Gestern herrschte gewissermaßen das perfekte Börsenszenario. Ich hatte bereits erwähnt, dass die Sitzungen vor den Nvidia-Zahlen Anleger häufig dazu verleiten, mehr Risiko einzugehen. Genau das ist gestern passiert - verstärkt durch zwei zusätzliche Katalysatoren. Erstens gaben die Ölpreise deutlich nach. Zweitens sorgte das Protokoll der jüngsten Fed-Sitzung für Beruhigung bei jenen Marktteilnehmern, die genau danach gesucht hatten. Hinzu kommt ein dritter Punkt, der zwar lediglich den Trend bestätigte, aber für den heutigen Handelsauftakt wichtig ist: Nvidia hat nach Börsenschluss geliefert. Und ein vierter Faktor – weil „viertens“ viel zu selten verwendet wird: der Testosteron-Wettbewerb zwischen Elon „Crazy“ Musk und Sam „Creepy“ Altman rund um die Börsengänge von SpaceX und OpenAI.

Gehen wir der Reihe nach vor. Gestern Morgen wirkten die Märkte noch angeschlagen von einer Reihe schlechter Nachrichten: festgefahrene Gespräche mit dem Iran, hohe Ölpreise, Spannungen am Anleihemarkt und Unsicherheit vor den Nvidia-Zahlen. So weit würde ich nicht gehen zu sagen, dass all das wenige Stunden später verschwunden war. Aber die Sterne standen zumindest wieder günstiger für Risikoanlagen. In Europa gewann der Stoxx Europe 600 rund 1,5 %, während der Euro Stoxx 50 um mehr als 2 % zulegte. In den USA beendete der S&P 500 mit einem Plus von 1,1 % seine dreitägige Verlustserie.

Der vorherige Handelstag hatte in Europa noch weitgehend unverändert begonnen. Doch die Indizes zogen rasch an, nachdem Gerüchte über Fortschritte bei einem Friedensabkommen zwischen den USA und dem Iran aufgekommen waren. Verstärkt wurde die Bewegung durch fallende Ölpreise, nachdem zwei Supertanker mit Ziel China die Straße von Hormus passiert hatten. Brent fiel von 111 auf rund 106 US-Dollar je Barrel. Die Entspannung bei Geopolitik und Ölmarkt beruhigte zugleich den Anleihemarkt, der zuletzt äußerst nervös auf die Inflationsfolgen steigender Energiepreise und die angebliche Zurückhaltung des neuen Fed-Chefs Kevin Warsh reagiert hatte, die Geldpolitik entsprechend zu straffen.

Anders formuliert: Anleiheinvestoren fürchten einen schweren geldpolitischen Fehler, weil Warsh als zu eng mit dem Weißen Haus verbunden gilt und niedrige Zinsen priorisieren soll. Doch auch hier kamen vor Handelsschluss in New York positive Nachrichten. Das Protokoll der jüngsten Fed-Sitzung zeigte, dass die Währungshüter deutlich stärker auf Inflationsrisiken fokussiert sind als erwartet. Die Notenbank wirkt also keineswegs so sorglos, wie der Anleihemarkt befürchtet hatte. Zusammen mit den sinkenden Ölpreisen drückte das die Renditen von US-Staatsanleihen nach unten und zog auch die Renditen vieler anderer Staatsanleihen mit.

