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EY: Kein deutsches Unternehmen unter den 100 wertvollsten der Welt

03.07.2022 | 12:49

STUTTGART (Dow Jones)--Der Kursrutsch an den Weltbörsen hat Billionenwerte vernichtet. Die Marktkapitalisierung der 100 teuersten Unternehmen der Welt sank im Verlauf des ersten Halbjahres um 17 Prozent bzw. 6,1 Billionen Dollar, wie die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft EY ermittelt hat. Besonders betroffen seien Technologiekonzerne, deren Börsenwert insgesamt um 28 Prozent eingebrochen sei.

Die einzige Branche, die gegen den Trend habe zulegen können, sei der Energiesektor: Die Öl- und Gasunternehmen, die sich unter den Top 100 platzieren konnten, steigerten demnach ihren Börsenwert um 19 Prozent. Der Erdölkonzern Saudi Aramco sei mit einem Börsenwert von 2,3 Billionen Dollar das teuerste Unternehmen der Welt - vor Apple, so EY.

An der Dominanz der US-Konzerne an den Weltbörsen habe sich insgesamt dennoch wenig geändert. Die Zahl der US-Unternehmen, die sich zur Jahresmitte unter den 100 wertvollsten Unternehmen der Welt hätten platzieren können, liege bei 60 - vor einem halben Jahr seien es 61 gewesen.

Hinter Saudi Aramco und Apple rangierten weitere 8 US-Konzerne: Microsoft, die Google-Muttergesellschaft Alphabet, Amazon, Tesla, Berkshire Hathaway, UnitedHealth, Johnson & Johnson und Meta.

 Nestle wertvollstes europäisches Unternehmen - Sap auf Platz 113 

Europäische Unternehmen schafften es derzeit nicht unter die weltweiten Top 10, das wertvollste europäische Unternehmen sei der Schweizer Nahrungsmittelkonzern Nestle auf Rang 20.

Deutschland sei erstmals seit Beginn der EY-Erhebungen 2006 nicht mehr in den Top 100 vertreten. Der höchstbewertete deutsche Konzern sei der Software-Anbieter SAP mit einem Börsenwert von 106 Milliarden Dollar auf Rang 113. Die Deutsche Telekom schaffe es mit 98 Milliarden auf Rang 120. Zudem belege der Industriegasekonzern Linde, der seit der Fusion mit Praxair seinen Hauptsitz in Irland habe, Rang 74.

"Die massiven politischen und wirtschaftlichen Turbulenzen im ersten Halbjahr haben deutliche Spuren an den Weltbörsen hinterlassen", betont Henrik Ahlers, Vorsitzender der Geschäftsführung von EY. "Die erheblich eingetrübten Konjunkturaussichten, die hohe Inflation, steigende Zinsen und die massiven geopolitischen Spannungen haben zu einer tiefgreifenden Verunsicherung geführt - obwohl viele der Top-Konzerne nach wie vor hohe Gewinne ausweisen. In allen Weltregionen und fast allen Branchen verlieren Unternehmen erheblich an Wert. Einzig Öl- und Gasunternehmen konnten von den stark gestiegenen Energiepreisen profitieren und verzeichneten steigende Aktienkurse."

Ahlers rechnet mit einem sehr schwierigen zweiten Halbjahr. "Die Hiobsbotschaften häufen sich, viele Krisen, die sich teils gegenseitig befeuern, müssen bewältigt werden, die Gefahr einer weltweiten Rezession ist inzwischen real."

Laut Ahlers hat sich vor allem die Erwartungshaltung von Investoren geändert. "Zuletzt setzten Investoren eher auf Profitabilität als auf Wachstum. Das Geld sitzt nicht mehr so locker, die Anforderungen an Zielunternehmen und ihre Finanzkennzahlen steigen." Aber Ahlers betont: "Der Digitalisierungsschub, den die Pandemie ausgelöst hat, bleibt ein wichtiger Trend, der die Wirtschaft und die Börsen in den kommenden Jahren entscheidend prägen wird."

Von den aktuell 23 Technologieunternehmen im Top-100-Ranking haben 17 ihren Hauptsitz in Nordamerika, vier in Asien und nur zwei in Europa. "Europa leidet aus Sicht vieler Investoren nach wie vor unter einem Mangel an vielversprechenden Technologiekonzernen von Weltformat. Die USA geben im IT-Sektor eindeutig den Ton an, viele dieser Tech-Unternehmen sind hochprofitabel und treiben die Digitalisierung der Wirtschaft und aller Lebensbereiche mit Macht voran. Als Gestalter dieses technologischen Wandels spielen allenfalls noch asiatische Konzerne eine Rolle - europäische Konzerne hingegen kaum, und das spiegelt sich im Börsenranking deutlich wider."

Europa fällt zurück 

Nicht zuletzt der Digitalisierungstrend habe das Gewicht Europas an den Weltbörsen in den vergangenen Jahren schrumpfen lassen. Vor der Finanzkrise - Ende 2007 - seien noch 46 der 100 wertvollsten Unternehmen der Welt aus Europa gekommen. Inzwischen seien es nur noch 16. Besonders das Gewicht Deutschlands sei gesunken, von 7 auf zum Jahresende 2007 auf 2 Ende 2021 auf nun null.

"Die schwache Aufstellung Europas und Deutschlands gerade im Technologiesegment sollte uns zu denken geben", kommentiert Ahlers. Er führt die starke Entwicklung gerade in den USA auf die höhere Risikobereitschaft amerikanischer Unternehmensgründer, die hohe gesellschaftliche Akzeptanz des Unternehmertums sowie die teilweise deutlich besseren Finanzierungsbedingungen zurück.

Ahlers sieht allerdings weiter Chancen für deutsche Konzerne, mittelfristig zu den Gewinnern der Digitalisierung zu gehören. Die Digitalisierung birgt gerade für einen Industrie- und Hochlohnstandort wie Deutschland grundsätzlich enorme und derzeit teils noch ungenutzte Potenziale. Die Art und Weise, wie in Zukunft produziert wird, wird sich weiter verändern. Deutsche Industriekonzerne können diese Entwicklung entscheidend prägen und in diesem Bereich US-Konzernen Paroli bieten".

Kontakt zum Autor: maerkte.de@dowjones.com

DJG/gos

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July 03, 2022 06:48 ET (10:48 GMT)

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