Von James Mackintosh

DOW JONES--Besteht die Lehre aus dem Grönland-Ausverkauf darin, dass Anleger Präsident Donald Trump mehr Aufmerksamkeit schenken müssen, weil seine Äußerungen in den sozialen Medien die Märkte treffen können? Oder sollten sie ihm weniger Beachtung schenken, weil er - wie das Akronym TACO besagt - stets einen Rückzieher macht ("Trump Always Chickens Out")?

Diese Woche unterschied sich von dem Markteinbruch im April, der ihn damals dazu veranlasste, seine vermeintlich reziproken Zölle zurückzunehmen. Jener Rückzug erfolgte offensichtlich als Reaktion auf den Ausverkauf an den Märkten - eine Rückkopplungsschleife, die Anleger kaum beruhigen dürfte: Es bedarf immer noch eines schmerzhaften Preisverfalls, um ihn von unklugen Taten abzuhalten.

Der Ausverkauf war dieses Mal deutlich weniger ausgeprägt. Der Dollar verlor 1,2 Prozent und der S&P 500 sank am Dienstag gegenüber dem Schlusskurs vom Freitag im Tiefstwert lediglich um 2,1 Prozent. Trump ließ seine angedrohten Zusatzzölle gegen Europa fallen, nachdem die europäischen Länder offenbar zu einer aggressiveren Reaktion als zuvor übergegangen waren. Zudem zeigten Umfragen, dass die Idee einer Übernahme Grönlands selbst bei seiner republikanischen Basis sehr unpopulär war.

Kreml-Astrologie für Amerika

Theorien darüber, warum er seine Position änderte, gleichen einer amerikanischen Kreml-Astrologie, sind für Investoren jedoch von Bedeutung. Falls Europa glaubt, dass seine entschlossenere Haltung Wirkung gezeigt hat, wird es beim nächsten Mal noch aggressiver auftreten - womit das Risiko einer Vergeltungssspirale in einem transatlantischen Handelskriegs steigt.

Sollte die Innenpolitik der Treiber gewesen sein, müssen Anleger damit rechnen, dass die Drohungen gegenüber dem Ausland anhalten, solange Trumps Basis keine Einwände erhebt - Kuba ist das jüngste Beispiel. Das Bestreben, ausländische Staaten zu zwingen, einen größeren Teil der Kosten für die pharmazeutische Forschung zu tragen, um so die US-Arzneimittelpreise zu senken, ist ein weiteres Beispiel.

Sollte sich das unbekannte und bisher nicht realisierte Grönland-Geschäft über den militärischen und vielleicht mineralischen Zugang als für die USA äußerst vorteilhaft erweisen, könnten US-Investoren Gewinne für Amerika auf Kosten eines Europas begrüßen, das sich dem Hegemon beugen muss. Es ist jedoch schwer vorstellbar, wie finanzielle Gewinne aus Grönland (rund 56.000 Einwohner) signifikant ausfallen könnten.

Falls sein Rückzieher jedoch nur Ausdruck von Trumps Sprunghaftigkeit ist, dürfte es eine dauerhaft höhere Risikoprämie geben. Diese würde sich in einem höheren Vix-Volatilitätsindex und niedrigeren Aktienkursen niederschlagen, da er in jeder beliebigen Frage eben nicht nachgeben könnte.

Die Märkte erholten sich an dem, was Witzbolde den "Taco-Donnerstag" nannten. Der dänische Wegovy-Hersteller Novo Nordisk - das potenziell größte unternehmerische Opfer eines Konflikts zwischen den USA und Dänemark - führte den Stoxx-Europe-50 bis zur Mittagspause in Kopenhagen mit einem Plus von 4 Prozent an. Der deutsche Rüstungskonzern Rheinmetall, der vielleicht größte Profiteur einer Abkehr Europas von den USA, war mit einem Minus von 2 Prozent der schwächste Wert.

Anleger gehen davon aus, dass die Dänen weiterhin in die USA verkaufen können und Europa als Reaktion auf die Grönland-Drohung nicht noch mehr Waffen kaufen wird, als ohnehin geplant. Ich bin mir da nicht so sicher. Ein Effekt blieb bestehen: Der Euro notiert gegenüber dem Dollar etwa 1 Cent fester als vor der Panik. Der Dollar-Index ist um rund 0,7 Prozent gefallen.

Absicherung gegen das Weiße Haus

Dies passt zu meiner Vermutung bezüglich der langfristigen Auswirkungen: Amerikas Verbündete werden langsam versuchen, sich gegen ein unberechenbares und weniger verlässliches Weißes Haus abzusichern. Das bedeutet im Laufe der Zeit, sich weniger auf US-Rüstungslieferanten zu verlassen, weniger in den USA zu investieren und zu versuchen, der Notwendigkeit des Handels in Dollar zu entkommen.

Was an den Märkten noch nicht auszumachen ist, ist die Hoffnung, dass Europa und das Vereinigte Königreich versuchen könnten, ihre Volkswirtschaften dynamischer zu gestalten, um ihre Attraktivität zu steigern. Die Reden ihrer Politiker über Deregulierung und Bemühungen zur Wachstumsförderung haben bisher wenig bewirkt, und der innenpolitische Druck hat sowohl im Vereinigten Königreich als auch in Frankreich zu einer Politik geführt, die den Gewinnen eher schaden dürfte.

Auch die Art und Weise, wie Unternehmen Trump interpretieren, ist von Bedeutung. Angesichts unberechenbarer Handelsbeziehungen versuchen Vorstandsvorsitzende bereits, die Lieferketten zu verkürzen, um das Zollrisiko zu verringern. Die Gefahr politischer Vergeltungsmaßnahmen aufgrund der Nationalität könnte Unternehmen zudem weniger bereit machen, Großprojekte im Ausland in Angriff zu nehmen. Langfristig macht eine solche Deglobalisierung Volkswirtschaften weniger effizient.

Kurzfristig ist jedoch alles in Ordnung. Anleger erwarten ein ordentliches US-Wachstum und starke Einnahmen, und die Aktiengewinne haben sich über die Technologie-Giganten hinaus ausgeweitet, die den Markt bis Oktober dominierten. Das sorgt für einen glücklichen Markt - zumindest bis zur nächsten präsidialen Drohung.

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January 23, 2026 04:55 ET (09:55 GMT)