US-Investoren ziehen ihr Geld in rasantem Tempo aus dem eigenen Aktienmarkt ab – so schnell wie seit mindestens 16 Jahren nicht mehr –, da die Renditen der großen Tech-Unternehmen nachlassen und besser laufende Auslandsmärkte zunehmend attraktiver erscheinen.

In den vergangenen sechs Monaten haben in den USA ansässige Investoren rund 75 Milliarden US-Dollar aus US-Aktienprodukten abgezogen, davon allein 52 Milliarden seit Beginn des Jahres 2026 – das ist der höchste Abfluss in den ersten acht Wochen eines Jahres seit mindestens 2010, wie Daten von LSEG/Lipper zeigen.

Diese Entwicklung erfolgt trotz einer Abschwächung des US-Dollar gegenüber anderen Währungen, was den Kauf von Auslandsaktiva für US-Investoren eigentlich verteuert. Es ist ein deutliches Zeichen dafür, dass die Diversifizierung weg von US-Anlagen, die im vergangenen Jahr von einigen internationalen Investoren bereits begonnen wurde, nun auch bei US-Investoren an Fahrt gewinnt.

Seit dem Ende der globalen Finanzkrise 2009 hat das Motto "Buy America" Investoren im In- und Ausland belohnt – dank einer starken Wirtschaft, solidem Gewinnwachstum und der Dominanz im Technologiesektor, die zu überdurchschnittlichen Gewinnen an den US-Börsen führte.

Jüngst trieb der KI-Boom den S&P 500 im vergangenen Jahr auf Rekordhöhen – ein starker Puffer gegen den unberechenbaren Kurs von US-Präsident Donald Trump in der Handels- und Außenpolitik sowie gegen seine Versuche, die Unabhängigkeit der Federal Reserve zu untergraben.

Blick über den Tellerrand

Doch mit zunehmenden Sorgen über mögliche Risiken und Kosten rund um KI lässt der Reiz von Wall-Street-Aktien nach. Der enorme Wertzuwachs der US-Mega-Techs, die bislang die Gewinne antrieben, macht Investoren wählerischer – viele entdecken attraktivere Chancen anderswo.

Die Februar-Umfrage von Bank of America unter Fondsmanagern ergab, dass Investoren so schnell wie seit fünf Jahren nicht mehr von US-Aktien in Schwellenländeraktien umschichten.

"Ich habe dieses Jahr viele Gespräche mit unserem Vermögensverwaltungsgeschäft in den USA geführt", sagt Gerry Fowler, Leiter europäische Aktienstrategie und globale Derivatstrategie bei UBS.

"Alle sprechen darüber, mehr im Ausland zu investieren, weil sie zum Jahresende die Performance der Auslandsmärkte in Dollar betrachtet haben und dachten: Wow, da verpasse ich etwas."     

US-Investoren haben in diesem Jahr bisher rund 26 Milliarden Dollar in Schwellenländeraktien investiert. Größtes Zielland ist Südkorea mit einem Zufluss von 2,8 Milliarden Dollar, gefolgt von Brasilien mit 1,2 Milliarden Dollar, wie LSEG/Lipper-Daten zeigen.

Eines der klaren Ergebnisse von Trumps Politik ist der Rückgang des Dollar um 10% gegenüber einem Währungskorb seit Januar letzten Jahres. Das ist zwar ein Nachteil für US-Investoren auf der Suche nach Gelegenheiten im Ausland, doch Dividenden aus besser laufenden Auslandsmärkten werden in Dollar gerechnet zusätzlich aufgepolstert.   

In den vergangenen 12 Monaten ist der S&P 500 um rund 14% gestiegen. In Dollar gerechnet legte Tokios Nikkei um 43% zu, Europas STOXX 600 sprang um 26%, Shanghais CSI 300 erzielte 23% Rendite und Seouls KOSPI hat sich im Wert verdoppelt.

Investoren nehmen auch die scheinbar unaufhaltsame Rallye der KI-Giganten wie Nvidia, Meta und Microsoft sowie die Risiken der extrem hohen Bewertungen unter die Lupe. Sie suchen nach "Value" bei traditionellen Industrieunternehmen und defensiven Aktien, die in manchen Auslandsmärkten wie Deutschland, Großbritannien, der Schweiz oder Japan stark vertreten sind.

Bewertung und Substanz

Laura Cooper, globale Investmentstrategin bei Nuveen, sagt, die Rotation an der Wall Street weg von Tech- und anderen sogenannten Wachstumswerten hin zu Substanzwerten spiele sich auf globaler Ebene ab.

"Wir sehen zunehmend, dass US-Investoren das globale Umfeld aus Bewertungssicht betrachten", so Cooper und verweist auf den zyklischen Wachstumsschub vor allem in Europa und Japan.

Europäische Bankaktien, ein Beispiel für zyklische Titel, die typischerweise von steigendem Wirtschaftswachstum profitieren, legten im vergangenen Jahr um 67% zu und sind 2026 bislang um weitere 4% gestiegen.

"Wenn man die Bewertungsgeschichte mit der Wachstumsgeschichte verknüpft, sehen wir diese Rotation auch bei US-Investoren", ergänzt Cooper. 

US-Aktien sind nach wie vor deutlich teurer als anderswo. Der S&P 500 notiert etwa beim 21,8-fachen der erwarteten Gewinne, während europäische Aktien beim etwa 15-fachen der Prognosegewinne gehandelt werden; in Japan und China sind es 17 beziehungsweise 13,5 Mal.

Kevin Thozet, Portfolio-Berater bei Carmignac, berichtet, sein Team habe beobachtet, dass die Kapitalströme aus den USA nach Europa seit etwa Mitte 2025 deutlich zugenommen haben.

LSEG/Lipper-Daten zeigen, dass seit Trumps Amtseinführung im Januar vergangenen Jahres US-Investoren fast 7 Milliarden Dollar in europäische Aktienprodukte gesteckt haben, verglichen mit einem Abfluss von rund 17 Milliarden Dollar während Trumps erster Amtszeit von 2017 bis 2021.

"Wenn ich einen sehr langfristigen Blick einnehme, dann ist es vielleicht diese Idee einer großen globalen Rotation", sagt Thozet.