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SAP : Wie SAP nach Dresden kam – Aufschwung Ost in Sachsen vorprogrammiert (Teil 2)

20.11.2020 | 08:05
Neben Berlinwird Dresden nach der Wende 1989 zum zweiten Standbein der SAPim Osten Deutschlands. Lesen Sie hier im zweiten Teil, wie SRS zu einem der wichtigstenArbeitgeber im Osten wurde.

Hans-Jürgen Lodahl betont den positiven Einfluss, den Dieter Matheis, bis 2001 Kaufmännischer Leiter der SAP,auf die ökonomische Gestaltung der zu gründenden Firma hatte. Aufbauleiter und später Geschäftsführer von Seiten derSNI AGwar Peter Hutzelmann, der die kaufmännische Leitung der SRS übernahmund in denkommenden sechs Jahrendie Firmenentwicklung maßgeblich mit beeinflusste. 'Mit der Gründung mussten auf einen Schlag 325 Arbeitsverträge unterschrieben werden.Am Ende dachte ich, meinen eigenen Namen nicht mehr schreiben zu können', erinnert sich Hutzelmann. 'Und auf den deutsch-deutschen Autobahnen gab es Stau in jede Richtung, denn am 31.Oktoberwar Reformationstag - Feiertag im Osten- und am 1.November Allerheiligen im Westen. Die Wessis machten erste Schnupper-Ausflüge in den Osten und die Ossis kamen mit neuen Gebrauchtwagen mit roten Kennzeichen zurück.'

SAP AG undSNI AG waren zu je 45Prozent, dieRPD GmbH zu 10Prozent am Gemeinschaftsunternehmen beteiligt, dasmit einem Stammkapital von sechs Millionen Markan den Start ging. 'Ursprünglich war eine Ein-Drittel-Verteilung geplant,' so Hutzelmann, der sich noch lebhaft an das Gespräch mit Dietmar Hopp erinnert: 'RPDkonnte aber nur 10Prozentzum Stammkapital beisteuern, dadurch erhöhte sich unser Anteil erheblich. Das musste ich mit dem SNI-Vorstand absprechen. Dochnoch bevor ich dort einen Termin bekam, hatte Hopp die Frage des Stammkapitalsschon mit dem Aufsichtsrat der SAP geklärt.'

Stellenanzeige im 'Sächsischen Tageblatt' 1990. Gemeinsam zum Ziel

Es konnte losgehen. 'Mit dem Abschluss des Jahres 1990 war die Hälfte des SRS-Stammkapitals verbraucht, aber dann ging es stetig bergauf', erläutert Hutzelmann. 'Wesentlich trug dazu bei, dass die SNI AG über 50 C40-Rechner für Pilotinstallationen kostenlos zur Verfügung gestellt hatte.'

SAP setztedas um, was sie zuvor in ihrerOst-Strategiebekundet hatte: dass die Mitarbeiter vorrangig aus der DDR stammensollten. Doch wie Joachim Singer erklärt, war das für dieSRS-Kollegen, dieals Berater fürSAP-Projekte tätig wurden, anfänglich nicht ganz einfach: 'Die Betriebe wollten sich ungern von Robotron-Mitarbeitern beraten lassen. Die IT-Technik hatte in der DDR nie ausgereicht, wurde zugeteilt statt bestellt und die in den Betrieben bekannten Robotron-Technikerwaren in der DDR deshalb nicht besonders angesehen.' Es war also sehr wichtig, den RPD-Beratern erfahrene SAP-Beratungsleiter zurSeite zu stellen. Einer dieser Beratungsleiter aus Walldorf in der Anfangszeit war Joachim Prawitz, zuständig für den BereichPersonalwirtschaft, an den sich WolfgangKemna mit großem Respekt erinnert. 'Mit denWalldorfer Beratungsleitern wuchs auch die Akzeptanz der Ostberater. Für die SRS war es viel wichtiger, gute erfahrene SAP-Berater zu haben als gute Vertriebler oder Entwickler. Esgab nicht viel zu verkaufen, die Projekte wurden im Westen entschieden und bezahlt und das technische Knowhow hatte man inDresden. Man hatte erkannt,dass es für die ostdeutschen Berater wichtig war, bei Projekten in Westdeutschland zum Einsatz zu kommen, um zu lernen, wie Projekte bei SAP durchgeführt wurden und um ein eigenes Netzwerk innerhalb der SAP aufzubauen.'

