Da die Kosten für das Besprühen von Nutzpflanzen mit Pestiziden immer weiter steigen, greifen Landwirte im griechischen Agrarherzland verstärkt zu einer billigeren Alternative: Flüssigkeiten in nicht gekennzeichneten Plastikflaschen, die über Land und See eingeschmuggelt werden.
Die Produkte seien wirksamer, erklärten ein Dutzend Landwirte aus der thessalischen Ebene. Sie sind jedoch auch potenziell gefährlicher: Labortests, die Reuters vorliegen, zeigen, dass die Flaschen Pestizide enthalten, die in der Europäischen Union seit mehreren Jahren wegen vermuteter Risiken für Mensch und Umwelt verboten sind.
Die Situation in Griechenland, wie sie von Landwirten, gewählten Vertretern, Strafverfolgungsbehörden und Experten der Pestizidbranche beschrieben wird, spiegelt sich in der gesamten EU wider. Dort berichten Behörden, dass der Einsatz verbotener und gefälschter Pestizide so hoch ist wie nie zuvor.
Dies geschieht in einer Zeit, in der die EU selbst den Gebrauch zugelassener Pflanzenschutzmittel im Zuge ihres grünen Wandels reduzieren will.
Mindestens 14% der auf EU-Feldern eingesetzten Pestizide sind laut EU-Daten heute illegal - ein Anstieg gegenüber etwa 10% im Jahr 2015. In einigen Regionen Griechenlands liegt dieser Anteil laut dem griechischen Pflanzenschutzverband ESYF, der die Pestizidunternehmen des Landes vertritt, sogar bei 25%.
Im Jahr 2022 wurden in Europa laut den jüngsten verfügbaren Daten von Europol bei einer EU-weiten Aktion rekordverdächtige 2.040 Tonnen illegaler Pestizide beschlagnahmt - viermal mehr als 2019.
Das Problem dürfte sogar noch größer sein, da viele Schmuggeltransporte unentdeckt bleiben, sagen Behörden in Griechenland sowie in mehreren der wichtigsten europäischen Agrarproduzenten: Frankreich, Deutschland und Spanien.
,,Das ist seit Langem ein Anliegen", sagte ein Sprecher der Europäischen Kommission auf Anfrage von Reuters.
Es liege in der Verantwortung der Mitgliedstaaten, gegen den Schmuggel vorzugehen. Die Kommission arbeite jedoch daran, die Zulassung neuer Wirkstoffe zu beschleunigen, um Landwirten legale Mittel gegen Schädlinge zur Verfügung zu stellen, so der Sprecher weiter.
Griechenlands Landwirtschaftsminister Kostas Tsiaras sagte gegenüber Reuters, Griechenland arbeite daran, die öffentliche Gesundheit zu schützen, Landwirte zu unterstützen und eine sichere, legale landwirtschaftliche Produktion zu fördern.
,,Der Kampf gegen die Illegalität hat für uns Priorität", sagte er.
EXISTENZEN BEDROHT
Griechische Landwirte sind besonders anfällig für den illegalen Pestizidhandel - eine Folge der wirtschaftlichen Krise von 2010 bis 2018 und des Klimawandels, der ihre Felder austrocknet und Schädlingsausbrüche begünstigt.
Pestizide können bis zu 50% der jährlichen Kosten ausmachen, so einige Bauern. Ein Liter eines beliebten griechischen Insektizids kostet bis zu 380 Euro (445 US-Dollar). Ein gefälschtes Produkt ist auf dem Schwarzmarkt für 200-230 Euro zu haben, berichten sie.
Die hohen Preise bedrohen die Existenzgrundlage in Thessalien, einer wichtigen Kornkammer Zentralgriechenlands, in der Äpfel, Mandeln, Getreide und Baumwolle angebaut werden. Obstplantagen in der Region wurden bereits aufgegeben, weil Landwirte anderswo Arbeit suchen.
,,Muss ein Landwirt zum Kriminellen werden, um zu überleben?", fragt Giorgos Zeikos, ein Apfelbauer in vierter Generation und Leiter einer Genossenschaft im Dorf Agia.
,,Es ist das eine, das Gesetz zu brechen, um Profit zu machen; etwas anderes ist es, es nur zu tun, um zu überleben."
Zeikos sagt, er habe Angebote zum Einsatz illegaler Pestizide abgelehnt. Doch Bauern aus sechs Dörfern im heißen Tal berichten, sie selbst, ihre Verwandten oder Nachbarn hätten sie ausprobiert.
Ein weiterer Anreiz sei die wahrgenommene Wirksamkeit der illegalen Mittel.
Bei einer Pause auf den Feldern schilderten Bauern im Baumwollort Metamorfosi, wie ältere, inzwischen verbotene Pestizide so stark waren, dass Vögel nach dem Spritzen nicht mehr über die Felder flogen. Heute müssten sie die doppelte empfohlene Dosis der legalen Produkte anwenden, so die Landwirte.
George Pontikas, Präsident des ESYF, wies die Behauptungen der Landwirte zurück, Pestizide seien teuer und ineffizient. Die Behörden täten nicht genug, um Gesetzesbrecher zu bestrafen.
,,Wer unsere Lebensmittelversorgung aus Profitgier vergiftet, sollte wie ein Schwerverbrecher behandelt werden", sagte Pontikas, der auch Geschäftsführer der griechischen Niederlassung des Schweizer Agrarchemiekonzerns Syngenta ist.
ILLEGALER HANDEL
Die Produkte werden laut Bauern und Behörden über Land aus Bulgarien in Ersatzreifen oder mit Flößen eingeschmuggelt, die auch für den Menschenschmuggel aus der Türkei nach Europa genutzt werden.
