Die größten Technologiekonzerne der Welt planen für 2026 Investitionen in schwindelerregender Höhe, mit Hunderten Milliarden Dollar für KI-Infrastruktur. Sollte Nvidias Bericht samt Ausblick diese Ausgaben nicht plausibel erscheinen lassen, gerät die Markterzählung „KI wird alles richten“ ins Wanken. Und wenn eine Erzählung ins Wanken gerät, folgen in der Regel auch die Portfolios.

Deshalb liegt über dem heutigen Handelstag diese spürbare "alle benehmen sich"-Atmosphäre. Man erkennt sie an der gemischten Entwicklung von Megacaps und Wachstumswerten im vorbörslichen Handel, wobei Nvidia selbst leicht zulegt. Man erkennt sie auch daran, wie akribisch der Markt jede Schlagzeile daraufhin abklopft, ob sie neues Vertrauen stiftet – oder frische Panik auslöst.

Am Devisenmarkt zeigt sich der Dollar schwächer. Händler räumen jedoch offen ein, dass ein enttäuschender Nvidia-Bericht Risikoanlagen deutlich stärker belasten könnte, als ein positiver Bericht sie beflügeln würde.

Am Anleihemarkt ziehen die Renditen von US-Staatsanleihen leicht an, die Zinskurve wird moderat steiler. Mehrere Vertreter der Federal Reserve äußern sich heute, und die jüngsten Signale deuten darauf hin, dass keine Eile besteht, die Geldpolitik anzupassen.

An den Rohstoffmärkten herrscht Nervosität anderer Art. Der Ölpreis legt erneut zu, weil der Nahe Osten einen ruhigen Markt innerhalb von Minuten in Unruhe versetzen kann. Vor den Gesprächen zwischen den USA und dem Iran kalkulieren Händler eine geopolitische Risikoprämie ein. Selbst wenn diplomatische Fortschritte möglich erscheinen, sorgt der militärische Aufmarsch im Hintergrund für ein latentes „Aber-was-wäre-wenn“. Gold notiert wieder über 5.200 Dollar und bleibt gestützt von handelspolitischer Unsicherheit und geopolitischen Spannungen.

Ein Blick auf die restliche Woche zeigt: Nvidia ist der Hauptdarsteller, aber nicht die einzige Quelle möglicher Turbulenzen. Aus dem Softwaresektor stehen Zahlen von Schwergewichten wie Salesforce, Intuit und Snowflake an – zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Der breitere Software- und Dienstleistungsindex liegt seit Jahresbeginn deutlich im Minus, belastet von der wachsenden Sorge, dass KI Softwareunternehmen nicht nur helfen, sondern ihre Geschäftsmodelle auch aushöhlen könnte. Der Ausverkauf hatte binnen sechs Handelstagen weltweit einen Börsenwert von 830 Milliarden Dollar vernichtet.

Auch abseits davon häufen sich die Warnsignale: Lowe’s rechnet mit rückläufigen Jahresumsätzen und geringeren Gewinnen. HP warnt vor PC-Absätzen unter Kostendruck. Der Ausblick von First Solar verunsicherte Investoren. Workday enttäuschte mit seiner Prognose für das Wachstum der Abonnementerlöse.

Blue Owl sah sich gezwungen, kurzfristig eine Telefonkonferenz mit Vermögensberatern einzuberufen, nachdem Privatanleger in Unruhe geraten waren – weniger aufgrund klarer Verlustnachweise als vielmehr aus Verunsicherung und Angst.

Die Zollpolitik bleibt ein schwelender Belastungsfaktor. Eine vorübergehende globale Abgabe von 10 % ist nach einem weitreichenden Urteil des Supreme Court in der vergangenen Woche in Kraft getreten. Der Präsident stellte später einen Satz von 15 % in Aussicht, doch Zeitpunkt und konkrete Ausgestaltung sind weiterhin unklar.

Dax klettert über 25.000 Punkte – Nordex haussiert, Auto1 stürzt ab

Der Dax ist am Mittwoch über die Marke von 25.000 Punkten gestiegen. Anders als am Vortag schüttelte der Leitindex einen Teil der Montagsverluste ab. Die jüngsten Zölle von US-Präsident Donald Trump hätten den Markt nur kurzzeitig gebremst, schrieb Jochen Stanzl von der Consorsbank. Am Nachmittag gewann der Dax 0,5 Prozent auf 25.108 Punkte. Der MDax legte um 0,4 Prozent auf 31.525 Zähler zu, der EuroStoxx 50 stieg um 0,7 Prozent. 

Im Fokus stand die laufende Bilanzsaison. Fresenius gerieten nach durchwachsenen Quartalszahlen und einem schwachen Ausblick unter Druck. Die Aktien verloren zeitweise mehr als vier Prozent und waren zwischenzeitlich Schlusslicht im Dax. Für 2026 sehen Analysten vor allem im Ausblick den Knackpunkt. Für das laufende Jahr peilt der Konzern eine operative Marge von rund 11,5 Prozent an und bleibt damit unter den Markterwartungen von 12,0 Prozent. Höhere Kosten durch Investitionen in Digitalisierung und Produktinnovationen belasteten, seien aber nicht dramatisch, hieß es von der DZ Bank. Heidelberg Materials büßten 2,6 Prozent ein: Zwar fielen die Zahlen ordentlich aus, doch der Zielkorridor für das operative Ergebnis (Ebit) liegt mit seinem Mittelwert unter dem Analystenschnitt. Eon dagegen gewannen nach Schwankungen 1,4 Prozent. Der Energiekonzern steigerte dank milliardenschwerer Netzinvestitionen das bereinigte operative Ergebnis und plant bis 2030 weitere Milliardeninvestitionen; Händler sprachen von einem konservativen Ausblick.

Im MDax sackten Auto1 nach zunächst stabilem Start um mehr als zehn Prozent ab und markierten den tiefsten Stand seit April 2025. Der Ausblick für das operative Ergebnis (Ebitda) liege leicht unter dem Konsens und enttäusche, hieß es von JPMorgan. Nordex setzten sich mit einem Kurssprung von 19 Prozent an die Indexspitze. Analysten lobten ein hervorragendes viertes Quartal sowie einen überraschend starken Jahres- und Mittelfristausblick. Das könnte die Marktschätzungen für das operative Ergebnis 2026 und darüber hinaus nach oben treiben. Im SDax brachen Nagarro um 14 Prozent ein. Konkrete Gründe beim IT-Dienstleister wurden zunächst nicht genannt, verwiesen wurde jedoch auf einen gestiegenen Anteil an Leerverkäufern, die auf fallende Kurse spekulieren.

Nikkei auf Rekordkurs, Südkorea über 6.000 Punkte – Yen unter Druck

Der japanische Nikkei setzte ein neues Rekordhoch. Südkoreas Leitindex überschritt erstmals die Marke von 6.000 Punkten und liegt seit Jahresbeginn mehr als 40 % im Plus. Dort sind Investoren überzeugt, dass ihre großen Technologiekonzerne auf der Gewinnerseite der KI-Infrastrukturinvestitionen stehen. Der Yen gab nach, nachdem Japans Premierminister zwei neue Mitglieder für die Notenbank ernannte, die als geldpolitisch eher locker eingestellt gelten.