Wichtig für den Erfolgin dieser Zeit war für Kemna auch Hans-Jürgen Lodahl. 'Er war einer der führenden Leute im Osten, nicht nur in Dresden, was IT, Hardware undSoftware anging, mit einem riesigen Netzwerk, der uns immer wieder geholfen hat. Manchmal war es für uns gar nicht transparent, an welchen Strippen er da gezogen hatte.'

Die Dresdener Berater hatten bei ihren Schulungen in Walldorf bereits erste Einblicke in R/3 erhalten, aber für die Großrechner der DDR war zunächst der Einsatz von R/2 vorgesehen. 'Später hat sich herausgestellt, dass die Großrechner im Osten nicht leistungsfähig genug waren für unser R/2. Und es wurdeaußerdemklar, dass die Entscheidungen zur Softwareeinführung letztlich auch nicht in den volkseigenen Betriebenundin den Kombinaten im Osten,sondern bei den übernehmenden Mutterkonzernen im Westen getroffen wurden', so Kemna. Die VEM Sachsenwerk GmbH Dresdenwareines der ersten Unternehmen, die ab 1991 mit dem R/2-System RP(Personalwirtschaft)an den Start gingen, und wurde als erstes Treuhandunternehmen zur erstenKapitalgesellschaft der DDR. Die Firma wurde jedoch im Juli 1992 der Horst PlaschnaManagement GmbH & Co Beteiligungs- und Verkaufs-KG Berlin zugeordnetund 1997 privatisiert und an die Blaubeurener Firmengruppe Merckle verkauft.

Mit der Liste derostdeutschen Großbetriebe, die ab Januar 1991 mit R/2 RP die Lohn- und Gehaltsabrechnungen nach neuem bundesrepublikanischenRecht abwickelten, war das Marktpotenzial in der DDR für SAP-Software vorerst ausgeschöpft.Kemna erklärt, warumdie SRS dennoch im erstenGeschäftsjahr schwarze Zahlen schrieb: 'DerGroßteil deranfänglichenBeratungsumsätze kam tatsächlich über Projekte mit Westkunden - im Osten wurde alles abgewickelt. 1990 war zu früh für Neugründungen und die wären wiederumzu klein gewesen für unser R/2-Produkt.'

Dennoch wuchs ab 1991 auch im Osten die Zahl der SAP-Kunden, vorrangig im Bereich staatlich finanzierter Aufträge. Beispielsweise wurdendie Dresdner und Leipziger Verkehrsbetriebe für den Einsatz der SAP-Software gewonnen und sie zählen bis heute zu den SAP-Kunden.

Bei SRS profitierte man von den Vorzügen des Joint Ventures, den Kontakten aller drei beteiligten Firmenund der Möglichkeit,Ausstattung, Betriebslösung und Betreuung aus einer Hand anbieten zu können.

Das neue Firmenlogo der SAP SI wird auf dem Bürogebäude der ehemaligen SRS montiert. Ein sicherer Hafen

Die Mitarbeiter wie Rainer Dittrich wussten um ihre Chance, denn infolge der rasanten De-Industrialisierung verloren in dieser Zeit Millionen Menschen im Osten ihren Arbeitsplatz. Die Regierung reagierte unter anderem mit Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, Kurzarbeit und Altersübergangsregelungen: 'Uns begegnete das Thema Kurzarbeit, das so viele ehemalige DDR-Bürger nach der Wende betreffen sollte, nur in Form einer zusätzlichen Neuentwicklung für unser RP-System, denn Kurzarbeit war in den neunziger Jahren im Westen kein großes Thema gewesen.' Statt Arbeitslosigkeit warteten vielschichtige Herausforderungen auf das SRS-Kollegium. Die Arbeitsweise im SAP-Büro war damals schon - auch nach westdeutschem Standard - ihrer Zeit voraus. Die neuen Ostkollegen mussten also - zusätzlich zum Wissen über SAP-Produkte und Abläufe und zu allgemein marktwirtschaftlichen Themen - einen doppelten technischen Zeitsprung schaffen.

Petra Röber, heute Senior Business Support Specialist bei SAP in Dresden, war Peter Hutzelmanns Assistentin. Die junge Mutter war 1990 von RPD übernommen worden und arbeitete noch nach Hutzelmanns Ausscheiden als Vorstandsassistentin bei der SRS, bevor sie sich neuen SAP-Herausforderungen stellte. 'In den 30 Jahren, in denen ich erst für SRS und dann für SAP gearbeitet habe, gab es kein Jahr, in dem ich nicht unheimlich viel dazulernen und mich weiter entwickeln konnte.'

