Diese neue Semantik ist nicht völlig aus der Luft gegriffen. Die schwächelnde europäische Stahlsparte des Konzerns steht kurz vor dem Verkauf an den indischen Wettbewerber Jindal Steel. Die Marinesparte wurde bereits teilweise abgespalten – 49 % des Kapitals wurden nach dem mittlerweile gängigen Modell an der Börse platziert. Und die verbliebene Aufmerksamkeit richtet sich nun auf zukunftsträchtigere Bereiche wie Hochleistungsmaterialien und Dekarbonisierungstechnologien.

Diese strategischen Umschichtungen kamen bei den Investoren gut an – nicht zuletzt, weil sie mit einem harten Personalabbau einhergehen: 11.000 Stellen im Stahlbereich werden gestrichen. Die Börse honorierte den Umbau mit einem überraschenden Kursanstieg im laufenden Jahr.

Trotz der optisch gelungenen Neuausrichtung bleibt die wirtschaftliche Realität ernüchternd. Der am Vortag veröffentlichte Jahresabschluss offenbart ein Bild der Stagnation: Der Umsatz sank erneut um 6 % auf den tiefsten Stand der letzten zehn Jahre. Die Kapitalrendite ist weiterhin schwach. Zwar konnte zum dritten Mal in Folge ein leicht positiver operativer Cashflow vor Portfoliobereinigungen erzielt werden – doch diese „Erholung“ folgt auf eine Periode massiver Mittelabflüsse: Zwischen 2016 und 2022 verbrannte der Konzern insgesamt 8,5 Milliarden Euro.

Auch für das kommende Jahr gibt es wenig Anlass zur Hoffnung. Eine Erholung der Automobilkonjunktur – einer der wichtigsten Abnehmerbranchen – ist nicht in Sicht. Gleichzeitig belasten die fortgesetzten Umstrukturierungen den Cashflow erneut, der 2026 voraussichtlich wieder ins Minus rutschen wird.

ThyssenKrupp betont zwar, dass 45 % der laufenden Investitionen wachstumsorientiert seien (und 55 % auf Bestandserhalt entfielen), doch bislang bleibt der erhoffte Ertrag dieser strategischen Neuausrichtung aus.

Tatsächlich fällt es schwer, Anzeichen für eine Trendumkehr zu erkennen. Der Umsatz des Konzerns ist in den vergangenen 20 Jahren nominal kaum gestiegen – real, also inflationsbereinigt, bedeutet das einen deutlichen Rückgang. Seit der Finanzkrise schreibt das Unternehmen unterm Strich regelmäßig Verluste.