Den Markt zu schlagen bedeutet nicht einfach nur, Geld zu verdienen. Es bedeutet, besser abzuschneiden als ein Referenzindex. In Deutschland oder Frankreich könnte dies etwa der DAX beziehungsweise der CAC 40 sein, in den USA der S&P 500. Auf dem Papier klingt das unkompliziert, tatsächlich gelingt es jedoch den meisten Fondsmanagern nicht, ihren Vergleichsindex über längere Zeiträume zu übertreffen.
Die SPIVA-Studien vergleichen seit mehr als 20 Jahren aktiv verwaltete Fonds mit ihren jeweiligen Benchmarks. Das Ergebnis ist eindeutig: In den USA haben 89 % der inländischen Aktienfonds ihren Referenzindex über zehn Jahre hinweg nicht geschlagen, über 15 Jahre hinweg waren es sogar 93 %. Mit anderen Worten: Selbst professionelle Investoren tun sich schwer, besser abzuschneiden als der Markt insgesamt.
Es reicht nicht, eine Perle zu finden
Um den Markt zu schlagen, genügt es nicht, ein gutes Unternehmen zu identifizieren. Wenn allgemein bekannt ist, dass ein Unternehmen hervorragend aufgestellt ist, spiegelt sich das bereits im Aktienkurs wider. Ein exzellentes Unternehmen ist daher nicht automatisch eine attraktive Investition zum aktuellen Preis. Um den Markt zu übertreffen, muss man etwas erkennen, das der Markt noch nicht vollständig eingepreist hat – etwa ein unterschätztes Wachstum oder eine höhere Profitabilität als erwartet.
Hier kommt die Theorie effizienter Märkte ins Spiel. Kurse sind zwar nicht immer perfekt, sie verarbeiten jedoch verfügbare Informationen in der Regel sehr schnell.
Die Gewinner erkennt man meist erst im Nachhinein
Natürlich gibt es Unternehmen, die den Markt deutlich hinter sich lassen. Apple, Nvidia, Amazon oder Microsoft sind prominente Beispiele. Ihre Erfolgsgeschichte erscheint heute offensichtlich. Rückblickend ist es leicht zu sagen, dass Apple Anfang der 2000er Jahre die Aktie war, die man unbedingt hätte besitzen müssen. Damals war die Situation jedoch deutlich weniger klar. Zwischen März 2000 und April 2003 verlor die Apple-Aktie rund 64 % ihres Wertes.
Hinzu kommt die starke Konzentration der Wertentwicklung. Ein großer Teil der langfristigen Indexrenditen wird häufig von einer vergleichsweise kleinen Zahl außergewöhnlich erfolgreicher Unternehmen getragen. Wer den Markt schlagen will, muss diese Gewinner identifizieren, zu einem attraktiven Preis kaufen und lange genug halten.
Ein breit diversifizierter Index hat dabei einen entscheidenden Vorteil: Er behält die Gewinner automatisch im Portfolio und lässt ihr Gewicht mit steigenden Kursen wachsen. Der einzelne Anleger hingegen muss die künftigen Gewinner vorab erkennen und darf sie nicht zu früh verkaufen.
„Verluste begrenzen und Gewinne laufen lassen“
Viele Investoren möchten günstig kaufen und teuer verkaufen. Dabei übersehen sie häufig einige grundlegende Zusammenhänge. Märkte steigen oft bereits wieder, bevor sich die wirtschaftlichen Nachrichten sichtbar verbessern. Nach starken Kursrückgängen warten viele Anleger auf „mehr Klarheit“. Wenn diese Klarheit schließlich eintritt, haben die Märkte jedoch oft schon einen Großteil ihrer Erholung hinter sich.
Dazu kommen psychologische Fallstricke. Übermäßiges Selbstvertrauen führt zu zu vielen Entscheidungen. Angst verleitet dazu, in ungünstigen Momenten zu verkaufen. Herdentrieb sorgt dafür, dass Anleger genau die Werte kaufen, die bereits stark gestiegen sind.
