Warsh, ein Protegé von Donald Trump, der große Hoffnungen in ihn als Fed-Chef setzt – insbesondere in der Erwartung sinkender Zinsen –, übernimmt eine Wirtschaft, die weder ernsthaft in Schwierigkeiten steckt noch vollkommen entspannt wirkt. Die Inflation liegt weiterhin mehr als einen Prozentpunkt über dem Zielwert der Fed von 2 %. Auch Arbeitsmarkt und Wirtschaftswachstum bedürfen einer genauen Analyse. Anleger schwanken seit Monaten zwischen Hoffnungen auf Zinssenkungen und Befürchtungen weiterer Zinserhöhungen. Derzeit rechnen sie mit einer spürbaren Wahrscheinlichkeit für eine Anhebung um 25 Basispunkte im Dezember, während Zinssenkungen erst nach Mitte 2027 erwartet werden.
Gleichwohl hat sich das Umfeld im Vergleich zur Vorwoche verbessert. Donald Trump erklärte, ein vorläufiges Abkommen zur Beendigung des Konflikts zwischen den USA und dem Iran sei unterzeichnet worden. Das drückte die Ölpreise und nahm den Märkten einen Inflationssorgenfaktor. Auch Vizepräsident JD Vance sagte, er gehe davon aus, dass die Straße von Hormus langfristig ohne Gebühren offenbleiben werde. Diese Aussage beruhigte die Sorgen um die globalen Energieflüsse. Die Ölpreise gaben am Dienstag deutlich nach: Brent notierte bei rund 80 US-Dollar je Barrel, WTI fiel unter 79 US-Dollar.
Am breiten Markt wächst die Bereitschaft, darauf zu setzen, dass das Schlimmste überstanden ist. Der S&P 500 nähert sich wieder seinen Höchstständen von Anfang Juni, nachdem Sorgen über hohe Technologiebewertungen und den US-Iran-Konflikt zuvor für eine Korrektur gesorgt hatten. Der Dow Jones hat bereits neue Rekordstände erreicht. In Europa markierten am Montag mehrere Börsen neue Höchststände, darunter Mailand, Amsterdam, Madrid und Warschau. London, Frankfurt, Paris und Zürich liegen nur knapp dahinter.
Erneut wird die Entwicklung vor allem von Technologiewerten getragen. SpaceX setzte seinen außergewöhnlichen Kursanstieg nach dem Börsengang am Dienstag fort und legte im vorbörslichen Handel nach zwei starken Sitzungen erneut zu. Das Unternehmen steht inzwischen kurz davor, Amazon bei der Marktkapitalisierung zu überholen und damit zum fünftwertvollsten Unternehmen der Welt aufzusteigen. Für Elon Musk, dessen Rivalität mit Jeff Bezos im Raumfahrtgeschäft seit Jahren auch eine persönliche Dimension hat, dürfte dieses Detail nicht unbemerkt bleiben.
SpaceX kündigte zudem die Übernahme des Softwareunternehmens Anysphere für 60 Mrd. US-Dollar an. Mit dem Schritt soll die Position des Konzerns im Bereich der Unternehmens-KI gestärkt werden. Das Thema künstliche Intelligenz verleiht auch Halbleiterwerten Auftrieb. Micron, Western Digital und Seagate legten zu, gestützt durch den Optimismus hinsichtlich der Nachfrage nach Speicherchips. Qualcomm gewann nach Berichten, wonach das Unternehmen Gespräche über die Übernahme des KI-Chip-Start-ups Tenstorrent für 8 bis 10 Mrd. US-Dollar führt.
Unterdessen geriet Dave & Buster's deutlich unter Druck, nachdem das Unternehmen die Erwartungen für Umsatz und Gewinn im ersten Quartal verfehlt hatte. Robinhood legte hingegen zu, nachdem der Online-Broker angekündigt hatte, 10 % seiner Vollzeitstellen abzubauen und offene Stellenangebote zurückzuziehen.
Außerhalb der USA sorgen die Zentralbanken für zusätzliche Impulse. Die Bank of Japan erhöhte ihren Leitzins auf 1 % und damit auf den höchsten Stand seit 31 Jahren. Sie versucht damit, den Preisdruck infolge des Energieschocks im Zusammenhang mit dem Iran-Krieg einzudämmen. Für die meisten Länder klingt ein Zinsniveau von 1 % nicht besonders hoch. Für Japan hingegen ist es beinahe Höhenluft. Nach Jahrzehnten der Deflation hat bereits eine moderate Inflation einen grundlegenden Kurswechsel in der Geldpolitik erzwungen.
Die Reserve Bank of Australia beließ ihren Leitzins bei 4,35 %, schlug aber weiterhin einen entschlossenen Ton im Kampf gegen die Inflation an. Das klassische Muster eines „hawkish hold“: keine Zinserhöhung, aber auch keine Entwarnung. Die australische Wirtschaft könnte Unterstützung gebrauchen, doch die Inflation bleibt zu hartnäckig, als dass sich die Notenbank Entspannung leisten könnte. Keine beneidenswerte Lage – auch wenn Zentralbanker ihren Beruf selten wegen des Applauses wählen.
All dies fließt in die Entscheidung der Fed am Mittwoch ein. Warsh muss die Märkte nicht überraschen. Tatsächlich dürfte er genau das vermeiden wollen. Er muss jedoch seine eigene Stimme finden. Anleger werden genau darauf achten, wie er die Inflation einschätzt, ob er den Rückgang der Ölpreise für nachhaltig hält und wie stark er die Finanzierungsbedingungen gewichtet, die inzwischen wieder ausgesprochen locker erscheinen.

























