohner berichteten, dass israelische Panzer auf und um die Bergkuppe Surub, einer Anhöhe mit Blick auf den Westen Rafahs, Stellung bezogen hätten.

Rund eine Million Menschen sind seit Anfang Mai vor der israelischen Offensive aus Rafah geflohen, wie das UNO-Hilfswerk für palästinensische Flüchtlinge (UNRWA) mitteilte. Zuvor hatten mehr als eine Million Palästinenser in der Stadt Schutz vor den Kämpfen im übrigen Gazastreifen gesucht. Israel hat die Angriffe trotz eines Beschlusses des obersten UN-Gerichts vom Freitag fortgesetzt und argumentiert, dass das Gerichtsurteil einen Spielraum für militärische Aktionen in Rafah einräumt. Der Internationale Gerichtshof (IGH) hatte Israel am Freitag angewiesen, die umstrittene Offensive in Rafah katastrophalen humanitären Lage umgehend zu stoppen. Die israelische Armee hatte Anfang des Monats eine lange angedrohte Bodenoffensive auf Rafah gestartet. Die Stadt gilt als letzte Bastion der Hamas, die mit ihrem Überfall auf Israel am 7. Oktober den Gaza-Krieg ausgelöst hatte.

(Bericht von Nidal al-Mughrabi, geschrieben von Rene Wagner und Sabine Ehrhardt, redigiert von Christian Götz. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com)