Abbau statt Aufbau
Während die Internationale Energieagentur (IEA) in dieser Woche einen „deutlichen Überschuss“ an Rohöl in den kommenden Monaten prognostiziert, warnt der Chef von Saudi Aramco vor einem Investitionsmangel bei Ölkonzernen, der letztlich zu einem Angebotsdefizit führen könnte.
In den vergangenen Wochen häuften sich bei den Ölkonzernen die Meldungen über Stellenstreichungen – ein klares Zeichen für die Auswirkungen der anhaltend niedrigen Preise. Diese wiederum sind Ergebnis der Strategie der OPEC+, sich verlorene Marktanteile zurückzuerobern.
Ein Überangebot belastet
Im März hatte das Kartell begonnen, die Ende 2022 beschlossene Produktionskürzung von 2,2 Millionen Barrel pro Tag schrittweise rückgängig zu machen. Die Rückführung war ursprünglich auf 18 Monate angelegt, erfolgte letztlich aber binnen nur sechs Monaten.
Diese abrupte Angebotsausweitung lastet naturgemäß auf den Preisen. Dennoch ist kein Preisverfall zu beobachten: Der Brent-Preis pendelt sich seit drei Monaten in einer Spanne zwischen 60 und 70 US-Dollar ein.
Dies dürfte vor allem der Robustheit der Nachfrage geschuldet sein. Im Frühjahr sorgten die Diskussionen über neue Zölle noch für Rezessionssorgen – diese haben sich inzwischen jedoch weitgehend verflüchtigt, was zur Stabilisierung der Preise beigetragen hat.
Trotzdem bleibt der Markt kurzfristig in einer Überversorgungssituation. Die IEA spricht aktuell sogar von einem „großen Überschuss“ und schätzt diesen bis Juni 2026 auf 3,2 Millionen Barrel pro Tag.
Vor diesem Hintergrund erscheint eine nachhaltige Preisrallye in den kommenden Monaten wenig wahrscheinlich – es sei denn, ein geopolitischer Schock ändert das Bild unerwartet.
Aber droht mittelfristig ein Engpass?
Rohstoffe sind zyklische Anlageklassen. Ihre Preise schwanken mit der Konjunktur und folgen zudem klaren Investitionszyklen: Sind die Preise hoch, investieren Unternehmen in Produktionsausweitungen – bis das Angebot die Nachfrage übersteigt und die Preise wieder sinken. Sind die Preise niedrig, werden Investitionen gestrichen, das Angebot verknappt sich und die Preise steigen erneut.
Einige Marktbeobachter sehen diesen Zyklus bereits wieder in Bewegung. Zu ihnen zählt auch Saudi-Aramco-CEO Amin Nasser, der derzeitige Investitionen in Exploration und Förderung als „extrem niedrig“ einstuft.
Dabei handelt es sich nicht um ein neues Phänomen, sondern um eine anhaltende Entwicklung seit dem großen Preissturz im Jahr 2014. „Wir hatten ein Jahrzehnt, in dem kaum exploriert wurde. Das wird Folgen haben“, so Nasser gegenüber der Financial Times.
In diesem Zeitraum kam der Großteil des Produktionswachstums aus dem US-Schieferölsektor. In den USA stieg die Fördermenge von gut 5 Millionen Barrel pro Tag im Jahr 2010 auf 13,5 Millionen Barrel im Jahr 2024. Diese Entwicklung könnte jedoch an ihre Grenzen stoßen – oder sogar rückläufig werden – angesichts des aktuellen Preisniveaus. Laut der US-Notenbank von Dallas liegt der Break-even-Preis für neue Bohrungen bei rund 65 Dollar je Barrel.
Hinzu kommt: In den letzten zehn Jahren war die Überzeugung weit verbreitet, dass die Energiewende ohnehin zu einem baldigen Rückgang der Ölnachfrage führen werde. Inzwischen zeigt sich jedoch, dass dieser Übergang weitaus langsamer verläuft – und dass der globale Ölbedarf auch in den kommenden Jahren hoch bleiben dürfte.




















