Der saudische Ölkonzern, mit einer täglichen Produktion von rund 12,4 Millionen Barrel Öläquivalent größter Produzent der Welt, ist zudem – und mit Abstand – das höchstbewertete Ölunternehmen. Mit einer Marktkapitalisierung von 1.700 Milliarden US-Dollar erwirtschaftete Aramco im vergangenen Jahr einen Free Cashflow von 85 Milliarden US-Dollar – also weniger als die ausgeschüttete Dividende von 124 Milliarden.

Genau hier hatte der Konzern Anfang des Jahres eingegriffen und angekündigt, seine Dividendenpolitik zu überarbeiten: Künftig soll nur noch eine Ausschüttung von 85 Milliarden Dollar erfolgen. Das dürfte die Haushaltslage des Königreichs – aktuell mit einem Defizit von 5,3 % des BIP – nicht gerade verbessern, doch die außergewöhnlich solide Bilanz des Unternehmens bleibt davon unberührt.

Saudi Aramco befindet sich zu 97 % in der Hand des saudischen Staates und seines Staatsfonds – sprich: unter Kontrolle der königlichen Familie. Der Zugang zu den globalen Finanzmärkten bleibt dem Konzern offenbar weiterhin erschwert. Was einst als Stabilitätsgarant galt, scheint von Investoren inzwischen als strukturelles Hindernis wahrgenommen zu werden.

Denn trotz mehrfacher Signale der Öffnung durch Kronprinz Mohammed bin Salman bleiben ausländische Direktinvestitionen in Saudi-Arabien enttäuschend niedrig – ebenfalls auf dem tiefsten Stand seit 2020. Geopolitische Spannungen in der Region und der bis heute nachwirkende Schatten der Khashoggi-Affäre dürften hierfür mitverantwortlich sein.

Jeder Dollar Rückgang beim Ölpreis kostet Aramco rund eine Milliarde Dollar Gewinn. In diesem Umfeld wird nicht nur an der Dividende gespart – auch die externe Wachstumsstrategie wurde überdacht und die Expansionsambitionen deutlich reduziert.

So teilte der Konzern Anfang des Jahres mit, kein Interesse am Kauf der Schmierstoffmarke Castrol zu haben, die vom britischen Ölkonzern BP im Zuge einer Restrukturierung veräußert werden soll. Marktbeobachter hatten Aramco eigentlich als naheliegenden Käufer gesehen, nachdem der saudische Gigant vor drei Jahren Valvoline übernommen hatte.

Diese Zurückhaltung zeigt sich auch beim Konkurrenten Adnoc, dem großen petrochemischen Konglomerat aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. Auch Adnoc will nach einer Reihe großer Übernahmen – darunter der australische Gasproduzent Santos und der deutsche Chemiekonzern Covestro – eine Atempause einlegen (siehe dazu: Covestro AG: Rutschiges Terrain).

Ein strategischer Diversifikationspfad bleibt allerdings vorrangig: der Einstieg in die Lithiumproduktion gemeinsam mit dem staatlichen Bergbauunternehmen Ma'aden. Die Energieunternehmen verfügen über wertvolles technisches Know-how in diesem Bereich, da das bei der Ölgewinnung anfallende Salzwasser häufig Lithium enthält.

Besonders interessant ist dabei die nachgelagerte Verarbeitung: Die Raffinierung von Lithium ist deutlich teurer als dessen Gewinnung – könnte aber von den äußerst günstigen Energiekosten im Königreich profitieren. Zudem verfügt Saudi-Arabien über die notwendige Infrastruktur, um die großflächige Ausfuhr sicherzustellen.

Legt man Dividendenrendite und Gewinnmultiplikatoren zugrunde, wird Saudi Aramco vom Markt derzeit ähnlich bewertet wie die großen europäischen Ölkonzerne. Die US-Riesen Exxon und Chevron führen weiterhin das Feld an – am unteren Ende rangiert der brasilianische Ölkonzern Petrobras.