Samsung Electronics und die zuständige Gewerkschaft konnten am Mittwoch keine Einigung im Tarifkonflikt erzielen. Damit steigt das Risiko eines langwierigen Streiks, der nicht nur die Chipproduktion und das Ansehen des Halbleitergiganten gefährdet, sondern auch die Stabilität der exportabhängigen südkoreanischen Wirtschaft bedroht.

Die Sackgasse folgt auf Marathonverhandlungen unter staatlicher Vermittlung am Montag und Dienstag. 

Angesichts der durch den drohenden Streik ausgelösten Besorgnis berief Südkorea eine Dringlichkeitssitzung der zuständigen Minister ein. Premierminister Kim Min-seok wies die Regierung an, die Situation 'angesichts der Schwere der Auswirkungen auf die Volkswirtschaft' genauestens zu beobachten, wie aus einer Erklärung seines Büros hervorging.

Er forderte zudem 'proaktive Unterstützung, um sicherzustellen, dass der Dialog zwischen Gewerkschaft und Management fortgesetzt werden kann, damit es unter keinen Umständen zu einem Streik kommt', hieß es weiter.

Die Wirtschaft ist zunehmend von den boomenden Chipexporten abhängig. Halbleiter machten im April laut Regierungsdaten 37% der Exporte des Landes aus, verglichen mit 20% im Vorjahr.

ERHEBLICHE DISKREPANZ BEI BONUSZAHLUNGEN GEGENÜBER SK HYNIX

Die Aktien von Samsung, dem weltweit größten Hersteller von Speicherchips und einem Schlüsselieferanten für KI-Chips, gaben zunächst um bis zu 6% nach. Nach Bekanntwerden des Ministertreffens schlossen sie jedoch mit einem Plus von 1,8%.

Die Papiere des Konkurrenten SK Hynix legten um 7,7% zu, gestützt durch die Einschätzung, dass das Unternehmen von den Arbeitskampfmaßnahmen bei Samsung profitieren könnte, sowie durch die Erwartung eines US-Börsengangs im weiteren Jahresverlauf.

Erzürnt über die massive Differenz bei den Bonuszahlungen im Vergleich zu SK Hynix plant die südkoreanische Gewerkschaft des Unternehmens einen 18-tägigen Streik ab dem 21. Mai, sollten ihre Forderungen nicht erfüllt werden.

Mehr als 50.000 Mitarbeiter könnten die Arbeit niederlegen, warnte die Gewerkschaft. Ein solcher Schritt würde voraussichtlich die Auslieferungen an Kunden verzögern, die Chippreise weiter in die Höhe treiben und Wettbewerbern in die Hände spielen.

Gewerkschaftsvertreter Choi Seung-ho erkärte, Samsung habe lediglich eine 'einmalige Leistungszahlung' für 2026 vorgeschlagen und die Forderung der Gewerkschaft abgelehnt, das Vergütungssystem grundlegend zu reformieren und diese Änderungen über das laufende Jahr hinaus verbindlich zu gestalten. 

Die Gewerkschaft fordert die Aufhebung der Deckelung von Bonuszahlungen, die derzeit bei 50% des Jahresgrundgehalts liegt, die Zuweisung von 15% des jährlichen Betriebsergebnisses für Boni sowie mehr Transparenz bei der Berechnung der Sonderzahlungen.   

Choi sagte, die Gewerkschaft plane keine Wiederaufnahme der Gespräche vor dem Streiktermin, werde aber ein 'angemessenes Angebot' prüfen, falls das Unternehmen ein solches vorlege.

Samsung bedauerte das Scheitern der Gespräche und betonte, man werde den 'aufrichtigen Dialog' mit der Gewerkschaft fortsetzen, um das Worst-Case-Szenario abzuwenden. 

'Wenn ein fester Anteil des Betriebsergebnisses für Leistungsboni reserviert wird, könnte die Investitionsfähigkeit des Unternehmens in Abschwungphasen der Branche eingeschränkt sein', so Samsung in einer Stellungnahme.

Die Nationale Arbeitsbeziehungskommission, die als Vermittler fungierte, gab an, verschiedene Alternativen präsentiert zu haben. Man habe sich jedoch entschieden, die Diskussionen 'aufgrund der großen Kluft zwischen den Positionen beider Seiten und des Antrags der Gewerkschaft auf Aussetzung der Gespräche' zu beenden.

SPEKULATIONEN ÜBER ZWANGSSCHLICHTUNG

Der Stillstand hat Spekulationen genährt, dass die Regierung zu einer Notfall-Schlichtungsanordnung greifen könnte. Dies ist möglich, wenn ein Konflikt die Wirtschaft oder das öffentliche Leben erheblich zu schädigen droht.

Im Falle einer Aktivierung sind Arbeitskampfmaßnahmen sofort für 30 Tage untersagt, während die Nationale Arbeitsbeziehungskommission Vermittlungs- und Schiedsverfahren durchführt.

Dieses Gesetz wurde jedoch bisher selten angewandt und würde für eine gewerkschaftsfreundliche Administration einen außergewöhnlichen Schritt darstellen.

Auf die Möglichkeit einer solchen Anordnung angesprochen, sagte Arbeitsminister Kim Young-hoon am Mittwoch, der Konflikt solle durch Dialog gelöst werden. Die Gewerkschaft warnte, dass eine solche Maßnahme die Arbeitsbeziehungen weiter verschlechtern würde.

Im vergangenen September hatte SK Hynix, das Samsung bei der Lieferung von High-Bandwidth-Memory (HBM) für KI-Chips an Nvidia zuvorgekommen war, die Forderung seiner Gewerkschaft nach einer Reform der Vergütung, einschließlich der Aufhebung der Bonusdeckelung, akzeptiert.

Dies hat die Frustration der Samsung-Mitarbeiter verstärkt und zu einem sprunghaften Anstieg der Gewerkschaftsmitglieder geführt. Die Zahl der Mitglieder liegt nun bei über 90.000, was mehr als 70% der südkoreanischen Belegschaft von Samsung entspricht.

Ihr Zorn wird durch die Rekordgewinne von Samsung infolge des KI-Booms weiter angefacht. Letzte Woche erreichte Samsung als erst zweites asiatisches Unternehmen nach TSMC einen Marktwert von mehr als 1 Billion Dollar.