Mit dem explosionsartigen Aufstieg der Künstlichen Intelligenz verschiebt sich die globale Börsenführerschaft zunehmend weg von kapitalarmen Geschäftsmodellen – etwa Technologie, Software oder digitalen Dienstleistungen – hin zu Branchen mit hohen Markteintrittsbarrieren und strukturell schwer angreifbaren Positionen, darunter Infrastruktur, Energie, Netze oder Industrie.

Dieses neue Leitmotiv, als „HALO“ bezeichnet – die Abkürzung steht für „Heavy Assets, Low Obsolescence“ – beschreibt Unternehmen, die robuste physische Vermögenswerte mit einer als nachhaltig wahrgenommenen wirtschaftlichen Relevanz verbinden, da sie nur geringem technologischem Veralterungsrisiko ausgesetzt sind.

Die Realwirtschaft kehrt zurück

In einer gestern veröffentlichten Studie erläutern die Strategen von Goldman Sachs, dass diese Rotation durch eine strukturell hartnäckige Inflation und entsprechend dauerhaft höhere Zinsen verstärkt wurde. Hinzu komme eine zunehmende geopolitische Fragmentierung, die Lieferketten – insbesondere bei für die Tech-Branche essenziellen elektronischen Komponenten – gestört habe.

In diesem Umfeld legen Investoren laut der US-Bank wieder mehr Wert auf greifbare Produktionskapazitäten und auf die wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit von Unternehmen gegenüber konjunkturellen Schwankungen.

Ein harter Realitätscheck für Tech-Werte

Seit der Vorstellung neuer Funktionen des Chatbots Claude durch das Start-up Anthropic vor einigen Wochen – mit denen Anwaltskanzleien, Juristen und Finanzdienstleister Aufgaben automatisieren können, die bislang über kostenpflichtige Cloud-Anwendungen abgewickelt wurden – hat an der Wall Street eine deutliche Rotation zugunsten von Energie-, Versorger- und Rohstoffwerten eingesetzt, zulasten klassischer Wachstumsaktien.

Einige Sektoren gerieten besonders stark unter Druck, allen voran Anbieter von Software-as-a-Service (SaaS) und Cybersecurity-Unternehmen.

„Seit ihren Höchstständen haben Microsoft 30 %, Palo Alto 36 %, Salesforce 52 %, ServiceNow 59 % und Adobe 65 % verloren“, so Christophe Dembik, Investmentstratege bei Pictet AM.

Der Vertrauensverlust kulminierte am Montag in einem Kurssturz von 13 % bei IBM – dem stärksten Tagesverlust seit dem Jahr 2000. Auslöser war ein Blogbeitrag von Anthropic, wonach das eigene KI-Modell inzwischen in der Lage sei, die Milliarden Codezeilen zu automatisieren, die täglich in COBOL geschrieben werden – einer der ältesten Programmiersprachen im IBM-Ökosystem.

Massive Investitionsprogramme

Zu dieser Nervosität kommt die Unsicherheit über die Rentabilität der enormen Infrastrukturinvestitionen hinzu, die derzeit im KI-Bereich getätigt werden.

„Allein die fünf großen US-Hyperscaler haben einen beispiellosen Investitionszyklus angestoßen“, betonen die Analysten von Goldman Sachs.

„Seit dem Start von ChatGPT im Jahr 2022 dürften sie zwischen 2023 und 2026 rund 1.500 Milliarden US-Dollar an Capex freigesetzt haben – deutlich mehr als die 600 Milliarden US-Dollar, die sie bis 2022 in ihrer gesamten Unternehmensgeschichte investiert hatten“, so die Investmentbank weiter.

Goldman spricht von der schnellsten und bedeutendsten Transformation der modernen Technologieära – mit erheblichen Implikationen für die Finanzmärkte insgesamt.

Strukturelle Rückenwinde für kapitalintensive Sektoren

Nach Einschätzung von Goldman Sachs ist diese Umschichtung noch nicht abgeschlossen.

„Die Ausweitung der Staatsausgaben, höhere Wiederbeschaffungskosten für Ausrüstung, der Trend zur Rückverlagerung sowie die Erholung der Fertigungsindustrie sind Faktoren, die kapitalintensive Sektoren weiter stützen dürften“, prognostiziert die Bank.

„In Europa erreicht das Verhältnis von Investitionen zu Umsatz derzeit ein Zehnjahreshoch und kehrt damit eine Dekade der Unterinvestitionen um“, ergänzt das New Yorker Institut.

Der „HALO“-Effekt dürfte nicht unerheblich zur jüngsten Outperformance Europas beigetragen haben – einer Region mit vergleichsweise wenigen Tech-Schwergewichten, aber zahlreichen qualitativ hochwertigen, niedrig bewerteten Value-Titeln.

Seit Jahresbeginn hat der STOXX Europe 600 um 5,5 % zugelegt, während der S&P 500 einen leichten Rückgang von 0,1 % verzeichnet.

Laut Goldman erwartet der Marktkonsens inzwischen eine Beschleunigung des Gewinnwachstums je Aktie (EPS) sowie eine Verbesserung der Eigenkapitalrendite (ROE) bei kapitalintensiven Unternehmen.

Im Gegensatz dazu dürfte die ROE bei sogenannten „capital light“-Unternehmen stagnieren. Damit gerät die historisch hohe Bewertungsprämie dieses Segments zunehmend unter Druck – und die große Sektorrotation könnte eine weitere Runde einläuten.

Das Duell Nvidia gegen Berkshire

Nach Einschätzung der Analysten von Saxo Bank werden die für heute Abend erwarteten Zahlen von Nvidia sowie die Ergebnisse von Berkshire Hathaway zum Wochenausklang zu einem echten Lackmustest für das neue Markt-Narrativ.

„Nvidia wird uns zeigen, ob der KI-Ausbau auf realen Budgets basiert oder auf heißer Luft“, warnt das dänische Institut. „Der HALO-Effekt könnte jedoch rasch verblassen, sollte der Markt wieder in einen ausgeprägten Risk-on-Modus wechseln“, heißt es weiter.

„Mit Berkshire bewegen wir uns in einem anderen Komfortbereich: Vermögenswerte, die im Eisenbahn- oder Stromnetzgeschäft nicht altern, und Fundamentaldaten, die unabhängig von der jeweils angesagten App Bestand haben“, so Saxo.

„Die in dieser Woche anstehenden Ergebnisse werden die KI-Debatte nicht endgültig entscheiden, aber sie werden zeigen, welche Segmente tatsächlich über die nötige Liquidität verfügen, um weiter zu investieren“, resümiert die skandinavische Bank.

Ein Korb klassischer Substanzwerte

Neben Berkshire Hathaway nennen die Analysten von Saxo rund 30 US-amerikanische und europäische Titel, die besonders gut positioniert erscheinen, um vom „HALO“-Thema zu profitieren. Dazu zählen im Versicherungs- und Rückversicherungssektor Allianz, AXA, Munich Re, Swiss Re und Zurich Insurance.

Im Energiesektor werden Chevron, bp, Shell, TotalEnergies, Equinor, Eni und Repsol hervorgehoben.

Zur Auswahl gehören zudem Unternehmen wie der französische Anbieter von Umweltmanagementdienstleistungen Veolia, der spanische Flughafenbetreiber Aena, der deutsche Logistikkonzern DHL Group sowie der dänische Logistikspezialist DSV.