Täglich neue Ankündigungen, ständig neue Zielbranchen: Nach einigen Wochen, in denen internationale Krisenherde und die Haushaltsdebatten im US-Kongress die Schlagzeilen beherrschten, hat Donald Trump seine Zolloffensive wieder angefacht. Doch diese Drohkulisse hindert die US-Börsen nicht daran, neue Rekordstände zu erreichen. Die Investoren mögen gelegentlich an Amerika zweifeln – nicht aber an Corporate America.

Nun beginnt die neue US-Berichtssaison. Für Anleger ist das der Moment, sich vom Lärm um Zölle und Trump’sche Ankündigungen zu lösen und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: die Entwicklung der Gewinne je Aktie (EPS).

Nach unten revidierte Erwartungen

Der wichtigste Ausgangspunkt: Die Erwartungen an das zweite Quartal wurden spürbar gesenkt. Laut FactSet, das wöchentlich die Gewinnprognosen der Analysten verfolgt, wurden die EPS-Schätzungen seit Quartalsbeginn um 4,3 % reduziert. Zum Vergleich: In den vergangenen fünf Jahren lag die durchschnittliche Abwärtsrevision pro Quartal bei rund 3 %.

Die Zolldebatte und andere Unsicherheiten haben Analysten also zu mehr Vorsicht veranlasst. Paradoxerweise sehen Strategen darin jedoch einen positiven Aspekt. Die Begründung liefert Max Kettner von HSBC: „Die Erwartungen wurden aus unserer Sicht zu stark zurückgenommen“, was „die Hürde für positive Überraschungen deutlich senkt“. Hinzu kommt: US-Unternehmen verstehen es meisterhaft, Analysten im Vorfeld zur Senkung ihrer Schätzungen zu bewegen – nur um diese dann bei der tatsächlichen Veröffentlichung zu übertreffen.

Kursziele steigen – trotz Höchstständen

Folgerichtig wurden in den letzten Tagen mehrere Kursziele für den S&P 500 angehoben. Die Bank of America etwa erhöhte ihre Jahresendprognose von 5600 auf 6300 Punkte, Goldman Sachs hob ihr Ziel von 6100 auf 6600 Zähler an.

Trotz der rekordhohen Bewertungen bleibt der Grundton am Markt optimistisch. Die US-Indizes haben sich in den vergangenen Wochen kräftig erholt, erneut angeführt von den Tech-Schwergewichten. Aktuell markiert der Nasdaq ein neues Allzeithoch nahe der Marke von 23.000 Punkten, während Nvidia eine Marktkapitalisierung von 4 Billionen US-Dollar überschritt.

Und das, obwohl Trump die nächste Eskalationsstufe in der Zollpolitik gezündet hat: Die Frist für neue Maßnahmen wurde vom 9. Juli auf den 1. August verschoben, weitere Sektoren wie Kupfer, Halbleiter und Pharma stehen auf der Liste.

Ob der US-Präsident diesen Weg konsequent weiterverfolgt oder erneut zurückrudert, bleibt offen. Angesichts der jüngsten Marktreaktionen scheint Letzteres derzeit wahrscheinlicher.

Was hingegen klar ist: Die anhaltende Unsicherheit dürfte die US-Notenbank weiter zur Vorsicht zwingen. Eine Zinssenkung zum Septembertermin wirkt zunehmend ambitioniert.

Corporate America als Stabilitätsanker

Während die wirtschaftlichen Aussichten für die USA schwanken, bleibt das Vertrauen der Anleger in die großen börsennotierten Unternehmen des S&P 500 stabil. Investoren setzen nicht auf den amerikanischen Ausnahmezustand – sondern auf das amerikanische Unternehmensmodell.

Denn der S&P 500 ist längst kein Abbild der US-Wirtschaft mehr, sondern vor allem ein Index führender Technologiekonzerne, deren strukturelles Wachstum bisher ungebrochen ist. Eine Einschätzung von Bank of America bringt die Stimmung auf den Punkt: „Die USA sind nicht außergewöhnlich – aber Corporate America ist es vielleicht.“

Tatsächlich haben die US-Unternehmen in den vergangenen Jahren ihre Widerstandsfähigkeit unter Beweis gestellt: Sie haben auf Krisen reagiert, sich neu aufgestellt und ihre Preissetzungsmacht genutzt, um Margen zu sichern.

Diese Preissetzungsmacht („Pricing Power“) wird in den kommenden Quartalen erneut auf die Probe gestellt. Denn nachdem klar ist, dass signifikante Zölle kommen werden, stellt sich die Frage, wer die Last trägt. Laut Goldman Sachs werden weniger als 20 % der Zolllasten über die Unternehmensmargen abgefedert.

Geschätzte Verteilung der Zollkosten auf Verbraucher, US-Unternehmen und Exporteure

Ein schwacher Dollar als Rückenwind

Ein weiterer Faktor, der Corporate America in den kommenden Monaten zugutekommen dürfte, ist die Wechselkursentwicklung. Der Dollar hat seit Jahresbeginn deutlich an Wert verloren – was die im Ausland erzielten Gewinne aufwertet. Rund 40 % der Umsätze der S&P-500-Unternehmen stammen aus internationalen Märkten.

Seit der Corona-Pandemie bewegen wir uns in einem permanenten Krisenmodus mit hoher Unsicherheit. Und jedes Mal, wenn Rezessionssorgen aufkamen, war es die Berichtssaison, die die Märkte wieder stabilisierte.

Wie es eine oft zitierte Anlegerweisheit ausdrückt: „Man sollte Corporate America niemals unterschätzen.“