Ankara, 22. Mai (Reuters) - Im Machtkampf um die Führung der größten türkischen Oppositionspartei CHP hat ein Gericht in Ankara einen ersten Einspruch gegen die Absetzung von Parteichef Özgür Özel abgewiesen. Das berichteten die Zeitung "Cumhuriyet" und weitere türkische Medien am Freitag. Die säkulare Republikanische Volkspartei (CHP) hat jedoch noch weitere Rechtsmittel bei einer höheren Instanz sowie beim Obersten Wahlausschuss (YSK) eingelegt. Özel hat angekündigt, sich dem Urteil vom Vortag zu widersetzen und "Tag und Nacht" in der Parteizentrale in der Hauptstadt zu bleiben. Die CHP bezeichnet seine Absetzung als Justizputsch.

Die politische Krise sorgte an den Finanzmärkten für Unruhe. Die türkische Lira fiel auf ein Rekordtief, was die Zentralbank dazu veranlasste, Devisenreserven in Milliardenhöhe zu verkaufen, um die Währung zu stützen. Die Börse in Istanbul, die bereits am Vortag eingebrochen war, zeigte sich am Freitag volatil. Analysten sehen in den juristischen Schritten gegen die Opposition eine Belastungsprobe für die Demokratie in dem Nato-Land. Sie warnen, die Entwicklung könne die 23-jährige Herrschaft von Präsident Recep Tayyip Erdogan weiter verlängern und den Kampf gegen die hohe Inflation von zuletzt mehr als 32 Prozent erschweren. Vizepräsident Cevdet Yilmaz spielte die Marktreaktionen dagegen als alltägliche Schwankungen herunter.

Auslöser des Bebens war ein Gerichtsurteil vom Donnerstag. Ein Berufungsgericht hatte den CHP-Parteitag von 2023, auf dem Özel zum Vorsitzenden gewählt worden war, wegen nicht näher genannter Unregelmäßigkeiten annulliert. An seiner Stelle setzte das Gericht seinen Vorgänger Kemal Kilicdaroglu wieder ein, der Erdogan bei den Wahlen im selben Jahr unterlegen war. Die CHP, die in Umfragen in etwa gleichauf mit Erdogans regierender AK-Partei liegt, sieht sich seit längerem einem harten Durchgreifen der Justiz ausgesetzt. So wurde unter anderem der Istanbuler Bürgermeister Ekrem Imamoglu, ein aussichtsreicher Präsidentschaftskandidat der CHP, inhaftiert. Die Regierung weist Vorwürfe zurück, sie setze die Gerichte gezielt gegen politische Rivalen ein.

(Bericht von Ece ToksabayBearbeitet von Scot W. Stevensonredigiert von Kerstin DörrBei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)