--Esma sollte breites Mandat und direkte Aufsichtsbefugnisse bekommen

--Esma könnte Rolle wie SEC bei US-Eisenbahnbau spielen

--BNP-Paribas-CEO Lemierre: Europa braucht einheitliche Kapitalmarktaufsicht

(NEU: Reaktionen europäischer Bankenchefs)

Von Hans Bentzien und Matthias Goldschmidt

FRANKFURT (Dow Jones)--EZB-Präsidentin Christine Lagarde hofft, dass die finanziellen Herausforderungen durch Klimawandel, neue Lieferketten und demografische Probleme dazu führen werden, dass Europa einen energischen Anlauf zur Integration seiner Kapitalmärkte nimmt. Lagarde plädierte beim 33. European Banking Congress in Frankfurt für eine Zentralisierung von Aufsichtsaufgaben bei der Europäischen Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde (Esma), so dass diese eine ähnliche Rolle wie die Securities and Exchange Commission (SEC) beim US-Eisenbahnbau im 19. Jahrhundert spiele könne.

Die Chefs großer europäischer Banken unterstützten den Vorstoß der Chefin der Europäischen Zentralbank (EZB). Die EZB selbst fungiert nicht nur als zentrale geldpolitische Behörde, sondern ist auch für die Bankenaufsicht zuständig. Diese Zentralisierung der Aufsicht hat selbst nach dem Urteil von Bankenmanagern dazu beigetragen, dass Europa von Turbulenzen wie in den USA und der Schweiz verschont geblieben ist.


   Lagarde: Europas Herausforderungen ähneln denen der USA im 19. Jahrhundert 

Lagarde zufolge ähneln die Herausforderungen, vor denen Europa heute steht, denen der USA während des Eisenbahnbaus im 19. Jahrhundert. Damals habe die US-Regierung mit der Schaffung einer zentralen Securities and Exchange Commission (SEC) die Voraussetzungen für eine Finanzierung dieser Vorhaben geschaffen und sich damit den partikularen Interessen der Bundesstaaten entgegengestellt.

Heute stehe Europa wegen des Klimawandels, demografischer Probleme, der notwendigen Digitalisierung sowie der Neuausrichtung von Lieferketten vor ähnlichen Herausforderungen. Aber die Bemühungen um eine Integration der Kapitalmärkte sind Lagarde zufolge bisher Stückwerk geblieben. Die Esma übernehme einen Teil der Aufgaben in der EU, aber sie sei nicht wirklich einheitlich.

"Die Aufsicht bleibt weitgehend auf nationaler Ebene, wodurch die Anwendung der EU-Vorschriften fragmentiert wird. Tatsächlich sind die Durchsetzungsbefugnisse oft auf mehrere nationale Regulierungsbehörden aufgeteilt", bemängelte Lagarde.


   Lagarde: Starke Esma würde Risiken durch grenzüberschreitende Aktivitäten mindern 

Die Schaffung einer europäischen Börsenaufsichtsbehörde, zum Beispiel durch Ausweitung der Befugnisse der Esma, könnte Lagarde zufolge die Lösung sein. "Sie bräuchte ein breit gefächertes Mandat, das auch eine direkte Beaufsichtigung einschließt, um die von großen grenzüberschreitenden Unternehmen und Marktinfrastrukturen wie den zentralen Gegenparteien in der EU ausgehenden systemischen Risiken zu mindern."

Jean Lemierre, der Verwaltungsratspräsident von BNP Paribas sagte: "Madame Lagarde hat völlig Recht: Wenn wir einen einheitlichen Markt für Geld haben wollen, müssen wir einen einheitlichen Aufseher dafür haben." Aus Gründen der Konsolidierung hält Lemierre eine Kapitalmarktunion jedoch nicht unbedingt für notwendig. "Ich würde nicht sagen, dass es keine Konsolidierung im Bankensektor gibt. Das stimmt nur für den Retail-Markt." Zwar gebe es derzeit keine Deals, bei denen Investment-Banker Geld verdienen könnten, aber es finde eine weltweite Konsolidierung Aktivitäten statt.


   Sewing: Unterschiedliche nationale Anforderungen sind "schwierig" 

"Was dieser Kontinent braucht, ist eine Kapitalmarktunion", sagte Deutsche-Bank-CEO Christian Sewing. Eine größere Kapitalmarktunion mit Anleiheemissionen und einer größeren Liquidität würde die anderen Teile des Kapitalmarkts wie Risikokapital und Private Equity anziehen. Das sei Geld, das benötigt werde für die klimaneutrale Transformation, für Innovationen, Technologie und Digitalisierung. Es gebe sehr viele Investoren, die bereit wären zu investieren. Es sei aber schwierig, dass es in jedem europäischen Land verschiedene rechtliche und regulatorische Anforderungen gebe. "Es ist sinnvoll, einen europäischen Regulierer zu haben", sagte Sewing.

Kontakt zu den Autoren: hans.bentzien@dowjones.com und Matthias.Goldschmidt@wsj.com

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November 17, 2023 06:12 ET (11:12 GMT)