Die wirtschaftliche Performance von Pirelli war und ist nicht gerade glänzend: Der Umsatz stieg nur moderat von 5,9 Milliarden Euro im Jahr 2017 auf 6,8 Milliarden Euro im Jahr 2024, während der Betriebsgewinn im gleichen Zeitraum von 738 Millionen auf 947 Millionen Euro anstieg - und der Druck auf die Cashflows bleibt stark.
Obwohl die Margen und Rentabilität von Pirelli höher sind als die von Goodyear oder Sumitomo, bleiben sie hinter denen von Michelin oder Bridgestone zurück. Die Dividende pro Aktie scheint seit 2023 ein Maximum erreicht zu haben - sie lag in diesem Jahr bei 0,218 Euro, verglichen mit 0,198 Euro im Jahr 2024.
Eigentlich sollte das italienische Unternehmen gestern seinen Vorstand im Vorfeld der jährlichen Hauptversammlung zusammenrufen, musste die Sitzung jedoch in letzter Minute verschieben.
Als Grund wird eine Notfallsituation angegeben: Der Vorstand fordert Sinochem – den Hauptaktionär von Pirelli mit 37% des Kapitals – auf, seinen Anteil auf ein niedrigeres Niveau als das von Camfin zu reduzieren – der Holding des italienischen Geschäftsmanns Tronchetti Provera, der dreißig Jahre lang Geschäftsführer von Pirelli war.
Der offizielle Grund bezieht sich auf ein Geschäftsrisiko auf dem amerikanischen Markt, wo Pirelli ein Viertel seines Umsatzes erzielt. Ein von dem chinesischen Chemieunternehmen Sinochem – das 2015 Anteile erwarb – dominiertes Aktionariat würde dort angeblich schlecht aussehen.
MarketScreener kann enthüllen, dass hinter diesem Vorwand eine viel profanere Realität steckt, nämlich ein Machtkampf – eine echte florentinische Intrige – zwischen Tronchetti Provera und Sinochem. Der Erstgenannte, dem kein guter Ruf vorauseilt, beabsichtigt, die volle Kontrolle über Pirelli zu behalten, die er immer noch als sein quasi privates Eigentum ansieht.
Provera, ein Meister in der Kunst, raffinierte Einfluss- und Kontrollstrategien zu entfalten – eine Kontrolle, die er bisher über Pirelli ausüben konnte, ohne die Mehrheit der Anteile zu besitzen –, hatte es bereits vor zwei Jahren geschafft, seine chinesischen Partner auszutricksen, als die italienische Regierung eingriff, um die Aktionärsrechte von Sinochem zu beschränken.
Der gerissene Geschäftsmann balancierte bisher auf einem schmalen Grat mit einem sehr klaren Ziel: sich die Unterstützung von Sinochem im Kapital des Reifenherstellers zunutze zu machen, um Marktanteile in China zu gewinnen, aber vor allem keine Kontrolle über Pirelli abzugeben.
Gut informierte Quellen, die dem Fall und dem Analystenteam von MarketScreener nahestehen, ließen kürzlich durchblicken, dass die Chinesen nicht länger bereit sind, sich auf diese Art und Weise über den Tisch ziehen zu lassen. Die Vorstandssitzung dürfte daher von hoher Spannung geprägt sein.
Obwohl Provera versuchte, gegenüber Sinochem durch seinen Rücktritt als Geschäftsführer Zugeständnisse zu machen, war niemandem entgangen, dass es sich dabei lediglich um eine Fassade handelte. Sein Nachfolger Andrea Casaluc, der seit langem als einer seiner loyalsten Verbündeten gilt, dürfte kaum eine Änderung der bisherigen Geschäftspolitik einläuten.
Der Fall Pirelli ist bezeichnend für das Muster, das sich häufig nach der kapitalistischen Verflechtung großer italienischer Unternehmen mit internationalen Konzernen abzeichnet. Die Fälle von EssilorLuxottica, Telecom Italia oder Generali stehen ebenfalls stellvertretend für diese Entwicklung.



















