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Auf den Hund gekommen - Biotecharzneien für Haustiere auf dem Vormarsch

20.09.2019 | 14:31
Veterinarian Murad Jamal checks a dog at his veterinary clinic in Sanaa

- von Ludwig Burger

"Haustiere sind deine Freunde, Haustiere sollten deine Familie sein und nicht etwas, was Du im Hinterhof an einer Kette hältst", sagt die Amerikanerin, die als Krankenschwester in der Intensivpflege arbeitet. Moose ist sechs Jahre alt und leidet an Krebs. Lescault hat den Hund in einer klinischen Studie mit einer neuartigen Krebs-Immuntherapie angemeldet. Damit ist sie nicht alleine: Lescault muss für die Teilnahme an der Studie zwar nichts bezahlen, sie steht aber stellvertretend für eine wachsende Gruppe an Tierhaltern, die grundsätzlich bereit sind, für die Gesundheit ihres vierbeinigen Lieblings tief in die Tasche zu greifen. Das führt dazu, dass immer mehr Tiermedizin-Unternehmen Millionen in die Entwicklung komplexer Medikamente investieren, die bislang nur Menschen vorbehalten waren.

20 Jahre, nachdem Biotech-Medikamente für Menschen den Siegeszug angetreten haben, investieren Tiergesundheitsunternehmen auf der ganzen Welt verstärkt in die Entwicklung solcher Arzneien auch für Hunde und Katzen. Auch wenn sich die Preise für eine Behandlung mit diesen Medikamenten bei Menschen auf hunderttausende Dollar im Jahr belaufen können - die Kosten für die Entwicklung und Produktion dieser Mittel sind in den vergangenen Jahren deutlich gesunken, nicht zuletzt dank neuer Technologien. Das macht diesen Markt zunehmend auch für die Hersteller von Tierarzneien attraktiv.

KASSENSCHLAGER AUS GENTECHNISCH VERÄNDERTEN HAMSTERZELLEN

Für Aufsehen sorgt in der Branche derzeit ein Biotechmedikament für Hunde vom Marktführer Zoetis. Das Mittel Cytopoint gilt als neues Wundermittel gegen Juckreiz bei Hunden mit atopischer Dermatitis - eine allergisch bedingte Hauterkrankung. Cytopoint ist ein monoklonaler Antikörper, der aus gentechnisch veränderten Hamsterzellen in mindestens acht Verarbeitungsschritten hergestellt wird. Das ist ein deutlicher Entwicklungssprung gegenüber den herkömmlichen Impfstoffen, Zeckenschutzmitteln und Arzneien zur Behandlung von Infektionskrankheiten, die gegenwärtig den 44 Milliarden Dollar schweren Markt für Tiermedikamente dominieren. Marktforscher erwarten, dass dieser Markt mit Arzneien für Haus- und Nutztiere um jährlich fünf bis sechs Prozent zulegen wird. Die Wachstumsrate alleine bei Haustieren dürfte jedoch mit über sieben Prozent noch höher ausfallen.

Die Behandlung mit Cytopoint kostet zwischen 50 und 80 Dollar, abhängig von der Größe des Hundes. Das Tier bekommt dafür eine Injektion, die die Beschwerden für ein bis zwei Monate lindern soll. Das Mittel, das 2016 auf den Markt kam, brachte Zoetis im vergangenen Jahr Umsätze von mehr als 100 Millionen Dollar ein. Cytopoint erreichte damit Blockbuster-Status - bei Humanpharmazeutika würde dies Umsätze in Milliardenhöhe bedeuten. "Jetzt zeigt ein Unternehmen, dass es durchaus möglich ist, eine Antikörpertherapie sehr erfolgreich auf den Markt zu bringen. Das setzt andere unter Zugzwang", sagt Klaus Hellmann, Geschäftsführer der Münchener Klifovet, Europas größter Anbieter von zulassungsrelevanten klinischen Studien in der Tiermedizin. Die Innovationsfreude in der Branche habe das regelrecht befeuert.

