Goldman Sachs hat dies als den größten Ölangebotsschock der Geschichte bezeichnet. Moody’s hat gewarnt, dass eine Rezession unvermeidlich werden könnte, falls sich die Lage nicht binnen weniger Wochen verbessert. Das mag alarmistisch klingen, doch die Geschichte ist hier alles andere als beruhigend: Nahezu jede US-Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg wurde - mit Ausnahme des kurzen pandemiebedingten Einbruchs - von einem Ölpreisschock eingeleitet. Das Wachstum im vierten Quartal 2025 lag bei lediglich 0,7 %. Der Arbeitsmarkt hat sich abgeschwächt. Auch andere Indikatoren haben zuletzt nachgegeben. Das ist keine Volkswirtschaft mit viel Puffer.
Und dennoch halten die Märkte an ihrem Optimismus fest. Sobald ein paar Schiffe durch Hormus gelangen, verhalten sich viele bereits so, als sei die Krise von „ernst“ auf „beherrschbar“ heruntergestuft worden. Doch an den grundlegenden Tatsachen hat sich nichts geändert. Der Iran scheint weiterhin in der Lage zu sein, maßgeblich zu beeinflussen, wer die Meerenge sicher passieren kann und wer nicht. Die Angriffe auf Energieinfrastruktur dauern an, darunter zuletzt auch der Schlag in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Die Verbündeten der USA haben den Aufruf von Präsident Donald Trump, zur Sicherung der Passage beizutragen, weitgehend ausgeschlagen. British Airways hat seine Aussetzung von Flügen zu mehreren Zielen im Nahen Osten bis mindestens Ende April und in einigen Fällen bis Ende Mai verlängert.
Die Stimmung an den Märkten hingegen schwankt weiterhin mit bemerkenswertem Eifer zwischen Angst und Verdrängung. Am Montag erholten sich die Aktienmärkte, angeführt von Technologiewerten. Auch das sagt etwas aus. Die großen Tech-Konzerne sind gegen hohe Energiekosten nicht immun, aber sie sind besser in der Lage, sie aufzufangen als große Teile der übrigen Wirtschaft. Ein Unternehmen mit gigantischen Margen kann steigende Stromrechnungen als lästige Unannehmlichkeit behandeln. Ein Hersteller mit deutlich dünneren Margen kann das nicht. Insofern war die Erholung im Technologiesektor weniger ein Zeichen breiten Vertrauens als vielmehr eine Erinnerung daran, wie ungleich der moderne Kapitalismus geworden ist.
Nvidia spielte dabei erneut seine vertraute Rolle als emotionales Stützrad des Marktes unter den Halbleiterwerten. Auf seiner Entwicklerkonferenz erklärte das Unternehmen, das Umsatzpotenzial seiner KI-Chips könne bis 2027 mindestens 1 Billion Dollar erreichen. Diese Ankündigung belebte erneut die Vorstellung, Amerika könne sich aus jedem Problem einfach herausprogrammieren. Uber legte im Zuge von Robotaxi-Plänen auf Basis von Nvidia-Software zu, und auch chipnahe Titel profitierten. Der KI-Trade bot den Anlegern einmal mehr eine Möglichkeit, über die Zukunft zu sprechen statt über das Chaos, das direkt vor ihnen liegt.
Gleichzeitig beginnt für die Federal Reserve ihre zweitägige Sitzung zur Geldpolitik - und sie findet sich erneut in ihrer ungeliebtesten Rolle wieder: als Institution, von der erwartet wird, Probleme zu lösen, die sie weder verursacht hat noch vollständig kontrollieren kann. Zum fünften Mal in Folge glaubten die Währungshüter, die Inflation könne endlich wieder in Richtung 2 % gleiten, nur um dann von einer neuen Störung getroffen zu werden. Zuerst kamen die Nachwirkungen der Pandemie, dann Russlands Invasion in der Ukraine, dann Zölle - und nun das. Allgemein wird erwartet, dass die Fed die Zinsen in dieser Woche unverändert lässt, doch das ist fast nebensächlich. Die eigentliche Frage lautet, wie restriktiv ihr Ton nun ausfallen muss, um die Inflationserwartungen verankert zu halten, obwohl sich das Wachstum abschwächt.
Genau darin liegt die Falle, denn höhere Ölpreise verschärfen die Inflation. Schwächeres Wachstum macht Zinssenkungen verlockender, doch ein zu früher Schritt birgt das Risiko, die Inflation erneut anzuheizen. Ein Festhalten am restriktiven Kurs wiederum droht, eine ohnehin fragile Wirtschaft zusätzlich abzuwürgen. Australiens Zentralbank hat die Zinsen gerade erst erneut angehoben und zugleich offen ihre Sorge über importierte Inflation und die wirtschaftlichen Folgen des Konflikts geäußert.
