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MERCK IM FOKUS: Börsen-Hype trotz Unsicherheit

27.01.2020 | 08:36

DARMSTADT (dpa-AFX) - Dem Pharma- und Chemiekonzern Merck gibt die Börse aktuell reichlich Kredit. Die Krise im Geschäft mit Spezialmaterialien ist zwar noch nicht gänzlich ausgestanden, doch schaffte die Aktie am vergangenen Freitag einen neuen Rekord. Was los ist beim Unternehmen, was die Analysten sagen und was die Aktie macht.

LAGE DES UNTERNEHMENS:

Seit seinem Amtsantritt 2016 treibt Konzernchef Stefan Oschmann den Umbau hin zu einem stark auf Wissenschaft und Technologie spezialisierten Konzern voran. Allerdings macht günstige Konkurrenz aus Asien Merck das Leben im wichtigen Geschäft mit Flüssigkristallen schwer, die etwa in Bildschirmen und Smartphones verwendet werden. Mit der milliardenschweren Übernahme des US-Halbleiterzulieferer Versum versucht der Darmstädter Dax-Konzern nun die Kurve zu kriegen.

Nach einer kurzen Übernahmeschlacht gehört das amerikanische Unternehmen seit Herbst 2019 zum südhessischen Traditionskonzern. Merck will durch Versum und auch mithilfe des Neuzugangs Intermolecular, einem Materialspezialisten aus Kalifornien, in einer neuen Liga spielen. Der Konzern will sich vor allem auf das Halbleitergeschäft ausrichten und als Lieferant für die Elektroindustrie auftreten - einem Markt, den die Darmstädter als besonders vielversprechend und lukrativ ansehen.

Zur jüngsten Quartalsbilanz musste der Vorstand im Spezialchemiegeschäft indes noch einen Umsatzrückgang um fast sieben Prozent einräumen. Hier machte sich der anhaltende Rückgang bei den Flüssigkristallen bemerkbar. 2020 will der Konzern nun seine Durststrecke in dem Bereich endlich hinter sich lassen. Zuletzt gab es auch Gerüchte, dass Merck hierzu sein Pigment-Geschäft verkaufen könnte, in dem der Konzern etwa Farbzusätze für die Auto- und Kosmetikindustrtie herstellt.

Auch im Pharmageschäft steht Merck ein spannendes Jahr bevor. So steht die Auswertung einer wichtigen Lungenkrebsstudie mit dem Medikament Bavencio an. Merck stieß mit dem Mittel in das Wachstumsfeld der Immun-Onkologie vor, hat bislang aber nur Zulassungen für Indikationen mit kleinerem Umsatzpotenzial. Zudem floppte das Mittel bei wichtigen Studien zu Eierstock- und Magenkrebs.

Grundsätzlich ging es im Pharmageschäft nach einer Delle zuletzt wieder aufwärts, unter anderem dank des noch recht jungen Mittels Mavenclad gegen Schuppenflechte. Eine zuverlässige Konstante bleibt zudem das Laborgeschäft. In der durch die Übernahme von Sigma Aldrich 2015 gestärkten Sparte florieren die Geschäfte.

Bisher hat Merck damit seinem Vorhaben alle Ehre gemacht. Nach einem Übergangsjahr 2018 hatte Unternehmenschef Oschmann Wachstum "bei allen wichtigen Kennzahlen" in Aussicht gestellt. Tatsächlich hatten in den ersten neun Monaten operativer Gewinn und Erlöse kräftig angezogen. Daraufhin hob der Vorstand seine Jahresprognose an. Man darf also gespannt sein, wie sich die Zahlen zum Schlussquartal lesen. Diese legt der Konzern am 5. März vor.

DAS SAGEN DIE ANALYSTEN:

Mit Blick auf die weitere Entwicklung bei Merck sind nicht wenige Analysten durchaus skeptisch. So hält Krishna Chaitanya Arikatla von der US-Investmentbank Goldman Sachs die Markterwartungen vor allem für das MS-Mittel Mavenclad für zu hoch. Zudem macht sich der Experte um das nicht unerhebliche China-Geschäft der Pharmasparte Sorgen, weil er dort aufkommenden Konkurrenz- und Preisdruck wittert.

Analystin Emily Field von der britischen Barclays-Bank ist ebenfalls wenig zuversichtlich. Ihrer Meinung nach dürfte sich die zuletzt starke Gewinndynamik im operativen Geschäft bei dem Konzern 2020 nicht wiederholen. Die Expertin sieht deshalb für die Aktie im ersten Quartal dieses Jahres sogar größeres Rückschlagpotenzial und rät Anlegern deshalb, die Papiere "unterzugewichten".

Anders sieht es Analyst Wimal Kapadia vom Analysehaus Bernstein. Aus seiner Sicht steht der Darmstädter Konzern vor einem guten ersten Halbjahr.

Auch insgesamt ist die Riege der im dpa-AFX Analyser erfassten 16 Pharmakenner mit Blick auf die Merck-Aktie eher zurückhaltend eingestellt. Die klare Mehrheit hat ein neutrales Votum, und zwei Experten votieren gar für den Verkauf. Dagegen sind nur drei Analysten der Meinung, dass das Papier noch einen Kauf wert ist. Mit im Mittel rund 105 Euro liegt das aktuelle Kursziel der Experten aber deutlich unter dem aktuellen Kurs von 120 Euro.

DAS MACHT DIE AKTIE:

Mit ihrem Höhenflug läuft die Merck-Aktie derzeit dem europäischen Pharmasektor vorweg. Der Stoxx Europe 600 Healthcare hat seit Jahresbeginn gut vier Prozent hinzugewonnen, während das Merck-Papier auf einen Zuwachs von fast 14 Prozent kommt. Allerdings hat die Aktie auch einiges nachzuholen. Denn im gesamten vergangenen Jahr 2019 kam die Pharmabranche in Europa an der Börse auf ein Plus von rund einem Drittel. Das Merck-Papier schaffte indes nur ein Plus von 17 Prozent.

Dabei kam die Aktie auch aus einem tiefen Tal: Die Sorge um das Flüssigkristallgeschäft hatte ihren Kurs bis Ende März 2018 bei 74,54 Euro auf das niedrigste Niveau seit rund zwei Jahren fallen lassen. Zuvor hatten Anleger in der Hoffnung auf neue erfolgreiche Medikamente aus dem Konzern die Aktie bis auf das damalige Zwischenhoch von gut 115 Euro getrieben.

Inzwischen also schwimmt Merck auch in Erwartung einer Erholung bei den Spezialchemikalien an der Börse wieder ganz obenauf. Der weitere Kursverlauf dürfte damit auch davon abhängen, wie es tatsächlich in dem Bereich weitergeht./tav/stw/mne/jha/


© dpa-AFX 2020
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