Berlin (Reuters) - Die Nachfrage nach Container-Transporten über die Weltmeere ist laut Deutschlands größter Reederei Hapag-Lloyd in den vergangenen Wochen deutlich gestiegen.

Seit Anfang Mai werde bei den Buchungen eine starke Zunahme beobachtet, sagte Hapag-Lloyd-Chef Rolf Habben Jansen am Mittwoch bei einer Online-Präsentation und -Fragerunde mit Kunden des Hamburger Unternehmens. Über den tieferen Grund könne nur spekuliert werden, aber es dürfte eine Kombination mehrerer Faktoren sein. Zum einen würden in einigen Branchen die Lager aufgefüllt, und die Verbrauchernachfrage falle möglicherweise etwas größer aus als erwartet. Zudem würden Reederei-Kunden Lieferungen vorziehen, um in ihrer anstehenden Hochsaison zuverlässig ihre Produkte auf Lager zu haben.

"Die Leute wollen auf der sicheren Seite sein", sagte Habben Jansen. Es gebe Verunsicherung, was die zweite Jahreshälfte bringen werde. "Die ganze Situation wird nicht besser, weil alle anfangen, denselben Container zwei oder drei Mal zu buchen." Die Spotraten - also die Gebühren, die Reedereien aktuell für den Transport pro Container nehmen - seien in den vergangenen vier bis sechs Wochen deutlich gestiegen. "Das kam unerwartet." Die Raten hatten zwar schon zu Beginn des Jahres wegen der Krise im Roten Meer zugelegt, sich im März und April aber wieder normalisiert.

In der Branche, die für den Transport von rund 80 Prozent des weltweiten Handelsvolumens steht, wiederholt sich gerade in bisher deutlich kleinerem Stil jene Situation, die es während Corona gegeben hat: In einigen Häfen vor allem in China und anderen asiatischen Ländern stauen sich Schiffe, leere Container stranden und sind andernorts mitunter Mangelware. Auslöser ist, dass die großen Reedereien wegen Angriffen von Huthi-Rebellen aus dem Jemen seit Mitte Dezember den Suezkanal meiden. Der Umweg über die Südspitze Afrikas bringt Verzögerungen und macht den Einsatz zusätzlicher Schiffe notwendig. Für die Reedereien entstehen Mehrkosten, sie können aber auch höhere Frachtraten nehmen.

In der Branche wird damit gerechnet, dass der Trend zu höheren Raten noch länger anhält - unter anderem weil US-Einzelhandelsriesen wie Walmart oder Target ihre Lager bereits für das Weihnachtsgeschäft aufstocken. Zudem dürften Industrie und Importeure Lieferungen vorziehen, um mögliche Zollerhöhungen zu vermeiden.

Auch Hapag-Lloyd-Chef Habben Jansen hält es für möglich, dass die beobachteten Effekte etwas mit einer Anhebung von US-Zöllen zu tun haben könnten. Er geht aber davon aus, dass der Höhenflug der Frachtraten nur vorübergehend ist. Mit einer Entspannung der Lage im Roten Meer rechnet er weiterhin noch vor Ende des Jahres. Hapag-Lloyd ist mit rund 280 Schiffen die fünftgrößte Reederei der Welt, die Verbindungen nach Nordamerika sind traditionell ein wichtiger Geschäftsbereich des Traditionskonzerns.

(Bericht von Elke Ahlswede, unter Mitarbeit von Lisa Baertlein in Los Angeles, redigiert von Myria Mildenberger. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)