Nvidia bleibt das Gravitationszentrum des Marktes. Das Unternehmen stellte einen neuen Chip vor, der ab Herbst KI-Funktionen direkt auf Laptops und Desktop-PCs bringen soll. Das Projekt ist Teil einer dreijährigen Partnerschaft mit Microsoft, die Nvidia-Chef Jensen Huang als Versuch bezeichnete, den PC für das KI-Zeitalter neu zu erfinden. Die Aktien von Nvidia und Microsoft legten vorbörslich zu, während andere Halbleiter- und Hardwarewerte wie AMD, Intel, Qualcomm und Apple unter Druck standen. Der Markt teilt die Unternehmen zunehmend in zwei Gruppen ein: jene, die als unverzichtbar für den Ausbau der KI-Infrastruktur gelten, und jene, die Gefahr laufen, lediglich Zuschauer dieser Entwicklung zu bleiben.

Dabei handelt es sich längst nicht nur um eine amerikanische Geschichte. Der südkoreanische Aktienmarkt profitiert erheblich von seinem KI-Exposure, und Nvidias Präsenz vor Ort sorgt für zusätzliche Dynamik. LG Electronics sprang nach oben, nachdem Spekulationen aufgekommen waren, Jensen Huang könnte sich mit dem Vorsitzenden der LG Group treffen. Das sagt womöglich weniger über die kurzfristige Ertragskraft von LG aus als über die beinahe schon absurde Strahlkraft der Nähe zu Nvidia.

Europa wirkt im Vergleich dazu bislang weniger stark in diesen Trend eingebunden. Das könnte sich jedoch ändern, wenn die angekündigten Investitionen in KI-Infrastruktur tatsächlich umgesetzt werden. So plant SoftBank einen deutlich größeren Vorstoß im Bereich KI-orientierter Rechenzentren und hat Investitionen von insgesamt 75 Mrd. Euro in Aussicht gestellt.

Der Konflikt mit dem Iran bleibt unterdessen ein zentraler Belastungsfaktor für die Märkte. Die Vereinigten Staaten erklärten, nach dem Abschuss einer US-Drohne Radar- und Drohnenstellungen im Iran angegriffen zu haben. Teheran meldete seinerseits Vergeltungsschläge, während Kuwait berichtete, eingehende Drohnen- und Raketenangriffe abgefangen zu haben. Donald Trump erklärte zwar, der Iran strebe weiterhin eine Einigung an, doch am Wochenende gab es keinen diplomatischen Durchbruch. Der Brent-Ölpreis näherte sich daraufhin der Marke von 94 US-Dollar je Barrel, während WTI wieder über 90 US-Dollar stieg.

Im Mittelpunkt der Woche steht der US-Arbeitsmarktbericht am Freitag. Er erscheint vor der ersten geldpolitischen Sitzung von Kevin Warsh als Vorsitzender der Federal Reserve und zu einem Zeitpunkt, an dem die Terminmärkte bereits eine hohe Wahrscheinlichkeit für eine Zinserhöhung um 25 Basispunkte bis zum Jahresende einpreisen. Die Inflationssorgen infolge höherer Energiepreise verleihen den Arbeitsmarktdaten zusätzliches Gewicht. Ein starker Bericht könnte die Argumente für eine restriktivere Geldpolitik stärken, während schwächere Zahlen Zweifel daran aufkommen lassen könnten, wie viel Belastung die Wirtschaft noch verkraftet.

Darüber hinaus stehen weitere wichtige Konjunkturdaten auf der Agenda. Der endgültige Einkaufsmanagerindex für das verarbeitende Gewerbe im Mai dürfte stabil bleiben, während beim ISM-Index für den Dienstleistungssektor eine leichte Verbesserung erwartet wird. Hinzu kommen die Daten zu den Bauausgaben. Zudem werden sich mehrere Notenbankvertreter äußern, bevor die Fed am Samstag in ihre übliche Schweigeperiode vor der Sitzung eintritt. Das Beige Book wird zusätzliche Einblicke in die aktuelle Verfassung der US-Wirtschaft liefern.

Auf Unternehmensseite richtet sich der Blick insbesondere auf Broadcom, das am Mittwoch Zahlen vorlegt. Als nach Nvidia zweitwertvollster US-Chiphersteller steht das Unternehmen besonders im Fokus der Anleger. Palo Alto Networks und CrowdStrike ergänzen die Woche um das Thema Cybersicherheit, während Hewlett Packard Enterprise Hinweise auf die Entwicklung der Unternehmensnachfrage liefern dürfte. Die starken Prognosen von Dell in der vergangenen Woche haben das Interesse an KI-Servern bereits weiter angefacht.