Doch die SAP-Mitarbeiter waren einen partnerschaftlichen und zielorientierten Umgang miteinander gewöhnt und Überheblichkeit war nicht Teil der SAP-Kultur, so dass beide Seiten nach einem neugierigen Beschnuppern schnell zu einer guten fachlichen Zusammenarbeit übergehen konnten. Joachim Singer: 'Ich war überrascht, dass ich mich selbst an meinen Vorgesetzen wenden konnte, als ich anfänglich Schwierigkeiten mit unserer IT hatte und er mir auf dem kurzen Dienstweg und äußerst hilfsbereit zur Hand ging.' Für ihn zählt die gemeinsame Arbeit mit den SAP-Kollegen auch deshalb zur 'besten West-Erfahrung', die ihm in der Nachwendezeit widerfuhr. 'Bei den Besuchen in Walldorf scherzten wir, es sei bei der SAP in Walldorf so ideal, wie der Kommunismus immer hatte sein wollen: kostenloses Essen für die Mitarbeiter, Firmenwagen für alle, Tennisspielen während der Arbeitszeit…'

Mit den Berliner Kollegen hatte man wenig zu tun, aber es gab eine Art 'edlen Wettstreit mit Berlin', so Kemna. Wichtig für die SAP war es, mit Berlin auch einen herstellerneutralen Standort im Osten zu haben, um neben der Dresdner Kooperation mit Siemens auch die Zusammenarbeit mit Hardware-Herstellern wie Compaq, HP und IBM nicht zu vernachlässigen.

Letztlich erwies sich die Strategie, sich mit zwei Standbeinen aufzustellen, als stabile Grundlage für das Ostgeschäft. Zudem bot SAP ehemaligen DDR-Fachkräften in Berlin und Dresden eine neue berufliche Heimat. Sie erfuhren damit auch eine Anerkennung ihrer individuellen Lebensleistung in der DDR, was in der Nachwendezeit keineswegs selbstverständlich war.

Wie ginges weiter?

1993wurdeSRS privatisiert, und derTreuhandanteil von 10Prozent wurde zu gleichen Teilen an SAP und Siemensverteilt. Im Genehmigungsverfahren beim Kartellamt begründeten Siemens-Nixdorf und SAP den Schritt: 'Bisher leistet RPDan der Wertschöpfung bei SRS keinen Beitrag'. Joachim Singer: 'Außer den Mitarbeitern von Robotron, die aber nun mittlerweile schon drei Jahrebei SRS waren, gab es keinerlei Beziehungen zu diesem Robotron-Projekt - eswurden keine Produkte übernommen - außer den Mitarbeitern und ihrem Wissen, was ja zu großen Teilen durch SAP und Siemens erneuert wurde, gab es tatsächlich nichts, was das Robotron-Projekt noch beitrug.'

Zehn Jahre später war SRS einerder wichtigsten Arbeitgeber in der Region. Der SAP-Anteil am Beratungsgeschäft der SRS wuchs stetig.'SAP erlebte einen wahnsinnigen Aufstieg, während Siemens-Nixdorf seiner Auflösung im Jahre 1998 entgegensah', soHutzelmann, der 1996 zu Siemens wechselte. 'Folglich ging die SRS zu 100Prozentan SAP.'

1997 wurden die SRS, die SAP System Integration AG (SAP SI) in Alsbach-Hähnlein und die SAPSolutions in Freiberg am Neckar gemeinsam zur neuen SAP SI. Als solche gingen sie 2008 vollständig in den Mutterkonzern aufund man bezogdie neuen SAP-Bürogebäude am Postplatzin Dresden.

Standort Dresden feiert 30-jähriges Jubiläum

Dresden ist heute ein wichtiger Standort im SAP-Universum- Hans-Matthias Fischer sieht die Gründe dafürvor allem in seiner breitenAufstellung: 'Der Mix aus Consulting, Vertrieb, Applikationsmanagement, Kundenbetreuung, IT-Support, Global Cloud Servicesund SAP Research machtDresden attraktivund stark. Die Region profitiert von SAPDresden.' Im Novemberwird der Standort dreißigJahre alt - er ist ein wichtiger Teil der SAP-Geschichtegeworden. Fischer: 'Die Entwicklung der SRS ist für uns, die wir Mut undst Fähigkeiten mitbrachten, eine gigantische Chance gewesen, für die wir heute sehr dankbar sind.'

Tags: Menschen, SAP

SAP SE veröffentlichte diesen Inhalt am 20 November 2020 und ist allein verantwortlich für die darin enthaltenen Informationen.
Unverändert und nicht überarbeitet weiter verbreitet am 20 November 2020 07:04:02 UTC.


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