Diese Marktreaktion war alles andere als irrational. Hinter dem Kursfeuerwerk steht ein strategischer und industrieller Wandel, der Oracle an die Seite der führenden Cloud-Anbieter AWS (Amazon), Azure (Microsoft) und Google Cloud (Alphabet) rückt.

Chart Oracle Corporation

 

Der Gamechanger: 455 Milliarden Dollar in den Büchern

Im Mittelpunkt stand eine Kennziffer: die sogenannten Remaining Performance Obligations (RPO) – also vertraglich gesicherte, aber noch nicht verbuchte Umsätze. Binnen drei Monaten kletterte dieser Wert auf 455 Milliarden US-Dollar – ein Anstieg um 359 %. Damit verfügt Oracle nun über einen Auftragsbestand, der mehr als dem Siebenfachen des aktuellen Jahresumsatzes entspricht.

Der Grund: vier milliardenschwere Verträge mit Kunden wie OpenAI, Meta, Nvidia, AMD und xAI. Diese Deals betreffen nicht nur das Training von KI-Modellen, sondern vor allem die Inferenzphase – also die tatsächliche Anwendung der Modelle im laufenden Betrieb. Wie Mitgründer Larry Ellison betont: „Der Markt für Inferenz ist weitaus größer als jener für das Training.“

 

Eine Wachstumskurve mit Seltenheitswert

CEO Safra Catz präsentierte Wachstumsziele, die selbst erfahrene Marktbeobachter überraschten. Der Umsatz der Oracle Cloud Infrastructure (OCI) soll von derzeit 18 Milliarden auf 144 Milliarden US-Dollar in fünf Jahren steigen – deutlich über den Schätzungen von Wall Street, die bei 91 Milliarden liegen.

Angesichts eines Gesamtumsatzes von 67 Milliarden US-Dollar für das laufende Jahr stellt sich die Frage, wie Oracle diesen rekordhohen Auftragsbestand in so kurzer Zeit monetarisieren will. Doch für Investoren ist klar: Das Unternehmen hat sich vom Nachzügler zum Schrittmacher im Cloud-Rennen gewandelt – dank des explodierenden Bedarfs an Rechenleistung für generative KI.

„Asset pretty light“ – das andere Investitionsmodell

Doch der Aufstieg wirft auch Fragen auf: Wie will Oracle diese Kapazitäten liefern – inmitten einer globalen Chipknappheit und während die Konkurrenz massive Investitionen ankündigt? Allein Amazon, Microsoft, Google und Meta planen für 2024 zusammen über 350 Milliarden US-Dollar an Capex – bis 2026 sogar über 400 Milliarden.

Oracle hebt seine Investitionen auf 35 Milliarden Dollar an – bleibt damit aber deutlich unter den Summen der Hyperscaler. Der Unterschied liegt im Modell: Oracle verzichtet auf den Bau eigener Gebäude und konzentriert sich auf renditeträchtige Hardware – GPU-Cluster, Server, Hochleistungsnetze. Die Rechenzentren werden gemietet oder über Partner betrieben. Das Resultat: Hardware wird installiert – und kann teils nach nur einer Woche in Rechnung gestellt werden. Wie Catz betont: „Ich würde es nicht als asset light bezeichnen – aber asset pretty light.“

Drei zentrale Vorteile des Oracle-Modells

Dieses schlanke Modell bietet Oracle drei wesentliche Vorteile:

  1. Hohe Agilität: Neue Cloud-Kapazitäten werden passgenau und schnell entsprechend konkreter Aufträge bereitgestellt.

  2. Investitionsdisziplin: Jeder Dollar fließt in vertraglich gesicherte Nachfrage – Stichwort RPO.

  3. Technologischer Vorsprung: Oracle verweist auf die Überlegenheit seiner Netzwerke und Supercluster, die die Kosten für KI-Modelle senken sollen.

Oracle positioniert sich bewusst nicht als Volumenführer, sondern als Anbieter für die Kapazitätsbedarfe der KI-Explosion – mit einem fokussierten, kapitaloptimierten Ansatz. Für Unternehmen, die auf Flexibilität und Effizienz achten, ist das ein zunehmend attraktives Angebot.

Weichenstellung für das KI-Zeitalter

Die Zahlen von Oracle sind mehr als ein Quartalsbericht – sie markieren eine neue Phase im KI- und Cloud-Sektor. Die Nachfrage verschiebt sich vom Aufbau riesiger Modelle wie GPT-4 oder Gemini hin zur Inferenz – also zur täglichen Nutzung durch Millionen von Anwendern.

Genau hier setzt Oracle an. Mit dem Stargate-Projekt – ein 500-Milliarden-Dollar-Vorhaben mit OpenAI und SoftBank – verankert sich das Unternehmen tief im globalen KI-Ökosystem. Allein der OpenAI-Vertrag umfasst jährlich 30 Milliarden Dollar und den Bau zahlreicher Rechenzentren. Die Vision: Oracle als Betriebssystem für die KI-Infrastruktur von Unternehmen – so, wie Windows einst das Betriebssystem für den PC war.

Oracle – das Comeback einer Tech-Legende

Innerhalb eines Quartals hat Oracle das geschafft, was viele nicht für möglich hielten: Der Konzern hat sich im Cloud-Geschäft etabliert – und das mit einem klar differenzierten Modell. Zwar sind die aktuellen Quartalsumsätze (14,9 Mrd. Dollar) noch überschaubar im Vergleich zu AWS oder Azure. Doch der Auftragsbestand, die Planungssicherheit und der Investitionsansatz lassen keinen Zweifel: Oracle ist nicht mehr der Nachzügler – sondern der Überraschungssieger.

In einem Markt, der vom Wettlauf um Investitionen dominiert wird, setzt Oracle auf Effizienz und strategische Fokussierung. Und der Kapitalmarkt hat geantwortet: Mit einem Kurssprung von 33 % in nur einer Nacht.

Wir halten Oracle seit Januar 2025 als eine von zwanzig Positionen im USA-Investorportfolio von MarketScreener.