Nach US-amerikanischen und israelischen Angriffen auf den Iran drohte Teheran damit, Schiffe im Persischen Golf anzugreifen, die die Straße von Hormus passieren – eine strategische Engstelle, durch die rund ein Fünftel des weltweiten Ölangebots transportiert wird. Mehrere Produzenten im Nahen Osten haben ihre Förderung gestoppt. Die Frachtraten sind gestiegen. Der Brent-Preis ist über 80 Dollar je Barrel geklettert und liegt damit rund 28 % höher als zu Jahresbeginn. In Europa zogen die Erdgaspreise kräftig an, nachdem Katar nach einem Drohnenangriff die Produktion in einer wichtigen LNG-Anlage ausgesetzt hatte.
An dieser Reaktion ist nichts Exotisches. Wenn in der Golfregion ein Konflikt aufflammt, steigt der Ölpreis. Wenn der Ölpreis steigt, folgen Inflationssorgen. Neu ist diesmal jedoch, wie voll die Bühne bereits war: Die Inflation zeigt sich hartnäckig. Zölle haben die Lieferketten zusätzlich verkompliziert. Künstliche Intelligenz hat sich von einem schillernden Anlagethema zu einer Quelle von Umbrüchen und Verunsicherung gewandelt. Und die Märkte für Private Credit zeigen erste Spannungsanzeichen.
Kommt nun noch ein offener militärischer Konflikt in einer der energieempfindlichsten Regionen der Welt hinzu, schrumpft der Spielraum für Fehler. Die sichtbarste Marktbewegung betrifft die Zinserwartungen. Investoren haben den Zeitpunkt der nächsten Zinssenkung durch die Federal Reserve von Juli auf September verschoben. Einige Analysten stellen inzwischen sogar infrage, ob die Fed in diesem Jahr überhaupt zwei Zinsschritte liefern kann. Die Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen sind über die Marke von 4 % gestiegen. Das entspricht nicht dem klassischen „Flight-to-Safety“-Muster. Üblicherweise treiben geopolitische Schocks Anleger in Staatsanleihen und drücken die Renditen nach unten. Dieses Mal jedoch sorgen steigende Ölpreise – und das Risiko einer wieder anziehenden Inflation – für höhere Renditen. Mit anderen Worten: Der Anleihemarkt fürchtet weniger die Panik als vielmehr die Preise.
Auch der Dollar hat zugelegt und belastet damit Euro und Pfund Sterling. Bitcoin gab nach, nachdem Präsident Trump erklärt hatte, die Angriffe auf den Iran könnten vier oder fünf Wochen, möglicherweise sogar länger andauern. Gold kletterte zeitweise über 5.300 Dollar je Unze, hat seine Höchststände von Ende Januar bei über 5.500 Dollar jedoch noch nicht wieder erreicht. Selbst klassische sichere Häfen scheinen unschlüssig, welche Sorge sie priorisieren sollen.
An den Aktienmärkten zeigt sich ein geteiltes Bild. Europa und Asien tragen die Hauptlast der Verkäufe. Der MSCI Asia Pacific Index liegt mehr als 2 % im Minus. In Europa gerieten insbesondere reise-, auto- und luxusgüterbezogene Branchen unter Druck.
In den Vereinigten Staaten war das Bild komplexer. Gestern bewegte sich der Dow kaum, der S&P 500 legte leicht zu, und der Nasdaq schob sich ein Stück nach oben – als wäre es ein ruhiger Montag im August. Diese relative Gelassenheit stach angesichts des roten Vorzeichens in anderen Regionen sichtbar hervor. Inzwischen haben die Futures jedoch deutlich gedreht, wobei der Nasdaq die Verluste anführt und Nebenwerte um mehr als 2 % nachgeben. Der CBOE Volatility Index, das Angstbarometer der Wall Street, ist auf ein Drei-Monats-Hoch gestiegen.
Energie- und Rüstungswerte zählen zu den wenigen klaren Gewinnern. Occidental Petroleum und Cheniere Energy legten zu. Rüstungskonzerne wie Lockheed Martin und Northrop Grumman verzeichneten Kursgewinne. An anderer Stelle fiel die Bilanz deutlich schlechter aus. Delta Air Lines und Royal Caribbean verloren rund 4 %. Technologieriesen wie Nvidia und Microsoft gaben nach jüngsten Kursgewinnen nach. MongoDB brach nach einer enttäuschenden Prognose ein.