Daneben sorgen mehrere Übernahmemeldungen für Aufmerksamkeit und zeigen, dass das Vertrauen der Investoren keineswegs verschwunden ist. Taylor Morrison Home sprang nach oben, nachdem Berkshire Hathaway den Hausbauer für 6,8 Mrd. US-Dollar in bar übernehmen wollte. Cadence Design Systems legte zu, nachdem das Unternehmen einen von Nvidia unterstützten autonomen Entwicklungsassistenten für das Chipdesign vorgestellt hatte. Micron überschritt nach einer spektakulären Mai-Rallye erstmals die Marke von 1.000 US-Dollar.

Die Analysten von UBS argumentieren, dass die nächste Aufwärtsphase der Märkte davon abhängen könnte, ob sich die Marktführerschaft über die Gruppe der Mega-Caps hinaus ausweitet. Eine stärkere Rotation innerhalb des Aktienmarktes und häufigere Volatilitätsschübe durch Umschichtungen von Kapital seien wahrscheinlich. Diese Einschätzung erscheint plausibel. Ein Markt, der von einer kleinen Zahl dominanter Unternehmen getragen wird, kann zwar noch eine Zeit lang steigen – insbesondere dann, wenn diese Unternehmen tatsächlich starke Gewinne erwirtschaften. Für eine nachhaltigere und gesündere Hausse müssten jedoch deutlich mehr Unternehmen an der Entwicklung teilhaben.

Die kommende Woche wird zeigen, ob Anleger die künstliche Intelligenz weiterhin als Antwort auf nahezu jede Marktfrage betrachten können. Der Arbeitsmarktbericht, die Ölpreise, die Signale der Fed und die Entwicklungen im Nahen Osten werden diese Erzählung auf eine harte Probe stellen.

SAP treibt den Dax an – Rüstungswerte geraten unter Druck

Der Dax hatte am frühen Montagnachmittag zugelegt und notierte 0,5 % höher bei 25.243 Punkten. In der vergangenen Woche war der deutsche Leitindex in der Hoffnung auf eine Friedensvereinbarung zwischen den USA und dem Iran bis auf 25.438 Punkte gestiegen. Neue Impulse für diese Erwartung blieben jedoch aus, sodass sich der Dax wieder von seinem Rekordhoch aus dem Januar bei 25.507 Punkten entfernte. Gestützt wurde der Leitindex vor allem von kräftigen Gewinnen des Schwergewichts SAP, während Aktien aus der zweiten und dritten Reihe überwiegend nachgaben.

Der MDax mit den mittelgrossen Börsenunternehmen verlor 0,4 % auf 33.232 Punkte. Der Eurozonen-Leitindex EuroStoxx 50 legte dagegen um 0,3 % zu. Besonders gefragt waren Softwarewerte, die von weiteren Rekorden an der US-Technologiebörse Nasdaq profitierten. SAP, Nemetschek und Teamviewer beschleunigten ihre jüngste Erholung. Am Markt überwiegt weiter die Hoffnung, dass der Boom rund um Künstliche Intelligenz die Geschäftsmodelle der Softwarehersteller nicht nur bedroht, sondern ihnen auch neue Chancen eröffnet. SAP stiegen an der Dax-Spitze um 7,9 % und erreichten den höchsten Stand seit Mitte März.

Mercedes-Benz zeigten sich unbeeindruckt von einem Gesetzesvorhaben in den USA, das im Extremfall zu einem Verkaufsverbot auf dem wichtigen Markt führen könnte. Die Aktie gewann 1,6 %. Der Entwurf, der bereits einen Ausschuss im US-Repräsentantenhaus passiert hat, sieht ein Verbot von Produktion und Verkauf von Fahrzeugen in den USA vor, wenn Hersteller zu mindestens 15 % sogenannten US-Gegnerstaaten zugerechnet werden. Dazu zählt auch China. Knapp 20 % der Mercedes-Anteile entfallen auf den chinesischen, staatlich kontrollierten Autobauer BAIC sowie auf den Eigentümer des Geely-Konzerns.

Unter Druck standen dagegen Rüstungswerte. Hensoldt rechnet dank höherer Kundenanzahlungen zwar mit einem besseren freien Mittelzufluss im laufenden Jahr. Grund dafür sind vor allem beschleunigte Beschaffungsprozesse in Deutschland. Die Aktie des Rüstungselektronik-Spezialisten gehörte mit einem Minus von 4,2 % dennoch zu den schwächsten Werten. Auch Rheinmetall und Renk gaben deutlich nach. In Europa verloren zudem Thales, BAE Systems, Saab und Dassault Aviation um bis zu 2,6 %.

Easyjet sprangen um 8,7 % nach oben. Die Investmentgesellschaft Castlelake hatte am Freitag bestätigt, sich in frühen Gesprächen über ein mögliches Angebot für die Billigfluglinie zu befinden. Nach britischem Recht hat der Investor nun bis zum 26. Juni Zeit, ein formelles Angebot vorzulegen. In Paris legten Schneider Electric um 3,2 % zu, gestützt vom Investitionsschub der japanischen Softbank in Frankreichs KI-Sektor.