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Bayer steht mit Pharma-Hoffnungsträger Vitrakvi vor Hürden

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09.09.2019 | 08:33
FILE PHOTO:    Logo of Bayer AG is pictured ahead of the the annual results news conference of the German drugmaker in Leverkusen

- von Julie Steenhuysen und Ludwig Burger

Das Medikament Vitrakvi kann bei vielen Krebsarten, bei denen die Tumore von einer seltenen Genmutation verursacht werden, zum Einsatz kommen. In den USA ist es bereits auf dem Markt, in Europa hofft Bayer in den nächsten Wochen auf eine Zulassung. Bei manchen Patienten, bei denen alle anderen Behandlungsmöglichkeiten bislang zwecklos waren, kann das Mittel die Krankheit zurückdrängen. Wissenschaftler des MD Anderson Krebszentrums in Texas, eine der größten Krebskliniken in den USA, sprechen dem Mittel sogar einen "Lazarus-Effekt" zu. Es gibt jedoch einen Haken: Die seltene Genmutation tritt nur bei weniger als einem Prozent der Krebspatienten mit soliden Tumoren auf. Diese zu identifizieren ist schwieriger als gedacht, denn die Tests dafür sind noch mitten in der Entwicklung.

Bislang sind viele Krankenhäuser und Versicherer in den USA zurückhaltend bei der Einführung moderner diagnostischer Tests zur Feststellung solcher Genmutationen. Und Bayer steht mit dem Problem nicht alleine da. Auch Konkurrenten wie die Pharmakonzerne Eli Lilly, Roche und das US-Biotechunternehmen Blueprint Medicines setzen auf Krebsmedikamente zur Bekämpfung von Tumoren, die auf seltenen genetischen Mutationen beruhen. Sie investieren deshalb in die Förderung der Gensequenzierung, mit der die gesamte Tumor-DNA entschlüsselt werden kann. Außerdem stellen sie Vertriebsmitarbeiter ein, um die Akzeptanz diagnostischer Tests bei Ärzten zu verstärken. Noch werden die meisten Krebspatienten nicht routinemäßig auf Tumormutationen getestet. Das macht es gegenwärtig schwierig, diejenigen zu finden, die von diesen neuartigen Medikamenten profitieren könnten.

In Großbritannien kündigte Gesundheitsminister Matt Hancock im vergangenen Oktober an, in den kommenden fünf Jahren fünf Millionen Genome sequenzieren zu wollen. Schwerkranken Kindern soll eine vollständige Genomsequenzierung im Rahmen ihrer Behandlung angeboten werden. Das gilt auch für Erwachsene mit bestimmten seltenen Krankheiten oder schwer zu behandelnden Krebsarten. In Deutschland sind bestimmte molekulargenetische Tests bereits etabliert und erstattungsfähig. Sie werden nach Angaben des Spitzenverbands der gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen GKV von den Kassen bezahlt, wenn die Anwendung eines Krebsmedikaments dies erfordert. Bayer geht einer Sprecherin zufolge davon aus, dass mit der EU-Zulassung von Vitrakvi die Kosten für molekulardiagnostische Tests von den Krankenkassen übernommen werden.

TEURE TESTS

Bayer will 70 Millionen Dollar in die Hand nehmen, um das Bewusstsein von Patienten und Ärzten für solche Tests zu schärfen und ihre Genehmigung zu fördern, erklärte das Unternehmen gegenüber Reuters. Dieses Budget sollte noch steigen, wenn Vitrakvi in weiteren Ländern zugelassen wird. Es geht um einiges, denn Analysten trauen dem Mittel Umsätze von rund einer Milliarde Dollar im Jahr zu. Mit der Roche-Tochter Foundation Medicine will Bayer einen diagnostischen Test für Vitrakvi entwickeln. Mit dessen Hilfe soll bestimmt werden, ob Patienten die Genmutation haben und für eine Behandlung mit dem Medikament geeignet sind. Bayer hofft, dass dieser Test im Laufe des kommenden Jahres zugelassen wird. Aber auch mit anderen Diagnostikfirmen arbeitet der Konzern zusammen, um weitere Tests für Vitrakvi anbieten zu können.

Noch gibt es im wichtigen USA-Markt aber Hürden bei der Kostenerstattung solcher Tests. Dort hatte das staatliche Krankenversicherungsprogramm Medicare im vergangenen Jahr erklärt, dass es Gensequenzierungs-Tests für Patienten mit fortgeschrittenen Krebserkrankungen abdecken werde. Dem folgen für gewöhnlich auch private Versicherer. Aber nicht in diesem Fall. Ein Grund dafür sind die Kosten. "Die Kostenerstattung ist nach wie vor eine treibende Kraft", sagt Kenna Shaw vom MD Anderson Krebszentrum und verweist darauf, dass die Kosten für solche Tests bei weltweit durchschnittlich 5000 Dollar liegen.

Bei MD Anderson werden jährlich 100.000 Patienten behandelt, aber bei nur 10.000 werden letztlich die Tumore entschlüsselt. Nach Angaben von Brian Alexander, Vorstand bei Foundation Medicine, werden bei nur etwa 15 Prozent der US-Patienten mit fortgeschrittenem Krebs die Tumore sequenziert. Weitere 25 Prozent erhalten Einzel-Gentests, und ein großer Teil bekomme überhaupt keine Tests. Bremsend wirkt sich auch ein Mangel an wissenschaftlichen Beweisen aus, dass umfassende Gentests die Patientenversorgung verbessern. Nicht zuletzt fehlt es in den kommunalen Krankenhäusern, in denen 70 Prozent des US-Krebspatienten behandelt werden, oft an Fachkenntnissen, um diese Tests auszuwerten.

DIE NADEL IM HEUHAUFEN

Bayer hat derweil eine Werbekampagne mit dem Namen "Test your cancer" gestartet. Mit ihr soll Krebspatienten die Wichtigkeit von Gentests bewusst gemacht und diese darauf aufmerksam gemacht werden, bei ihren Ärzten danach zu fragen. Dabei schauen Investoren dem Konzern genau auf die Finger. Analysten fragten Pharma-Chef Stefan Oelrich anlässlich der Halbjahreszahlen nach dem Marktstart von Vitrakvi - Oelrich bezifferte allerdings nicht, wieviele Patienten bereits mit dem Mittel behandelt werden und erklärte lediglich, man komme gut voran.

Bis es zu einer weiten Verbreitung von Krebs-Gentests kommt, wird es nach Einschätzung von David Hyman vom Memorial Sloan Kettering Krebszentrum in New York, der Vitrakvi in klinischen Studien untersuchte, noch dauern. Dazu sei eine große Veränderung bei der Krebsbehandlung nötig. So lange stehen viele Patienten noch im Dunklen. "Wir sollten uns gemeinsam anstrengen, um die Testraten zu verbessern. Momentan sprechen wir vor allem über die Notwendigkeit, Patienten zu testen und sich auf die Patienten zu konzentrieren, die am meisten davon profitieren könnten", sagte Oelrich zu Reuters. "Es ist ein bisschen wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Deshalb wird sich diese Therapie nur langsam durchsetzen, aber wir sehen weiterhin wachsende Testraten bei bestimmten Tumortypen."


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