Von Nuha Dolby und Benjamin Katz

LONDON (Dow Jones)--Im vergangenen Sommer war das Fliegen in Europa bereits ein Alptraum. Dieses Jahr ist es, zumindest was die Verzögerungen betrifft, sogar noch schlimmer. Passagiere, die in der Region reisen, mussten in diesem Sommer bisher mehr Verspätungen bei Flügen hinnehmen als vor einem Jahr. Damals kämpften Touristen und Geschäftsleute mit langen Warteschlangen, verlorenem Gepäck und regelmäßigen Annullierungen, da die steigende Nachfrage die Flughäfen überforderte.

Auch in diesem Sommer stehen Fluggesellschaften und Flughäfen vor einer Reihe von Herausforderungen. Ein Mangel an Fluglotsen hat Auswirkungen auf die Anzahl der Flüge, die tagsüber abgefertigt werden können. Waldbrände in einigen der beliebtesten Touristenziele Europas haben Fluggesellschaften dazu veranlasst, Maschinen umzuleiten, um Urlauber zurückzuholen. Und der Krieg in der Ukraine hat den zuvor regelmäßig genutzten Luftraum gesperrt. Außerdem streiken in der gesamten Region Beschäftigte, darunter Kabinenpersonal und Piloten


Ein Drittel der Flüge verspätet. 

Nach Angaben von Flightaware, einem Luftfahrt-Trackingdienst, hatte mehr als ein Drittel der Flüge zwischen Anfang Mai und Anfang August an den 50 größten Flughäfen Europas eine Verspätung von 15 Minuten oder mehr. Im Vergleich dazu lag dieser Wert im gleichen Zeitraum des Vorjahres bei etwa 29 Prozent und im Jahr 2019 bei etwa 24 Prozent.

"Dieser Sommer wird schwierig", stöhnte Ryanair-Chef Michael O'Leary von Europas größter Fluggesellschaft nach Passagierzahlen, vergangenen Monat bei einer Telefonkonferenz mit Investoren. Besonders frustrierend seien Engpässe und Streiks bei der Flugsicherung gewesen. Die Schwierigkeiten für den Flugverkehr in Europa nehmen auch gerade deshalb zu, da sich in diesem Sommer immer mehr US-Touristen für einen Besuch in der Region entscheiden.

Unter den europäischen Flughäfen lag Lissabon mit fast der Hälfte aller verspäteten Flüge an der Spitze der Liste. Auf den weiteren Plätzen landen London Gatwick, Athen, Nizza und Paris Charles de Gaulle. An mehreren der größten Drehkreuze des Kontinents haben sich die Verspätungen verschlimmert, darunter London Heathrow und der Frankfurter Flughafen, die im vergangenen Jahr am stärksten von Störungen betroffen waren. Andererseits hat sich die Pünktlichkeit am Flughafen Amsterdam Schiphol verbessert.


Weniger Annullierungen 

Ein Lichtblick in Europa in diesem Sommer sind weniger Flugausfälle. Im Zeitraum Mai bis August wurden 0,9 Prozent aller Flüge gestrichen, verglichen mit 1,4 Prozent in den gleichen Monaten des Vorjahres, wie Flightaware-Daten zeigen. Auch die Flugverspätungen an den 50 größten US-Flughäfen nahmen im Zeitraum Mai bis August zu, wenngleich der Anstieg auf etwa 26 (24) Prozent aller Flüge nicht so stark ausfällt wie in Europa.

Die Ursachen für Verspätungen in diesem Sommer "sind Themen, die außerhalb der Zuständigkeit der Flughafenbetreiber liegen", so Generaldirektor Olivier Jankovec vom Airports Council International Europe, einem Branchenverband. Er sagt, dass es den Flughäfen im Großen und Ganzen gelungen sei, Personal auf den von ihnen kontrollierten Feldern wie der Sicherheit aufzustocken, um eine Wiederholung der Störungen vom Vorjahr zu verhindern.


Keine Rückkehr nach der Pandemie 

Die Personalbesetzung war vergangenen Sommer ein entscheidender Faktor, insbesondere bei der Gepäckabfertigung. Nachdem sie während der Pandemie Arbeitskräfte auf die Straße gesetzt hatten, konnten Fluggesellschaften und Flughäfen nicht alle zurückbekommen.

In diesem Jahr hatte die Luftfahrtindustrie zwar mehr Zeit, sich vorzubereiten, aber die Auslastung ist höher. Laut Eurocontrol, der Flugverkehrsbehörde des Kontinents, hat die durchschnittliche Zahl der täglichen Flüge in ganz Europa in diesem Jahr mehr als 27.000 erreicht, was einem Anstieg von 12 Prozent gegenüber 2022 entspricht.