DER WENDEPUNKT

Nach Einschätzung von Cheryl London, Krebsforscherin am Cummings Institut für Veterinärmedizin an der Tufts Universität im US-Bundesstaat Massachusetts, zögerten bislang viele Tiergesundheitsunternehmen, monoklonale Antikörper für die Behandlung von Tieren zu entwickeln. Sie wurden auch vom Scheitern eines ersten Biotech-Krebsmittels für Tiere entmutigt. "Cytopoint war ein Wendepunkt, der gezeigt hat, dass man in diesem Bereich erfolgreich sein kann. Nun gibt es etwa fünf bis zehn Unternehmen, die Antikörper für den Veterinärmarkt entwickeln." Die US-Firma Kindred Biosciences hat etwa gleich mehrere gentechnisch veränderte biologische Medikamente in der Entwicklung, die gegen Krankheiten wie Dermatitis bei Hunden und Anämie bei Katzen gedacht sind. Boehringer Ingelheim, die weltweite Nummer zwei in der Tiermedizin, brachte im April eine Arznei auf der Basis von Stammzellen zur Behandlung von Lahmheit bei Pferden auf den Markt.

In Deutschland forscht auch das Start-up Adivo, eine Ausgründung des Biotechunternehmens Morphosys, an Antikörpern für die Behandlung von Krebs und chronisch-entzündlichen Erkrankungen bei Hunden. Knapp ein Jahr nach ihrer Gründung gewann die Firma das Tiermedizin-Geschäft von Bayer als Partner für eine weltweite Kollaboration zur Entwicklung therapeutischer Antikörper. Als der US-Rivale Elanco kürzlich die Übernahme der Bayer-Tiermedizin für 7,6 Milliarden Dollar bekannt gab, hob Vorstandschef Jeffrey Simmons just diesen Deal als Beispiel für die Attraktivität des Bayer-Geschäfts hervor.

WIE DIE EIGENEN KINDER

"In den letzten Jahren ist eine unglaubliche Dynamik in den Veterinärmarkt gekommen", sagt Adivo-Mitgründerin Kathrin Ladetzki-Baehs. "Bei den Antikörpertherapien glaubte man lange Zeit, dass Tierbesitzer dafür nicht zahlen wollen, da es sich um eine sehr teure Therapieform handelt, wenn auch deutlich günstiger als im Humanbereich. Das hat sich verändert, weil Tierbesitzer immer mehr Geld auszugeben bereit sind, wenn sie dafür eine Erhöhung der Lebensqualität für ihr Tier erwarten können." Allerdings seien die Ansprüche an die Medikamente bei ernsthaften Erkrankungen in der Tiermedizin andere als in der Humanmedizin. Die Lebensqualität stehe dabei im Fokus. Ansonsten gebe es in der Veterinärmedizin immer die Möglichkeit, das Tier einzuschläfern, wenn die Besitzer das Gefühl hätten, dass es das Beste für das Tier sei.

Für Lescault ist das noch keine Option. Nachdem sie am Hals ihres Hundes eine ungewöhnliche Schwellung entdeckt hatte, wurde bei Moose im August B-Zell-Lymphom diagnostiziert, eine bösartige Erkrankung des lymphatischen Systems. Der Bulldogge wurden noch ein bis zwei Monate ohne Behandlung oder eine Überlebenszeit von rund einem Jahr mit einer 25-wöchigen Chemotherapie eingeräumt. Lescaults Tierärztin schlug die Teilnahme an der klinischen Studie vor. Mehr als drei Wochen seit Beginn der Behandlung sind der Husten und die Atemnot von Moose verschwunden. Obwohl die Behandlungen für den Hund in der Studie kostenlos sind, würde Lescault auch Kosten von einigen Tausend Dollar nicht schrecken, wie die 43-Jährige sagt. "Ich würde nicht mit der Wimper zucken." Dabei hätten sie und ihr Mann bereits "eine Menge Schulden". Ihre Haustiere, insgesamt zwei Hunde und zwei Katzen, seien aber wie Kinder für sie. "Jeder, der was anderes behauptet, bekommt es mit mir zu tun."


© Reuters 2019
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