SoftBank oder die japanische Kunst der Neuerfindung

Um zu verstehen, warum SoftBank Toyota vom Thron stoßen konnte, muss man weit vor die Ära von ChatGPT zurückgehen. SoftBank wurde 1981 als Vertriebsgesellschaft für Computersoftware gegründet. Danach expandierte das Unternehmen in den Fachverlagsbereich, ins Internetgeschäft, in Breitbanddienste, die Festnetz- und Mobilkommunikation, bevor es schließlich in eine neue Phase eintrat, die von globalen Technologieinvestitionen geprägt ist.

Im Geschäftsbericht 2025 erklärt der Konzern sogar ausdrücklich, dass die „Informationsrevolution“ inzwischen in eine Phase eingetreten sei, in der Künstliche Intelligenz jede Branche neu definiert. SoftBank wurde also nicht über Nacht zu einem „KI-Wert“. Vielmehr handelt es sich um ein Unternehmen, das sich seit vier Jahrzehnten daran gewöhnt hat, sich bei jeder großen technologischen Infrastrukturwelle neu zu positionieren.

Dieser Chamäleon-Charakter erklärt auch, warum der Markt SoftBank einen besonderen Status einräumt. Toyota verkauft Autos. SoftBank verkauft das Versprechen, in den profitabelsten Schichten der nächsten Technologiewelle präsent zu sein. In seiner offiziellen Unternehmensgeschichte verknüpft der Konzern diese Logik direkt mit seinen wichtigsten Meilensteinen: Yahoo! Japan im Jahr 1996, Alibaba im Jahr 2000, Yahoo! BB im Jahr 2001, den Einstieg in das Festnetzgeschäft 2004, den Mobilfunk 2006, Arm 2016, den Vision Fund 2017 und schließlich Stargate sowie OpenAI im Jahr 2025. Aus Sicht eines Analysten ist SoftBank längst nicht mehr nur ein Unternehmen – es ist eine Maschine, die die dominierenden Technologie-Narrative aufsaugt und in börsennotierten Wert verwandelt.

Diese Metamorphose hat sich beschleunigt, seit Masayoshi Son zu einer deutlich offensiveren KI-Strategie zurückgekehrt ist. Der Konzern begnügt sich nicht mehr damit, Minderheitsbeteiligungen an Start-ups zu finanzieren. Er will nun auch die physische Infrastruktur finanzieren, die die nächste Entwicklungsstufe des Sektors tragen soll. Genau das verleiht der SoftBank-Aktie ihren hybriden Charakter: zugleich Investmentgesellschaft, Technologiekonglomerat und gigantische Wette auf Rechenzentren, Chips und die künftigen Champions der KI-Industrie.

Was Anleger wirklich kaufen, wenn sie SoftBank kaufen

In seinem Konzernabschluss für das am 31. März 2026 beendete Geschäftsjahr meldete SoftBank einen den Aktionären zurechenbaren Nettogewinn von rund 5,0 Billionen Yen, nach 1,15 Billionen Yen im Vorjahr. Darüber hinaus verbuchte der Konzern Investitionsgewinne in Höhe von 7,29 Billionen Yen. Zum 31. März 2026 lag der Nettoinventarwert bei 40,06 Billionen Yen, während der Wert der Beteiligungen 48,26 Billionen Yen erreichte. Innerhalb dieses Portfolios entfielen allein 19,15 Billionen Yen auf Arm – mit großem Abstand die wertvollste Einzelbeteiligung. Ein erheblicher Teil der Neubewertung von SoftBank hängt somit bereits ganz konkret mit der wachsenden Bedeutung von Arm innerhalb des Konzerns zusammen.

Arm ist deshalb so zentral geworden, weil das Unternehmen an der Schnittstelle zweier Trends steht, die Investoren lieben: der explosionsartig steigenden Nachfrage nach Rechenleistung für KI-Anwendungen und dem zunehmenden Druck auf die Energieeffizienz von Rechenzentren.

