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Merck : Größe ist nicht alles - Merck-Chefin baut auf Pharmageschäft

15.09.2021 | 16:54
ARCHIV: Merck-Logo in Darmstadt, Deutschland, 28. Januar 2016. REUTERS/Ralph Orlowski

(Stellt im siebten Absatz Nachnamen des Vorfahren Friedrich Jakob Merck klar, nicht Engel wie die Apotheke.)

- von Patricia Weiss und Ludwig Burger

Frankfurt (Reuters) - Die Corona-Pandemie hat Merck-Chefin Belen Garijo einen glänzenden Amtsantritt beschert.

Zweimal schon konnte der Dax-Konzern in diesem Jahr seine Ziele anheben, denn die weltweite Forschung nach Covid-19-Impfstoffen sorgt für einen Auftragsboom im Life-Science-Geschäft, das ein wichtiger Zulieferer für Pharmaunternehmen ist. Die Aktie befindet sich auf Höhenflug. Allerdings musste das Unternehmen in der Entwicklung neuer Medikamente, die Garijo lange verantwortete, in diesem Jahr schon einige Rückschläge verkraften. Doch die neue Chefin ist zuversichtlich und weist skeptische Stimmen zurück, Merck könnte den Anschluss an die internationale Konkurrenz verlieren. Größe alleine sei im Pharmageschäft nicht alles, sagt Garijo im Reuters-Interview.

"Wir haben aus der Pandemie gelernt, dass klein schön sein kann. Die Trends haben sich geändert", betont die Managerin, die im Mai das Ruder bei Merck übernahm und zuvor seit 2015 Leiterin des Pharmageschäfts war. "Es gibt mehrere Unternehmen, die in kürzester Zeit zu Helden geworden sind, nachdem sie viele Jahre an der mRNA-Technologie geforscht haben", sagt sie mit Blick auf Unternehmen wie BioNTech und Moderna, die die weltweit ersten erfolgreichen Covid-19-Impfstoffe entwickelten und damit auf einen Schlag Milliardenumsätze erzielten.

Mit einem Jahresumsatz von zuletzt gut 6,6 Milliarden Euro im Gesundheitsgeschäft zählt Merck eher zu den kleineren Anbietern im Pharmamarkt und schafft es nicht unter die weltweiten Top-20. Zum Vergleich: Biontech erwartet dieses Jahr knapp 16 Milliarden Euro Umsatz aus seinem Covid-19-Impfstoff, nachdem die Firma 2020 nur rund 482 Millionen Euro umsetzte. Merck hat im Pharmageschäft eine lange Durstrecke hinter sich und konnte 2017 mit der Krebsimmuntherapie Bavencio erstmals seit neun Jahren ein neues Medikament auf den Markt bringen.

Dem Einsatz von Garijo wird es maßgeblich zugeschrieben, dass ein zweiter Anlauf mit dem Multiple-Sklerose-Mittel Mavenclad glückte, das im ersten bei den Arzneimittelbehörden noch durchgefallen war. Sie fädelte zudem eine milliardenschwere Partnerschaft mit dem britischen Pharmakonzern GlaxoSmithKline für das Krebsmittel Bintrafusp alfa ein. Der einstige Hoffnungsträger floppte dieses Jahr aber bereits in mehreren Studien - zu seiner Zukunft wollte sich Garijo nicht äußern. Bei der Prognose für den Umsatz durch neue Produkte aus der Entwicklungspipeline im Jahr 2022 musste die Merck-Chefin kürzlich Abstriche machen und erwartet nun noch 1,6 bis 1,8 Milliarden Euro statt rund zwei Milliarden, da die Pandemie die Markteinführung neuer Produkte bremste.

LÜCKEN IN DER PIPELINE DROHEN

Ob Merck nach der langen Schwächephase die Wende im Pharmageschäft gelungen ist, sei noch offen, urteilen die Experten der Berenberg Bank. "Der jüngste Rückschlag für Bintrafusp hinterlässt eine weitere Lücke in der Pipeline." Zweifel, ob Merck im Pharmageschäft die richtige Größe hat, um im globalen Wettbewerb bestehen zu können, weist Garijo zurück: "Es ist nicht nur eine Frage der Größe. Es ist komplexer als das. Es geht darum, das Kapital wirklich in den Bereichen zu investieren, in denen man wettbewerbsfähig sein und Einfluss haben kann. So denke ich über Pharma. Wir sind in den richtigen Märkten."

Aus den Entwicklungsrückschlägen müsse Merck lernen. "Ich fordere unsere Teams immer wieder auf, die Biologie eines jeden Wirkstoffs wirklich tiefer zu verstehen, um noch bessere Ergebnisse in der klinischen Entwicklung zu erzielen." Merck bemühe sich kontinuierlich, seine Forschung und Entwicklung noch produktiver zu gestalten und ziehe dabei auch externe Medikamentenkandidaten in Betracht. "Wir entscheiden sehr genau, was wir in die Entwicklung aufnehmen, und werden uns weiter fokussieren." Ziel ist, dass rund 75 Prozent des Pharmawachstums aus neuen Produkten kommen soll. Bis 2025 erwartet Merck in dem Bereich ein jährliches organisches Wachstum im mittleren einstelligen Prozentbereich.

Dass dem Konzern trotz der Rückschläge nicht der Geduldsfaden im Pharmageschäft riss, ist auch der Merck-Familie geschuldet, die hinter dem Unternehmen steht. Die Nachfahren von Friedrich Jacob Merck, der 1668 mit dem Kauf der Engel Apotheke in Darmstadt die Keimzelle für den weltweit ältesten Arzneimittelhersteller legte, halten bis heute rund 70 Prozent der Anteile. In den Fokus rückte in den vergangenen Jahren das Life-Science-Geschäft, das mit Übernahmen deutlich ausgebaut wurde und inzwischen 43 Prozent des Konzernumsatzes ausmacht.

PANDEMIE WAR WECKRUF

Im Life-Science-Geschäft, das Produkte für die Pharmaforschung und Arzneimittelherstellung anbietet, hat die Pandemie laut Garijos Vorgänger Stefan Oschmann für eine "nie dagewesene Nachfrage" gesorgt. Zeitweilig kam es zu Engpässen, die Teams arbeiten nach wie vor rund um die Uhr. Merck hat daraus gelernt, wie Garijo betont: "Die Pandemie war ein Weckruf. Sie müssen weltweit präsent sein, sie brauchen eine globale Präsenz, um mit potenziellen Handelsbeschränkungen umgehen zu können. Aber wir haben gelernt, damit umzugehen."

Wegen der Handelsbeschränkungen, zu denen es im Zuge der Pandemie kam, habe Merck seine weltweite Aufstellung bei jeder Gelegenheit verbessert. Das wachsende Risiko des Protektionismus ist dabei für das Unternehmen zu einem wichtigen Aspekt bei seinen Überlegungen geworden. "Jede zukunftsgerichtete Entscheidung, die wir getroffen haben, hat die geografische Dimension miteinbezogen. Wir haben unsere Entscheidungsprozesse neu gestaltet, um die Technologietrends der Zukunft nicht nur besser zu antizipieren, sondern auch, um unsere Präsenz vor Ort anzupassen."


© Reuters 2021
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