Frankfurt (Reuters) - Die EZB muss laut ihrem Chefvolkswirt Philip Lane aufgrund der unsicheren Inflationsaussichten mit einer nächsten Zinssenkung womöglich erst einmal eine gewisse Zeit warten.

"In einer unsicheren Welt ist es ein Weg, mit der Unsicherheit umzugehen, ein bisschen zu warten", sagte der oberste Ökonom der Europäischen Zentralbank (EZB) am Dienstag auf einer Veranstaltung in Dublin. Warten und sicherstellen, dass man keinen Schritt unternehme, den man später bereuen werde, fügte er hinzu. In den vergangenen Tagen hatten sich bereits mehrere Euro-Wächter dafür ausgesprochen, dass die EZB eine vorsichtige Gangart einschlägt.

Die Euro-Notenbank am Donnerstag die Kurswende vollzogen und erstmals seit fast fünf Jahren die Zinsschraube gelockert. Der am Finanzmarkt maßgebliche Einlagensatz, den Banken für das Parken überschüssiger Gelder von der Notenbank erhalten, wurde um einen Viertelprozentpunkt auf 3,75 Prozent gesenkt. Eine weitere Zinssenkung bereits auf der kommenden Zinssitzung am 18. Juli gilt aber als unwahrscheinlich.

Die EZB müsse wegen des anhaltenden Preisdrucks im Euroraum an einer konjunkturbremsenden Geldpolitik festhalten, sagte Lane. Die Zinsen müssten entsprechend hochgehalten werden. "Das große Ausmaß an Unsicherheit und der nach wie vor erhöhte Preisdruck, was sich bei der inländischen Inflation, der Dienstleistungsinflation und beim Lohnwachstum zeigt, bedeuten, dass wir einen restriktiven geldpolitischen Kurs beibehalten müssen." Eine Geldpolitik gilt dann als restriktiv, wenn sie das Wirtschaftwachstum dämpft.

Die EZB lege sich nicht auf einen bestimmten Zinspfad fest, sagte Lane. Weitere Schritte der EZB würden auf Basis der hereinkommenden Daten von Sitzung zu Sitzung gefällt. Lane zufolge ist derzeit das Lohnwachstum in der 20-Länder-Gemeinschaft kräftig als Folge einer Reaktion auf zuletzt hohen Inflationsraten. Noch im Herbst 2022 hatte die Teuerung bei über zehn Prozent gelegen. Lane erwartet aber eine Abschwächung des Lohnwachstums im kommenden Jahr. Der Anstieg der Löhne war zuletzt einer der wichtigsten Treiber der Inflation.

(Bericht von Balazs Koranyi, Frank Siebelt, redigiert von; Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)