Der zweite große Pfeiler ist OpenAI. SoftBank gab Ende Februar offiziell bekannt, seit September 2024 bereits 34,6 Milliarden US-Dollar in OpenAI investiert zu haben. Über den SoftBank Vision Fund 2 sollen weitere 30 Milliarden US-Dollar folgen. Werden sämtliche Tranchen umgesetzt, summiert sich die Investition auf 64,6 Milliarden US-Dollar für eine Beteiligung von rund 13 %. Die erste Tranche über 10 Milliarden US-Dollar wurde am 1. April ausgezahlt. Gleichzeitig bestätigte SoftBank die Aufnahme einer Zwischenfinanzierung über 40 Milliarden US-Dollar, um diesen Ausbau zunächst zu finanzieren.

Hinzu kommt inzwischen die europäische Infrastruktur. SoftBank kündigte an, in Frankreich KI-Rechenzentren mit einer Gesamtkapazität von 5 Gigawatt zu entwickeln und zu betreiben. Das Investitionsvolumen könnte bis zu 75 Milliarden Euro erreichen. Die erste Phase umfasst 45 Milliarden Euro für 3,1 Gigawatt in der Region Hauts-de-France. Genau diese Ankündigung lieferte den unmittelbaren Kurstreiber für den Börsensprung vom 1. Juni.

Toyota bleibt ein Gigant – doch der Markt behandelt den Konzern wie eine reife Industrie

Dieser Machtwechsel bedeutet keineswegs, dass Toyota zusammenbricht. Das Unternehmen bleibt ein industrieller Koloss. Für das Geschäftsjahr 2026 meldete Toyota einen Umsatz von 50,6849 Billionen Yen, ein operatives Ergebnis von 3,7662 Billionen Yen sowie einen den Aktionären zurechenbaren Nettogewinn von 3,848 Billionen Yen. Auf konsolidierter Basis wurden 9,595 Millionen Fahrzeuge verkauft. Zudem überschritt der Konzern erstmals die Marke von fünf Millionen elektrifizierten Fahrzeugen im Einzelhandel. Anders ausgedrückt: Toyota ist weiterhin außerordentlich profitabel, global aufgestellt und weit davon entfernt, ein Unternehmen im Niedergang zu sein.

Das Problem für Toyota besteht darin, dass Investoren inzwischen ebenso stark auf Gegenwind wie auf Absatzvolumen achten. Für das Geschäftsjahr 2027 erwartet das Unternehmen ein operatives Ergebnis von 3,0 Billionen Yen – ein Rückgang um 800 Milliarden Yen gegenüber dem Vorjahr. In der eigenen Präsentation weist Toyota darauf hin, dass US-Zölle das vergangene Geschäftsjahr bereits mit 1,4 Billionen Yen belastet haben. Zudem rechnet der Konzern nicht damit, neue Belastungen – insbesondere jene im Zusammenhang mit dem Nahen Osten – vollständig auffangen zu können.

Factset

Ein Machtwechsel, der viel über das Japan von morgen erzählt

Über Jahrzehnte hinweg stand die größte Börsenkapitalisierung des Landes für die Idee von „Japan Inc.“: Automobile, Exporte, industrielle Exzellenz, Kostenkontrolle und starke Bilanzen. Heute hat der japanische Aktienmarkt vorübergehend einen Konzern an die Spitze gesetzt, dessen Wert vor allem von Halbleitern, nicht börsennotierten Beteiligungen, Software, Rechenzentren und dem Versprechen einer dominierenden Rolle im KI-Zeitalter abhängt.

Diese sektorale Neuordnung beschränkt sich übrigens längst nicht mehr auf SoftBank allein. Im Fahrwasser der Technologie-Rallye ist auch Kioxia, der japanische Speicherchip-Hersteller, an der Börse regelrecht explodiert. Zeitweise überholte das Unternehmen sogar Toyota und stieg in die Spitzengruppe der wertvollsten japanischen Konzerne auf.

Letztlich geht es in Tokio zu Beginn dieses Sommers 2026 weder um den Untergang von Toyota noch um den endgültigen Aufstieg von SoftBank zu unangefochtener Dominanz. Es geht um den vorläufigen Sieg eines Versprechens über eine Gewissheit, der Zukunft über die Gegenwart, eines Vermögenswerts, der von der weltweiten KI-Goldgräberstimmung profitiert, über ein Industrieimperium, das weiterhin Milliarden verdient. Toyota produziert, verkauft und verdient nach wie vor in gigantischem Maßstab Geld. SoftBank hingegen bündelt inzwischen die Ungeduld des Marktes gegenüber dem, was als Nächstes kommt.