Damit der Handelstag ein voller Erfolg werden konnte, mussten schließlich noch die Nvidia-Zahlen ohne böse Überraschung ausfallen. Mission erfüllt. Wie so oft lag die Überraschung spektakulär auf der positiven Seite. Anleger sind inzwischen allerdings etwas abgestumpft, weshalb die Aktie im nachbörslichen Handel leicht nachgab. Dennoch waren die Zahlen derart beeindruckend, dass das gesamte Ökosystem profitierte. Das ist das Paradox der vergangenen Monate: Nvidia ist längst nicht mehr das KI-Unternehmen mit den extremsten Bewertungsmultiplikatoren, doch die Quartalszahlen des Konzerns tragen einen erheblichen Teil der Marktstimmung. Zumindest gilt das derzeit. Denn man sollte nicht vergessen, dass die Nvidia-Aktie in zehn Jahren um 20.063 % gestiegen ist. Das Unternehmen entwickelte sich vom Champion für PCs introvertierter Teenager-Gamer zum König des Bitcoin-Minings und schließlich zum Kaiser der KI-Chips. Warum der nachbörsliche Rückgang der Nvidia-Aktie um 1,2 % dennoch positiv aufgenommen wird, zeigt ein Blick auf den asiatischen KI-Proxy: den südkoreanischen KOSPI. Der Index steigt heute Morgen um 8 %, während SK Hynix – der Speicherchip-Spezialist mit der engsten Verbindung zur KI-Story – um satte 11 % zulegt.

Und damit komme ich zu jenem vierten Punkt, den ich unbedingt erwähnen wollte. Im Jahr 2026 reagieren die Aktienmärkte bekanntlich weniger auf Zahlen als auf gute Geschichten. In dieser Hinsicht liefert das Ego-Duell zwischen Elon Musk und Sam Altman darüber, wer den größten Börsengang des Universums auf die Beine stellt, eine perfekte Story. Beim Timing liegt Musk mit SpaceX vorne: Das Unternehmen hat gerade die Unterlagen für den Börsengang eingereicht und bereitet damit eine Notierung am 12. Juni vor. Die Bewertung ist noch unbekannt, dürfte aber mit hoher Wahrscheinlichkeit über 1.000 Mrd. US-Dollar liegen. OpenAI von Sam Altman dürfte seine Unterlagen ebenfalls bald einreichen, auch wenn der Börsengang erst gegen Jahresende erwartet wird. Vielleicht reicht das, um sogar eine höhere Bewertung als SpaceX zu erzielen. Wer weiß? Fest steht: Diese Technologierivalität stützt die Risikobereitschaft der Anleger und verstärkt die positive Stimmung vom Vortag zusätzlich.

An anderer Stelle liefern heute die Einkaufsmanagerindizes (PMI) für Mai neue Hinweise auf die Unternehmensdynamik in den großen Volkswirtschaften. Zudem dürften die Quartalszahlen von Walmart, die gegen Mittag veröffentlicht werden, weitere wichtige Signale liefern.

Im asiatisch-pazifischen Raum hat Nvidia die Rally zusätzlich befeuert. Der japanische Nikkei 225 steigt um 3,3 %. Der südkoreanische KOSPI legt – wie erwähnt – um 8,3 % zu. Australien gewinnt 1,5 %, während Indien nahezu unverändert notiert. Hongkong hinkt mit einem Minus von 0,5 % hinterher. Die europäischen Futures zeigen sich noch zögerlich, doch der Sog aus dem Technologiesektor bleibt klar spürbar.

Wirtschaftliche Höhepunkte:

Die gesamte Agenda gibt es hier.

  • EUR / USD: 1,16 $
  • Gold: 4.529,93 $
  • Rohöl (Brent): 106,24 $
  • Anleihe Vereinigte Staaten 10 Jahre: 4,6 %
  • BITCOIN: 77.746,8 $

In den Nachrichten:

