Ein Familienunternehmen aus Bremen, 4.000 Beschäftigte und ein Vorstandsvorsitzender, den wohl nur wenige auf der Straße erkennen würden. Dennoch wäre Europa ohne OHB deutlich schlechter in der Lage, sich zu orientieren, die Erde zu beobachten oder seine Umwelt aus dem All zu überwachen. Seit Jahresbeginn ist die Aktie um 233 % gestiegen. Ein Kursanstieg, der in starkem Kontrast zu den deutlich weniger spektakulären Geschäftszahlen steht.

OHB wurde 1958 in Bremen gegründet und wird seit dem Jahr 2000 von Marco Fuchs geführt. Die Familie hält noch immer rund 65 % der Anteile. Keine gigantischen Raketen, kein omnipräsenter Konzernchef in den Medien – stattdessen Ingenieure, die im Hintergrund Satelliten entwickeln, auf die Europa zunehmend angewiesen ist.

Als die Europäische Union ein vom US-amerikanischen GPS unabhängiges Navigationssystem schaffen wollte, lieferte OHB die Satelliten für Galileo. Bislang wurden 34 Einheiten ausgeliefert, das Auftragsvolumen beläuft sich auf rund 1,3 Mrd. Euro. Das Unternehmen ist zudem am Erdbeobachtungsprogramm Copernicus beteiligt und liefert mit dem SARah-System Aufklärungssatelliten für die Bundeswehr.

Im Vergleich zu den Branchenriesen Airbus und Thales, die Umsätze in zweistelliger Milliardenhöhe erzielen, spielt OHB in einer anderen Größenordnung. Die Stärke des Unternehmens liegt in seiner Fähigkeit, komplette Satelliten von der ersten Konzeptphase bis zum Start zu entwickeln und zu integrieren – eine seltene Kompetenz in Europa. Dieses Know-how ermöglichte es OHB 2025 auch, den Zuschlag für die Weltraummission LISA zu erhalten, ein Observatorium zur Erforschung der von Albert Einstein vorhergesagten Gravitationswellen. Mit einem Auftragswert von 839 Mio. Euro handelt es sich um die erste große wissenschaftliche Mission, die die Europäische Weltraumorganisation ESA an OHB vergeben hat.

Die Verteidigung hebt OHB auf eine neue Ebene

Mit dem russischen Angriff auf die Ukraine hat sich jedoch auch die strategische Ausrichtung von OHB verändert. Wo früher Navigations- und Erdbeobachtungssysteme im Mittelpunkt standen, spricht das Unternehmen heute zunehmend über Souveränität, europäische Luftverteidigung, Raketenkomponenten und Aufklärungssatelliten für das Militär. Das lange eher diskrete Verteidigungsgeschäft ist zu einer zentralen Säule der Unternehmensstrategie geworden.

Nachdem Europa durch den Bruch mit Russland einen Teil seiner Startkapazitäten verloren hatte und bestehende Abhängigkeiten sichtbar wurden, stiegen die Budgets massiv an. Deutschland hat bis 2030 Investitionen von 35 Mrd. Euro für militärische Raumfahrtprogramme angekündigt. Die Europäische Union plant im Haushalt 2028 bis 2034 insgesamt 131 Mrd. Euro für Verteidigungs- und Raumfahrtprojekte.

Davon profitiert OHB unmittelbar. Ende 2025 erreichte der Auftragsbestand mit 3,19 Mrd. Euro einen Rekordwert – das entspricht rund zweieinhalb Jahren Umsatz. Auch die lange schwächelnde Tochter MT Aerospace profitiert vom Hochlauf der Ariane-6-Rakete. OHB hat inzwischen die verbleibenden Anteile übernommen und die Gesellschaft vollständig integriert.

Die Profitabilität bleibt die Achillesferse

Trotz voller Auftragsbücher ist es OHB bislang nur begrenzt gelungen, daraus nachhaltige Gewinne zu erzielen. In den vergangenen fünf Jahren stieg der Umsatz durchschnittlich um lediglich 7 % pro Jahr auf rund 1,2 Mrd. Euro. Gleichzeitig schwankte die operative Marge erheblich.

Nach einem Höchststand von 10,6 % im Jahr 2023 brach die Marge im Folgejahr deutlich ein und erholte sich 2025 nur auf 5,9 %. Damit liegt sie weiterhin klar unter dem bisherigen Rekordniveau.

Der Grund liegt in der Natur des Geschäftsmodells. OHB fertigt hochkomplexe Einzelstücke auf Basis langfristiger Festpreisverträge. Bereits kleinere Verzögerungen oder technische Probleme können die Marge erheblich belasten. Im Jahr 2024 führten Schwierigkeiten bei mehreren Großprojekten, darunter die verzögerte Inbetriebnahme des SARah-Aufklärungssystems, dazu, dass der Gewinn nahezu vollständig aufgezehrt wurde.

Auch der Cashflow entwickelt sich unregelmäßig, da staatliche Auftraggeber ihre Zahlungen häufig über lange Zeiträume strecken. In den vergangenen fünf Jahren war der operative Cashflow in zwei Jahren – 2021 und 2023 – negativ.

Anleger bezahlen das Thema

Auf dem Höhepunkt der Rally stieg die Aktie im Mai auf 685 Euro, bevor sie einen Monat später wieder auf rund 412 Euro zurückfiel. Dazu beigetragen hat auch die bevorstehende Börsennotierung von SpaceX, die den gesamten Raumfahrtsektor zuletzt beflügelt hat – von US-Unternehmen wie Rocket Lab und Planet Labs bis hin zu den wenigen börsennotierten Raumfahrtwerten Europas.

Der Markt bewertet OHB zunehmend als Zugang zur europäischen Raumfahrt- und Verteidigungsgeschichte. Die Aktie wird bereits mit mehr als dem 110-Fachen der für 2026 erwarteten Gewinne gehandelt. Zum Vergleich: Rheinmetall kommt auf ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 34, Hensoldt auf 56 und Thales auf etwa 25.

Hinzu kommt eine außergewöhnlich geringe Handelbarkeit der Aktie. Neben der Familie Fuchs mit rund 65 % der Anteile hält der US-Finanzinvestor KKR, der Ende 2024 eingestiegen ist, weitere 28,6 %. Damit befinden sich lediglich 5,68 % des Kapitals im Streubesitz.

Bei einem derart knappen Angebot können schon geringe Kaufaufträge den Kurs deutlich nach oben treiben – ebenso wie Verkaufswellen starke Kursrückgänge auslösen können.

Letztlich hängt die Investmentthese inzwischen an einem zentralen Versprechen: einer operativen Marge von 8 % im Jahr 2026. Gelingt OHB dieser Schritt, könnte die aktuelle Bewertung gerechtfertigt erscheinen. Scheitert das Unternehmen daran, dürfte die Korrektur ebenso spektakulär ausfallen wie der vorangegangene Kursanstieg.