In einem Dorf erzählte ein Mandelbauer, er sei selbst einmal nach Bulgarien gefahren und habe fünf Kisten gefälschter Produkte für sich und seine Nachbarn gekauft. In einem anderen Dorf fungieren Einheimische als Mittelsmänner für einen Mann, den sie nur als ,,den Bulgaren" kennen. Wenn sein Besuch erwartet wird, nehmen sie Bestellungen von anderen im Dorf entgegen.
Die Bauern zahlen bar, spritzen nachts und verbrennen die leeren Behälter, um alle Spuren zu beseitigen, berichten sie.
,,Wenn man will, findet man es", sagt Thanasis Kostis, ein Landwirt aus Metamorfosi. Kostis betont, selbst keine illegalen Mittel verwendet zu haben.
Bauern, die Reuters von ihrem Einsatz illegaler Pestizide erzählten, wollten anonym bleiben - aus Angst vor Repressalien durch die Behörden.
Die bulgarische Lebensmittelsicherheitsbehörde teilte mit, sie habe seit Oktober die Kontrollen verstärkt, um den Handel und die Nutzung nicht zugelassener Produkte zu bekämpfen.
Das türkische Handelsministerium reagierte nicht auf eine Anfrage zur Stellungnahme.
Der Handel sei zunehmend organisiert und gleiche einer wirtschaftskriminellen Struktur, sagte ein hochrangiger griechischer Polizeibeamter, der anonym bleiben wollte. Die Rollen seien aufgeteilt in Import, Lagerung und Vertrieb. Die Polizei handele meist auf Hinweise, bestätigten drei Polizei- und Branchenvertreter gegenüber Reuters.
Dimitris Stavridis, Leiter der thessalischen Generaldirektion für regionale Agrarwirtschaft, räumte ein, dass mehr Kontrollen auf Bauernmärkten möglich wären, jedoch in manchen Regionen Personalmangel herrsche.
GESUNDHEITSRISIKEN
Beschlagnahmte Produkte werden im Benaki-Phytopathologischen Institut in Athen analysiert. Viele kommen mit bulgarischen, türkischen oder handschriftlichen Etiketten an. Manche Fälschungen sehen wie EU-zugelassene Produkte aus, könnten aber schädliche Ersatzstoffe wie unbekannte Lösungsmittel enthalten. Nach griechischem Recht sind nur Pestizide mit griechischer Kennzeichnung legal.
Griechische Polizei und Europol sagen, viele dieser Substanzen stammten aus China.
Das chinesische Außenministerium erklärte per E-Mail, man fordere Unternehmen stets auf, die Gesetze der Länder, in denen sie tätig sind, einzuhalten, und sei bereit, die Zusammenarbeit mit der EU bei der Zollüberwachung zu verstärken.
Die EU-Verbote erfolgten zum Teil wegen von den Aufsichtsbehörden festgestellter Gesundheitsrisiken, darunter Schäden an Leber, Nieren und Lunge oder als mögliche Karzinogene. Einige dieser Chemikalien sind jedoch in anderen Ländern wie den USA weiterhin legal.
Mehr als ein Dutzend verbotene Pestizide - einige bereits seit 2009 - wurden allein 2024 in Griechenland nachgewiesen, wie Tests zeigen, die Reuters einsehen konnte.
,,Das ist ernst", sagte der thessalische Gouverneur Dimitris Kouretas, selbst Toxikologe, mit Blick auf Forschungen zu den möglichen Gesundheitsfolgen.
Im vergangenen Jahr wurden laut Daten des Landwirtschaftsministeriums zehn verbotene Pestizide in griechischen Erzeugnissen wie Oliven, Kirschen, Tomaten, Trauben und Orangen nachgewiesen.
Während die Weltgesundheitsorganisation das Risiko für Verbraucher bei niedrigen Pestizidrückständen als gering einstuft, sind Landwirte, die illegale Chemikalien einsetzen, möglicherweise stärker gefährdet.
Anfang der 2000er Jahre stellten Lungenärzte am Universitätsklinikum Larissa in Thessalien fest, dass viele Patienten, die rauchten und Pestiziden ausgesetzt waren, eine seltene Form von Lungenvernarbung entwickelten. 2006 wurden ihre Ergebnisse zusammen mit ähnlichen Forschungen aus Frankreich veröffentlicht, was zur formellen Anerkennung einer Krankheit führte, die heute als Combined Pulmonary Fibrosis and Emphysema (CPFE) bekannt ist.
,,Nahezu alle Patienten, die sowohl rauchten als auch Pestiziden ausgesetzt waren, entwickelten diese besondere Erkrankung", sagte Arzt Ilias Dimeas.
Auch in anderen griechischen Agrarregionen berichten Ärzte von einem Anstieg von Atemwegserkrankungen in den letzten Jahren, der möglicherweise mit Pestizidexposition zusammenhängt. Sie beginnen, die berufliche Vorgeschichte ihrer Patienten zu erfassen.
Die Landwirte nehmen die Risiken gelassen hin.
,,Alle Pestizide haben Folgen", sagt Kostis, der Landwirt aus Metamorfosi. ,,Ich hatte eine Maske, aber dieses Jahr habe ich sie gar nicht getragen."
(1 US-Dollar = 0,8527 Euro)
(Bericht von Karolina Tagaris. Zusätzliche Berichterstattung von Alexandros Avramidis in Thessalien; Patricia Weiss in Frankfurt; Riham Alkousaa in Berlin; Sybille de La Hamaide in Paris; Emma Pinedo in Madrid; Georgi Slavov in Sofia; Kate Abnett in Brüssel; Joe Cash in Peking und Tuvan Gumrukcu in Ankara; Redaktion: Edward McAllister, Frances Kerry und Sharon Singleton)



