Das Ergebnis: Viele Anleger kaufen zu spät und verkaufen zu früh. Laut DALBAR erzielt ein durchschnittlicher Investor in einem Fonds oftmals deutlich weniger Rendite als der Fonds selbst. Erwirtschaftet ein Fonds beispielsweise 8 % pro Jahr, kommt der durchschnittliche Anleger aufgrund ungünstiger Kauf- und Verkaufsentscheidungen häufig nur auf etwa 4 %.
Gebühren starten mit Vorsprung
Selbst wenn es gelingt, all diese Hürden zu überwinden und gute Anlageentscheidungen zu treffen, bleibt ein weiterer Gegner: die Kosten.
Verwaltungsgebühren, Transaktionskosten, Geld-Brief-Spannen, Finanzierungskosten und gegebenenfalls Steuern schmälern die Rendite. Ein Fonds, der vor Kosten die gleiche Wertentwicklung erzielt wie sein Vergleichsindex, wird nach Abzug von jährlichen Gebühren von beispielsweise 1,5 % zwangsläufig hinter diesem zurückbleiben.
Zeit als wichtigster Verbündeter
Über lange Zeiträume entsteht Vermögen nicht allein durch gute Anlageentscheidungen. Entscheidend ist vor allem die Zeit, die dem Kapital zur Verfügung steht, um zu wachsen.
Dahinter steht das Prinzip des Zinseszinseffekts. Erträge eines Jahres werden dem investierten Kapital hinzugefügt und erwirtschaften in den Folgejahren selbst wieder Erträge. Rendite erzeugt zusätzliche Rendite.
Nehmen wir an, Sie investieren 10.000 Euro zu einer jährlichen Rendite von 8 % über einen Zeitraum von 20 Jahren. Zwei Vorgehensweisen führen zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen.
Variante 1: Die Gewinne werden jedes Jahr entnommen
Sie erzielen jährlich 800 Euro Ertrag (8 % von 10.000 Euro) und legen diesen separat zurück. Nach 20 Jahren haben Sie insgesamt 16.000 Euro an Erträgen erhalten, während Ihr ursprüngliches Kapital weiterhin 10.000 Euro beträgt. Das Gesamtvermögen beläuft sich somit auf 26.000 Euro.
Variante 2: Die Gewinne werden reinvestiert
In diesem Fall erwirtschaften die 800 Euro Gewinn aus dem ersten Jahr im zweiten Jahr ebenfalls Erträge. Sie erhalten dann 8 % auf 10.800 Euro und so weiter. Es entsteht der bekannte Schneeballeffekt des Zinseszinses.
Das Endvermögen beträgt in diesem Fall rund 46.609 Euro.
Der Unterschied liegt bei mehr als 20.000 Euro – allein dadurch, dass die Erträge im Investment verblieben sind und weiterarbeiten konnten.
Genau darin liegt die enorme Kraft des Zinseszinses. Statt ständig Transaktionen vorzunehmen, um den Markt kurzfristig zu schlagen, kann es langfristig deutlich sinnvoller sein, investiert zu bleiben und vom Wachstum der Unternehmen sowie dem Schneeballeffekt der Renditen zu profitieren.
Warum versuchen es dennoch so viele?
Weil es grundsätzlich möglich ist, den Markt zu schlagen. Einige Investoren schaffen dies tatsächlich – allerdings meist nicht durch Zufall, sondern weil sie über einen echten Vorteil verfügen. Dieser kann auf tiefgreifender Expertise, einem sehr langen Anlagehorizont, einer konsequenten Bewertungsdisziplin oder der Fähigkeit beruhen, in Krisenzeiten ruhig zu bleiben, wenn andere in Panik geraten.
Den Markt langfristig zu schlagen bedeutet, besser abzuschneiden als ein bereits sehr effizienter Vergleichsindex – nach Kosten, trotz menschlicher Verhaltensfehler und trotz unvermeidlicher Phasen der Unsicherheit. Es ist möglich, aber erheblich schwieriger, als es auf den ersten Blick erscheint.




















