Frankfurt, 12. Mai (Reuters) - Die jüngste Streikwelle bei der Lufthansa macht den Investoren des Unternehmens Sorgen. Vertreter der drei großen deutschen Vermögensverwalter Deka, Union und DWS appellierten am Dienstag auf der Hauptversammlung in Frankfurt an Gewerkschaften und Management, Tarifkonflikte nicht weiter zum Schaden der Airline auf die Spitze zu treiben. Die Eskalationen der Tarifparteien rissen nicht nur ein Loch in die Firmenbilanz, sie schadeten auch dem Vertrauen in die Sozialpartnerschaft und dem Standort Deutschland, erklärte Hendrik Schmidt für die Deutsche-Bank-Tochter DWS. "Sollten die Tarifpartner - Arbeitnehmer wie Arbeitgeber - daher nicht zu einer dauerhaften Befriedung gelangen, drohen der Lufthansa anhaltende Turbulenzen." Die Lufthanseatinnen und -hanseaten riskierten ihren guten Ruf.

Im Streit über Betriebsrenten der Piloten und Arbeitsbedingungen der Flugbegleitenden hatten Cockpit- und Kabinenpersonal in den vergangenen drei Monaten wiederholt und mit wachsender Dauer gestreikt. Im April legten die Gewerkschaften Vereinigung Cockpit (VC) und Unabhängige Flugbegleiterorganisation (UFO) den Flugbetrieb der Kranich-Airline mit abwechselnden Streiks eine ganze Woche lahm. Davon waren nach Angaben des Flughafenverbandes ADV fast eine Million Passagiere betroffen. Die Kühne-Holding von Lufthansa-Großaktionär Klaus-Michael Kühne kritisierte die Arbeitskämpfe als Missbrauch des Streikrechts.

Die Lufthansa bezifferte die Kosten durch streikbedingte Ausfälle und Kundenentschädigungen auf bislang 190 Millionen Euro. Zum zentralen Festakt zum 100. Jubiläum der Firmengründung Mitte April gaben Belegschaft und Management ein Bild der Zerrissenheit ab - mit Protesten von vielen Beschäftigten vor dem Veranstaltungsort auf der Straße und scharfer Kritik von Lufthansa-Aufsichtsratschef Karl-Ludwig Kley vom Rednerpult im neuen Besucherzentrum. Tags darauf verkündete die Lufthansa überraschend die kurzfristige Stilllegung der bestreikten Regionalfluglinie Cityline - 1300 Beschäftigte wurden von heute auf morgen von der Arbeit freigestellt.

"Nichts ist bei der Lufthansa so sicher wie der nächste Streik", sagt Henrik Pontzen, Nachhaltigkeits-Chef von Union Investment. Er hat für die geforderte massive Erhöhung der Arbeitgeberbeiträge zur Altersversorgung der Flugzeuglenker kein Verständnis. "Es darf nicht sein, dass ein gutes Jahr sofort zu massiven Forderungen der Piloten führt, während wir als Aktionäre das Risiko in der Krise allein tragen." Die Fondsgesellschaft der Volks- und Raiffeisenbanken riet Spohr, vor allem gegenüber den Piloten mit ihren Spitzengehältern in Verhandlungen hart zu bleiben.

"STRATEGIE STIMMT, AUSFÜHRUNG HINKT"

VC-Präsident Andreas Pinheiro machte das Management für die Eskalation verantwortlich. Der Vorstand schiebe die Tarifverträge als Grund für die langsame Erholung von der Corona-Krise vor, für die er selbst verantwortlich sei. Deshalb betreibe das Management "eine Personalpolitik mit der Kettensäge" und wolle die Fachgewerkschaften zum Aufgeben zwingen. Wirtschaftliche Schäden durch Streiks nehme der Arbeitgeber aus machtpolitischem Kalkül in Kauf. "Wir Piloten sind auf Gedeih und Verderb mit diesem Unternehmen verbunden und haben ein existenzielles Interesse daran, dass die Deutsche Lufthansa AG wirtschaftlich erfolgreich ist", sagte Pinheiro.

Inzwischen bemühen sich Unternehmen und Gewerkschaften, wieder an den Verhandlungstisch zurückzufinden, denn kostspielige weitere Arbeitsniederlegungen kämen zur Unzeit. Neben enormen Belastungen durch Streiks sei die Lufthansa vom massiven Anstieg der Kerosinpreise und Treibstoffknappheit durch den Iran-Krieg betroffen, erklärte Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit bei Deka Investment. Die Treibstoffrechnung der Lufthansa steigt in diesem Jahr um 1,7 Milliarden Euro. Pläne für den Fall von Kerosinmangel liegen in der Schublade. "Der Vorstand ist mal wieder im Krisenmodus angekommen." Das gute Ergebnis des vergangenen Jahres - fast zwei Milliarden Euro Betriebsgewinn und eine um zehn Prozent erhöhte Dividende - könnten nur ein Zwischenhoch gewesen sein, befürchten Investoren. "Die Produktivität sinkt, Verspätungen und Flugausfälle werden wieder zum Normalzustand", sagte Speich. Das Spar- und Modernisierungsprogramm bei der Kernmarke Lufthansa sieht er als richtigen Weg. "Die Strategie stimmt. Die Ausführung hinkt."

(Redigiert von Olaf Brenner und Sabine Wollrab. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an die Redaktionsleitung unter frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com)

- von Ilona Wissenbach