  • SBO: Im ersten Quartal brach der Gewinn wegen des Nahost-Konflikts ein. Der Auftragseingang stieg jedoch um 8,5%.
  • Swiss Life: Das Prämienvolumen stieg im ersten Quartal um 4% auf 8,20 Mrd. Franken. Die Fee-Erträge legten ebenfalls um 4% auf 686 Mio. Franken zu.
  • Strabag: Die Bauleistung erhöhte sich im ersten Quartal um 4% auf 3,87 Mrd. Euro. Die Jahresziele wurden trotz wetterbedingter Verzögerungen bestätigt.
  • Intesa Sanpaolo: Die Bank bereitet laut der FT offenbar ein Angebot für die spanische Singular Bank vor.
  • Equinor und Aker BP: Die Unternehmen wollen zusammenarbeiten, um die künftige Produktion in bestimmten Bereichen ihrer Portfolios auf dem norwegischen Kontinentalschelf zu steigern.
  • Volkswagen: Der Vorstandschef bestreitet Gespräche mit chinesischen Herstellern über die Nutzung überschüssiger Produktionskapazitäten des Konzerns.
  • Commerzbank: Der Vorstandschef erwartet durch KI jährliche Einsparungen von 350 Mio. Euro.
  • Fresenius Medical Care: Martin Fischer wurde erneut zum Finanzvorstand bestellt.
  • Nvidia: Das Unternehmen beruhigte die Anleger, obwohl die Aktie nach Börsenschluss etwas nachgab.
  • Exxon Mobil: Der Konzern hat mit Ägypten eine Vereinbarung zur Zusammenarbeit im Gasbereich unterzeichnet.
  • AvalonBay und Equity Residential: Die beiden US-REITs stehen laut mehreren Quellen kurz vor einer Fusion.
  • PepsiCo: Der Konzern will laut Bloomberg die Preise für kleine Chipspackungen erhöhen, um auf steigende Kosten in den USA zu reagieren.
  • Intuit: Das Unternehmen will seine Belegschaft um 17% reduzieren, um stärker auf KI zu setzen.
  • Starbucks: Einweg-Plastikbecher in den US-Cafés des Unternehmens sind laut einer NGO nicht so gut recycelbar, wie Starbucks behauptet.
  • West Pharma: Das Unternehmen ist nach einem Cyberangriff wieder vollständig einsatzfähig und hält an seinen Prognosen für 2026 fest.
  • OpenAI: Das Unternehmen bereitet laut FT eine Finanzierungsrunde mit einer Bewertung von mehr als 1 Bio. USD vor. Laut WSJ steht zudem die Einreichung des Börsenprospekts kurz bevor.
  • SpaceX: Das Unternehmen hat am Mittwoch seinen Börsenprospekt veröffentlicht.
  • Walmart, Deere, Ross Stores, Take-Two, Generali, BT Group, Lundberg und Asmodée - diese Unternehmen legen heute wichtige Quartalszahlen vor.

Weitere Nachrichten von Unternehmen, die in Deutschland notiert sind, finden Sie hier.

Analystenempfehlungen:

  • RWE AG: BNP Paribas stuft von Outperform auf Neutral herunter und senkt das Kursziel von 60,80 EUR auf 59,70 EUR.
  • Verbund AG: Berenberg bestätigt Hold und senkt das Kursziel von 65 EUR auf 59,80 EUR.
  • Lanxess AG: Landesbank Baden-Württemberg bestätigt Hold und erhöht das Kursziel von 14 EUR auf 18 EUR.
  • Pfisterer Holding SE: Landesbank Baden-Württemberg stuft von Buy auf Hold herunter und erhöht das Kursziel von 100 EUR auf 110 EUR.
  • Flughafen Zürich AG: Goldman Sachs stuft von Neutral auf Buy hoch und erhöht das Kursziel von 257 CHF auf 265 CHF.
  • Sonova Holding AG: Bank Vontobel AG bestätigt Hold und erhöht das Kursziel von 200 CHF auf 220 CHF.
  • Evonik Industries AG: Barclays stuft von Overweight auf Equal Weight herunter und erhöht das Kursziel von 17 EUR auf 18 EUR.
  • United Internet AG: Barclays bestätigt Equal Weight und erhöht das Kursziel von 26 EUR auf 27 EUR.
  • Ypsomed Holding AG: Barclays bestätigt Overweight und erhöht das Kursziel von 343 CHF auf 386 CHF.
  • Swiss Re Ltd: UBS stuft von Neutral auf Sell herunter und senkt das Kursziel von 131 CHF auf 112 CHF.
  • Rheinmetall AG: UBS bestätigt Buy und senkt das Kursziel von 2200 EUR auf 1600 EUR.