Die Straße von Hormus, jene enge Wasserstraße, über die ein erheblicher Teil des weltweiten Ölhandels abgewickelt wird, bleibt infolge des Konflikts mit dem Iran faktisch eingeschränkt. Teheran hat zwar einen Vorschlag zur Wiederöffnung unterbreitet, doch in Washington überwiegt die Skepsis. Berichten zufolge zweifelt Donald Trump an der Verhandlungsbereitschaft Irans – insbesondere, wenn die Gespräche über das Atomprogramm in den Hintergrund treten sollten. Gerade dieses Programm war jedoch der zentrale Auslöser des Konflikts, und ein Ausklammern dieses Themas würde ihm im Vorfeld der Zwischenwahlen kaum nutzen.

Der Ölpreis ist wieder über 110 USD je Barrel gestiegen – eine Art versteckte Steuer auf Transport, Lebensmittel, Kunststoffe, Flugtickets, Unternehmensmargen, Haushaltsbudgets und letztlich auch auf die Geduld der Wähler. Die Brent-Futures ziehen weiter an, und der Markt verabschiedet sich zunehmend von der beruhigenden Annahme, dass die Preise von selbst wieder fallen werden.

Das ist die unangenehme Ausgangslage für Investoren. Die Aktienmärkte haben eine bemerkenswerte Rally hingelegt: S&P 500, Nasdaq 100 und Nasdaq Composite haben zuletzt neue Rekordstände erreicht. Ein wesentlicher Treiber ist die Künstliche Intelligenz geworden – gewissermaßen die universelle Antwort des Marktes auf nahezu jede Unsicherheit.

Zugegeben: Die Rally beschränkt sich nicht nur auf Technologiewerte. Die meisten großen Sektoren konnten im April zulegen, und der Nasdaq 100 ist in 16 der letzten 19 Sitzungen gestiegen. Im Vergleich zu Europa haben die USA ihre Führungsrolle zurückgewonnen. Gegenüber Teilen Asiens wirkt Amerika jedoch weniger dominant: Japan, Taiwan und Südkorea profitieren stark vom globalen Investitionsboom in Rechenkapazitäten.

Die anstehende Sitzung bringt mehrere gegensätzliche Narrative zusammen. Erstens zwingen steigende Energiepreise zu einer Neubewertung der Inflationsentwicklung. Zweitens tritt die Federal Reserve am Mittwoch zusammen, wobei allgemein mit unveränderten Zinsen gerechnet wird. Drittens legt die US-Unternehmenswelt in großer Breite ihre Quartalszahlen vor. Coca-Cola, General Motors, Starbucks, UPS, UnitedHealth, Verizon, Visa und Mondelez liefern neue Hinweise auf die Verfassung des Konsums und die Kostenentwicklung der Unternehmen.

Weniger die Zinsentscheidung selbst steht im Fokus – diese gilt als gesetzt. Entscheidend ist vielmehr die Frage, ob der aktuelle Inflationsdruck primär ein energiegetriebener Schock infolge des Nahostkonflikts ist oder ob sich eine hartnäckigere Dynamik abzeichnet.

Hinzu kommt, dass der KI-Boom erste Risse zeigt. Oracle geriet vorbörslich deutlich unter Druck, nachdem das Wall Street Journal berichtet hatte, dass OpenAI interne Ziele bei Umsatz und Nutzerzahlen verfehlt habe. Oracles Cloud-Ambitionen sind eng mit den massiven Investitionsplänen von OpenAI in Rechenzentren verknüpft. Auch CoreWeave, ein weiterer Infrastrukturpartner von OpenAI, sowie SoftBank als bedeutender Investor standen unter Druck. Nvidia, AMD und Arm gaben ebenfalls nach.

Die Nachrichtenlage auf Unternehmensseite bleibt gemischt und dürfte für Bewegung sorgen. General Motors legte zu, nachdem der Konzern seine Jahresprognose angehoben hatte – gestützt durch einen robusten US-Automarkt und erwartete Zollrückerstattungen. Coca-Cola gewann nach einer Anhebung des bereinigten Gewinnziels. UPS hingegen verlor deutlich nach einem starken Rückgang des bereinigten Ergebnisses. Spotify geriet unter Druck, nachdem ein schwächer als erwarteter Ausblick für das zweite Quartal veröffentlicht wurde. Barclays gab nach belastenden Sondereffekten nach. Der chinesische Batteriehersteller CATL verlor ebenfalls, nachdem eine Kapitalerhöhung über 5 Mrd. USD mit Abschlag angekündigt wurde.

Ölpreis und Iran-Konflikt halten Europas Börsen in Schach

Die stockenden Friedensbemühungen im Iran-Krieg und steigende Ölpreise belasten weiterhin die europäischen Aktienmärkte. Der Dax trat am Dienstagmittag weitgehend auf der Stelle und notierte leicht fester bei 24.047 Punkten. Der MDax verlor 1,1 % auf 30.043 Zähler, während der EuroStoxx 50 um 0,5 % nachgab.

Für Druck sorgten vor allem negative Unternehmensnachrichten. Bei Bayer führten uneinheitliche Signale des Obersten US-Gerichtshofs im Glyphosat-Rechtsstreit zu Kursverlusten von bis zu 6,5 %. Hintergrund ist die offene Frage, ob Bundesrecht Klagen nach einzelstaatlichem Recht ausschließt. Auch Qiagen enttäuschte mit einer gesenkten Prognose: Statt eines währungsbereinigten Umsatzwachstums von mindestens 5 % erwartet der Diagnostikspezialist für 2026 nur noch 1 bis 2 %. Die Aktie rutschte zeitweise um 7,8 % ab und war damit das Schlusslicht im Dax.

Positive Impulse kamen hingegen von der Deutsche Börse. Nach starken Quartalszahlen und bestätigten Jahreszielen legten die Papiere um 0,4 % zu. Der Konzern profitierte von lebhaften Geschäften mit Finanzmarktprodukten und sieht sich auf Kurs für 2026. Im MDax brachen dagegen die Aktien von Salzgitter um mehr als 9 % ein, nachdem der Stahlkonzern Pläne zum Verkauf eigener Aktien vorgestellt hatte, um den Streubesitz zu erhöhen.

Deutlich gefragt waren auch einzelne Nebenwerte und Energietitel. Init Innovation sprang nach einem Großauftrag aus Australien um 12,5 % auf ein Sechsmonatshoch. Henkel gab derweil lediglich optisch um 1,12 Euro nach, bedingt durch den Dividendenabschlag. Rückenwind erhielten europäische Öl- und Gaskonzerne vom steigenden Rohölpreis: Aktien von BP plc, Shell, Eni, Repsol, GTT und Equinor legten zwischen 2,5 % und 3,5 % zu.