Der Boom von Indexfonds hat Privatanlegern weltweit Zugang zu Strategien und Märkten verschafft, die ihnen zuvor weitgehend verschlossen waren. Über ETFs können Investoren auf unterschiedlichste Themen setzen und die Nachbildung der jeweiligen Entwicklung professionellen Anbietern überlassen. Noch vor einigen Jahren war es äußerst schwierig – teils sogar unmöglich –, direkt in indische oder hongkonger Aktienmärkte zu investieren. ETFs haben das geändert. Und sie haben auch den Zugang zum koreanischen Markt geöffnet.

Koreanische Aktien lange im Abseits

Dennoch blickten viele Asien-Investoren über Jahre hinweg lieber in andere Regionen. Wer am Tiefpunkt der Corona-Krise 2020 einen ETF auf den indischen Aktienmarkt gekauft hätte, läge heute nach fünf Jahren rund 150 % im Plus. Mit einem Korea-ETF wäre dagegen nur etwa ein Drittel dieser Rendite möglich gewesen. Selbst der japanische Markt entwickelte sich in diesem Zeitraum besser als Südkorea. 

Dafür gibt es mehrere Gründe. Südkoreanische Unternehmen leiden seit Jahrzehnten unter einem strukturellen Bewertungsabschlag, dem sogenannten „Korea Discount“. Dadurch werden sie trotz der wirtschaftlichen Bedeutung des Landes deutlich niedriger bewertet als vergleichbare japanische oder taiwanesische Konzerne. Ursache dafür waren insbesondere Governance-Risiken rund um die mächtigen familiengeführten Chaebols. Deren komplexe Strukturen, politischer Einfluss und die teilweise nachteilige Behandlung von Minderheitsaktionären schreckten Investoren ab. Diese Situation erklärt auch, warum Südkorea in vielen Indizes weiterhin als Schwellenland eingestuft wird: wirtschaftlich westlich geprägt, aber bei Rechtssicherheit und Transparenz nicht auf vergleichbarem Niveau.

Doch inzwischen hat sich vieles verändert.

Eine Aufholjagd im Raketenmodus

Das Land hat erkannt, auf welchem Potenzial es sitzt, und Reformen eingeleitet, um seine Attraktivität für Investoren zu erhöhen. Die Behörden lockerten sowohl die Investitionsregeln für ausländische Anleger als auch regulatorische Vorgaben, stärkten die Rechtssicherheit und schafften bestimmte als investorenfeindlich geltende Praktiken ab – etwa das Verbot von Leerverkäufen.

Diese Öffnung des Marktes fiel zeitlich mit der explosionsartigen Nachfrage nach Elektronik im Zuge des KI-Booms zusammen. Investoren brauchten zunächst etwas Zeit, um zu erkennen, dass Samsung Electronics und SK Hynix trotz ihrer zuvor niedrigen Bewertungen wieder ins Zentrum des Interesses gerückt waren. Doch nachdem der Funke übergesprungen war, begann ein regelrechtes Börsenfeuerwerk. Auch koreanische Privatanleger stiegen massiv ein. Der Kurs von SK Hynix hat sich innerhalb eines Jahres verzehnfacht, jener von Samsung verfünfeinhalbfacht. Der KOSPI wiederum hat sich seit Jahresbeginn verdoppelt.

Die zuvor eher wenig beachteten Korea-ETFs erleben nun massive Mittelzuflüsse: Rund 24 Mrd. US-Dollar stecken inzwischen im iShares MSCI Korea ETF, mehr als 4 Mrd. US-Dollar im Franklin FTSE Korea ETF. Die Nachfrage ist so groß, dass der koreanische Markt trotz permanenter Überhitzungswarnungen immer neue Rekorde erreicht.

Die Rally hat einen Teil des Bewertungsabschlags gegenüber anderen großen Börsenplätzen reduziert. Dennoch setzen Investoren weiterhin auf das goldene Zeitalter von Samsung und SK Hynix und bauen ihre Positionen in Korea-ETFs weiter aus. Sie hoffen darauf, dass der KI-Boom die traditionell zyklischen Gewinne der beiden Elektronikkonzerne abmildert, deren Speicherchips derzeit stark gefragt sind.

Bemerkenswert ist dabei, dass beide Aktien trotz ihrer zuletzt extremen Kursbewegungen im Vergleich zu den großen amerikanischen KI-Werten weiterhin mit moderaten erwarteten Gewinnmultiplikatoren bewertet werden. Auch dieser Bewertungsabschlag trägt zur anhaltenden Attraktivität bei.

Allerdings zeigt sich darin zugleich die größte Schwäche dieser Entwicklung: die extreme Konzentration. Anleger in Korea-ETFs sind massiv auf das KI-Thema und insbesondere auf zwei Unternehmen fokussiert. Samsung und SK Hynix machen zusammen 52 % des iShares-Trackers beziehungsweise 55 % des Franklin-Trackers aus. Damit handelt es sich letztlich weniger um eine Wette auf Südkorea selbst als vielmehr um einen hochgehebelten Einsatz auf die Transformation der Welt durch künstliche Intelligenz.