Der Markt scheint auf dieses Dilemma nicht vollständig vorbereitet zu sein. Analysten haben bereits darauf hingewiesen, dass Investoren die breiteren wirtschaftlichen Folgen dieses Krieges womöglich noch immer unterschätzen. Die Renditen von US-Staatsanleihen sind gestiegen, weil Händler ihre Erwartungen an Zinssenkungen der Fed zurückgenommen haben. Zinsfutures implizieren nun nur noch eine Senkung um einen Viertelprozentpunkt gegen Ende des Jahres, nachdem es vor der Eskalation des Konflikts noch rund zwei gewesen waren.
Der für diesen Monat erwartete Gipfel zwischen den USA und China könnte nun wegen des Krieges verschoben werden. Analysten glauben zwar nicht, dass dies die breitere Annäherung beider Länder zwangsläufig entgleisen lässt, doch es ist ein weiteres Zeichen dafür, wie ein einzelner Konflikt andere Prioritäten neu ordnen kann. Die Bodenoffensive Israels im Libanon eröffnet derweil eine neue Front gegen die Hisbollah und weitet die Konfrontation mit dem Iran weiter aus.
Ich bin in dieser Kolumne bislang eher pessimistisch gewesen, und fairerweise bleibt Zurückhaltung durchaus angebracht. Einige Analysten argumentieren, dass der derzeitige Preisschub sich als vorübergehend erweisen könnte, sofern es nicht zu massiver Zerstörung zentraler Ölinfrastruktur kommt. Freigaben aus strategischen Reserven können Preisspitzen abmildern, und einige Schiffe passieren die Meerenge weiterhin. Eine durch höhere Preise ausgelöste Nachfrageschwäche könnte den Markt letztlich abkühlen. Es ist also möglich, dass der Energieschock nachlässt, bevor er sich zu einem umfassenden wirtschaftlichen Ereignis auswächst. Das größere Problem ist jedoch, dass sich Amerika daran gewöhnt hat, wiederkehrende Schocks so zu behandeln, als seien sie isolierte Episoden. Doch irgendwann sind sie keine Unterbrechungen des Systems mehr - dann sind sie das System.
Dax setzt Erholung fort – Energieaktien gefragt, Nebenwerte im Fokus
Der Dax hat am Dienstag seine Erholung vom Wochenauftakt fortgesetzt, nachdem er zunächst kaum verändert gestartet war. Steigende Ölpreise bleiben ein zentrales Thema und die aktuellen Handelsumsätze deuten darauf hin, dass Anleger die Lage vorerst aussitzen. Am Nachmittag legte der Leitindex um 0,9 Prozent auf 23.783 Punkte zu. Aus charttechnischer Sicht wäre eine nachhaltigere Aufwärtsbewegung jedoch erst oberhalb von etwa 24.200 Punkten zu erwarten. Der MDax gewann 1,5 Prozent auf 29.395 Zähler, europaweit zeigten sich die Märkte ebenfalls fester.
Gefragt waren im Dax vor allem Energiewerte, die von den höheren Energiepreisen profitierten. Eon führten den Index mit einem Plus von 3,1 Prozent an, Siemens Energy legten um 2,7 Prozent zu, RWE um 1,4 Prozent. Am anderen Ende standen Rheinmetall mit einem Minus von 1,3 Prozent, nachdem die Rüstungsaktie zuletzt deutlich gestiegen war. Auch abseits der großen Indizes rückten Titel in den Fokus: Sartorius überzeugte mit neuen Mittelfristzielen ab 2027 und gewann 7,4 Prozent. Nach zuvor deutlichen Kursverlusten sorgten die als „realistisch, aber ambitioniert“ bezeichneten Prognosen für Erleichterung.
Kräftige Zugewinne gab es auch bei Fraport, deren Aktien um 6,8 Prozent zulegten. Zwar wird das Passagierniveau von vor der Corona-Krise auch 2026 noch nicht erreicht, doch Analysten lobten insbesondere den erstmals seit 2018 wieder positiven freien Barmittelfluss des Flughafenbetreibers. Thyssenkrupp stiegen um 7,3 Prozent nach einem Großauftrag für die Wasserstoff-Tochter Nucera, die selbst um 2,2 Prozent zulegte. Im SDax führten Springer Nature mit plus 8,1 Prozent nach starken Geschäftszahlen und optimistischem Ausblick. Dagegen brachen Energiekontor nach einer Analystenabstufung um knapp 10 Prozent ein.






