Und dennoch ist an den US-Märkten eine eigentümliche Zuversicht zu spüren. Einige Strategen argumentieren, die Energieunabhängigkeit der Vereinigten Staaten schütze das Land vor dauerhaft hohen Öl- und Gaspreisen. Andere verweisen auf frühere Krisen – etwa Venezuela –, die letztlich mit einer Markterholung oder sogar einer neuen Hausse endeten. Viele US-Investoren scheinen davon auszugehen, dass der Konflikt von kurzer Dauer sein wird, vielleicht zwei bis vier Wochen, und letztlich beherrschbar bleibt. Möglicherweise haben sich Anleger nach Jahren abrupter Politikwechsel und schlagzeilenträchtiger Schocks während der Trump-Ära auch ein Stück weit desensibilisiert – beinahe routiniert im Umgang mit Unsicherheit und erstaunlich gelassen darin, im Nebel Position zu beziehen.
Die Dauer ist entscheidend. Märkte können nahezu jeden Schock verkraften, sofern ein Ende erkennbar ist. Ein kurzer Konflikt könnte die Gesamtinflation vorübergehend erhöhen und Zinssenkungen verzögern, ohne die Gesamtwirtschaft substanziell zu beschädigen. Eine anhaltende Störung von Ölströmen und Schifffahrtsrouten wäre eine andere Größenordnung. Höhere Logistikkosten würden exportorientierte Volkswirtschaften unter Druck setzen. Hersteller von Konsumgütern des täglichen Bedarfs sähen sich steigenden Fracht- und Energiekosten gegenüber. Fluggesellschaften und Reiseunternehmen gerieten weiter ins Straucheln. Inflationserwartungen könnten sich entankern.
Die US-Wirtschaft verfügt durchaus über Puffer. Die heimische Energieproduktion ist robust. Der Arbeitsmarkt kühlt zwar ab, bleibt aber solide. Der Konsum ist bislang nicht eingebrochen. Doch Energie durchzieht alles – von der Lebensmittelverteilung über Flugtickets bis hin zu den Kunststoffen in Alltagsprodukten. Wenn der Ölpreis kräftig steigt, bleibt das selten ein isoliertes Ereignis.
Nahost-Eskalation und Inflationssorgen schicken Europas Börsen auf Talfahrt
Der sich ausweitende Nahost-Konflikt und die Angst vor einer neuen Inflationswelle infolge stark steigender Energiepreise haben die europäischen Aktienmärkte kräftig unter Druck gesetzt. Der Dax brach am Dienstag um mehr als vier Prozent auf bis zu 23.604 Punkte ein, der EuroStoxx50 verlor ebenfalls vier Prozent auf 5.748 Zähler. Zugleich heizen neue Preisdaten die Nervosität an: Im Euroraum verteuerten sich Waren und Dienstleistungen im Februar um 1,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Ökonomen hatten lediglich mit 1,7 Prozent gerechnet.
Ein längerer Krieg im Nahen Osten könnte die Inflation über höhere Energiepreise weiter antreiben und zugleich die Konjunktur belasten, warnte EZB-Chefvolkswirt Philip Lane in der Financial Times. Auch die deutsche Wirtschaftsweise Veronika Grimm sieht die Gefahr eines neuen Energieschocks für Deutschland. Die Inflationsängste erfassten zudem die Anleihemärkte: Investoren trennten sich von Staatsanleihen, die Renditen in Deutschland und Großbritannien zogen an. Für den Euroraum preisen Händler inzwischen eine geringe Wahrscheinlichkeit für eine Zinserhöhung der EZB bis Jahresende ein, nachdem zuvor noch rund 40 Prozent Wahrscheinlichkeit für eine Zinssenkung erwartet worden waren.
Der Ausverkauf zog sich durch alle Branchen. Besonders stark traf es Finanzwerte: Der europäische Bankenindex sackte um bis zu fünf Prozent ab, britische Institute gerieten wegen möglicher Nahost-Risiken besonders unter Druck. Versicherer verloren mehr als vier Prozent. Selbst Energiewerte konnten trotz steigender Preise nicht profitieren und gaben knapp zwei Prozent nach – höhere Erlöse treffen in einem risikoscheuen Umfeld auf Sorgen um die Nachfrage.
Auch der Reisesektor stand weiter unter Druck. Die Aktien der Lufthansa verloren abermals mehr als vier Prozent. Auf Einzeltitelebene gerieten zudem die Papiere von Beiersdorf massiv unter die Räder, nachdem der Konsumgüterhersteller einen verhaltenen Ausblick vorgelegt hatte. Mit einem Kursabschlag von nahezu 20 Prozent steuerte der Nivea-Produzent auf den größten Tagesverlust seiner Unternehmensgeschichte zu. Zwar habe der Markt bereits mit einer vorsichtigen Prognose für das Geschäftsjahr 2026 gerechnet, erklärte ein Händler. "Aber kein Wachstum und dazu sinkende Margen sind eine negative Überraschung."