"Wir verfügen über die Ressourcen, die zum Fliegen notwendig sind, aber das Problem ist, dass wir in einem sehr schwierigen Umfeld stecken", verteidigte sich Luis Gallego, Chef der British-Airways-Muttergesellschaft IAG, Ende Juni vor Reportern. Als Herausforderungen nannte er unter anderem Probleme bei der Flugsicherung, Streiks und kriegsbedingte Luftraumstörungen. Die Störung habe im Vergleich zum Vorjahr einen Kostenanstieg von etwa 140 Millionen Euro ausgelöst, hauptsächlich zur Deckung von Umbuchungs- und Entschädigungskosten.

Audrey Eager flog diesen Monat mit Aer Lingus - der irischen Fluggesellschaft der IAG - vom Flughafen Dublin aus, als ihr Flug zwei Stunden Verspätung hatte. Über die Kabinensprechanlage führte ihr Pilot die Verzögerung auf das Wetter und Verzögerungen bei der Flugsicherung zurück, die so lange andauerten, dass ein Wechsel der Besatzung erforderlich war. Auch ihr Rückflug von London Gatwick hatte zwei Stunden Verspätung. "Es gab keine Ankündigungen, keinerlei Updates auf den Bildschirmen, nicht einmal die Aussage, dass es sich verzögert habe", ärgert sich Eager noch immer.


Waldbrände in Südeuropa belasteten Airlines 

Ein Teil der Störungen liegt nicht in der Hand der Branche. In Griechenland wurde der Betrieb durch Waldbrände unterbrochen, die in zwei der beliebtesten Touristenziele des Landes - auf Rhodos und Korfu - wüteten. Airlines und Reiseveranstalter haben Flüge in das Land gestrichen. Sie haben auch Rückholflüge eingesetzt, um die Evakuierung Tausender gestrandeter Urlauber zu unterstützen.

In den vergangenen Wochen kämpften Feuerwehrleute gegen einen Waldbrand in der Nähe des internationalen Flughafens von Nizza. Zugleich machte auf Sizilien der Flughafen Falcone Borsellino in Palermo vorübergehend dicht, als die Flammen nahe rückten.

Ein Mangel an Fluglotsen, die mit der Überwachung von Flügen und der Bearbeitung von Landungen und Starts betraut sind, hat die Anzahl der Flüge, die zu bestimmten Zeiten abgewickelt werden können, verringert. Abflugbereite Maschinen mussten auf den Start- und Landebahnen warten, während landebereite Flugzeuge Schleifen zu drehen hatten, während sie auf die Rückkehr eines Fluglotsen aus den Pflichtpausen warteten.

Viele Arbeitnehmer verließen während der Pandemie meist zwangsweise die Branche. Und die Behörden haben jetzt Mühe, genügend Personal zu rekrutieren und auszubilden, um den Luftraum in Ländern wie Deutschland, Griechenland und Großbritannien ordnungsgemäß zu managen.

In Frankreich sind Fluglotsen wiederholt in den Streik getreten und haben sich damit einer größeren Welle von Arbeitsniederlegungen wegen der Bezahlung angeschlossen. Dieser generelle Unmut sorgte dafür, dass Gepäckabfertiger, Sicherheitsbedienstete und Kabinenpersonal entweder in den Ausstand traten oder Termine für Arbeitskämpfe festlegten.

Die Billigfluggesellschaft Easyjet hat Anfang des Monats 1.700 Flüge gestrichen, von denen die meisten vom Flughafen Gatwick abgehen sollten, und verwies auf "beispiellose Verzögerungen bei der Flugsicherung". Gatwick selbst habe die Anzahl der Flüge zu Spitzenzeiten begrenzt, um Störungen auszugleichen, teilte der Flughafen mit.

Verschärft wird die Situation durch den Krieg Russlands in der Ukraine, der zu Warteschleifen am Himmel über Deutschland und dem Balkan geführt hat. Auch militärische Überflüge nahe der Grenze zur Ukraine haben regelmäßig Teile des Luftraums blockiert. "Wir haben gesehen, dass für die kommerzielle Luftfahrt weniger Luftraum zur Verfügung steht, insbesondere in Osteuropa", berichtet Easyjet-Chef Johan Lundgren. "Viele der Flüge, die zuvor über dem russischen Luftraum stattfanden, wurden in den ukrainischen Luftraum verschoben."

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August 07, 2023 09:48 ET (13:48 GMT)