Die Zahlen von Netflix für 2025 entsprechen exakt dem, was das Management seit drei Jahren in Aussicht stellt: mehr Umsatz, höhere Margen, mehr Cash. Der Umsatz erreicht 45,2 Milliarden US-Dollar, ein Anstieg um 16 % im Jahresvergleich (+17 % bei konstanten Wechselkursen). Die operative Marge verbessert sich um 2,8 Prozentpunkte auf 29,5 %, ein Expansionstempo im Einklang mit dem durchschnittlichen jährlichen Anstieg von zwei Punkten seit 2019, als der Konzern noch eine Marge von 10 % auswies. Das operative Ergebnis überschreitet 13,3 Milliarden, der Nettogewinn liegt bei über 11 Milliarden (+26 %), das verwässerte Ergebnis je Aktie beträgt 2,53 US-Dollar.

Die entscheidende Kennzahl liegt jedoch an anderer Stelle. Der Free Cashflow erreicht 9,5 Milliarden US-Dollar, ein Plus von 37 %. Für ein Unternehmen, das 2021 noch 160 Millionen US-Dollar an Liquidität verbrannte, ist das ein fundamentaler Wandel: Netflix verbraucht kein Kapital mehr, es generiert welches.

Das Wachstum ist geografisch ausgewogen und wird sowohl durch steigende durchschnittliche Erlöse pro Abonnent als auch durch die wachsende Mitgliederzahl getragen, die im Dezember die Marke von 325 Millionen überschritten hat. Das potenzielle Marktuniversum der anschlussfähigen Haushalte wird laut CFO Spencer Neumann inzwischen auf mehr als 800 Millionen geschätzt – Netflix liegt damit weiterhin unter einer Penetrationsrate von 50 %.

Einziger bilanzieller Wermutstropfen: Eine Steuernachforderung in Höhe von 619 Millionen US-Dollar in Brasilien belastete das dritte Quartal, ohne dass ein wiederkehrender Effekt zu erwarten ist. Der effektive Steuersatz steigt leicht von 12,6 % auf 13,7 %. Nichts Strukturelles.

Das teuerste NEIN Hollywoods

Im Dezember 2025 unterzeichnete Netflix eine Vereinbarung zur Übernahme der Streaming- und Studioaktivitäten von Warner Bros. Discovery: HBO, HBO Max sowie die Film- und Fernsehstudios. Unternehmenswert: 82,7 Milliarden US-Dollar. Eigenkapitalwert: rund 72 Milliarden. Zur Finanzierung hatte der Konzern Überbrückungskreditlinien in Höhe von bis zu 42,2 Milliarden US-Dollar mobilisiert.

Am 26. Februar 2026 zog Netflix die Reißleine. Der Verwaltungsrat von Warner Bros. Discovery hatte das konkurrierende Angebot von Paramount Skydance als überlegen eingestuft. Ted Sarandos und Greg Peters verzichteten darauf, ihr Angebot nachzubessern. Die Pressemitteilung brachte es auf den Punkt: Die Übernahme war zum richtigen Preis interessant – aber nicht um jeden Preis notwendig. Wenige Tage später formulierte Spencer Neumann auf der Morgan-Stanley-Konferenz die zugrunde liegende Philosophie in einem Satz: „Alles ist eine Frage des Preises.“

Der Markt reagierte positiv. Die Aktie sprang am folgenden Tag um 14 % nach oben. Netflix erhielt eine Abbruchgebühr in Höhe von 2,8 Milliarden US-Dollar. Die Kreditlinien wurden gestrichen, die Bilanz kehrte zu ihrer gewohnten Struktur zurück (Nettoverschuldung von rund 5,5 Milliarden US-Dollar, entsprechend weniger als dem 0,5-Fachen des EBITDA), und die Aktienrückkäufe wurden unmittelbar wieder aufgenommen, mit einer verbleibenden Genehmigung von 8 Milliarden US-Dollar.

Genau hier setzt jedoch der Zweifel an. Netflix hat eine im Sektor nahezu einzigartige Disziplin bei der Kapitalallokation bewiesen. Doch diese Disziplin hat ihren Preis: HBO, eine der stärksten Content-Marken weltweit, geht an einen Wettbewerber. Paramount Skydance schafft durch die Kombination der Warner-Studios, der Paramount-Kataloge und der HBO-Assets einen Rivalen industrieller Größenordnung – belastet mit rund 79 Milliarden US-Dollar Schulden, aber ausgestattet mit einem Katalog, den niemand replizieren kann. Neumann relativiert: Kein einzelner Content-Anbieter macht mehr als einen kleinen Anteil am Konsum auf Netflix aus, und der Konzern hat jüngst seine Lizenzvereinbarungen mit Paramount, Universal und Sony (erstes globales Pay-1-Abkommen) ausgeweitet. Das Argument ist stichhaltig. Dennoch verändert sich das Ökosystem, in dem sich Netflix über ein Jahrzehnt komfortabel bewegt hat, grundlegend – mit Auswirkungen, die sich über Jahre hinweg zeigen dürften.

Eine Woche nach dem Verzicht auf Warner schlug Netflix eine andere Richtung ein: die Übernahme von InterPositive, einem auf KI-Technologie für die Filmproduktion spezialisierten Unternehmen, gegründet von Ben Affleck. Ein klares Signal für die Prioritäten des Konzerns: bauen statt kaufen – und auf künstliche Intelligenz als Produktionshebel setzen, statt auf die Akkumulation bestehender Kataloge.

Was der Markt bezahlt

Bei einem Kurs von 92 US-Dollar wird Netflix mit 384 Milliarden US-Dollar bewertet. Nach dem Zufluss der Abbruchgebühr von 2,8 Milliarden US-Dollar und der anhaltenden Cash-Generierung zu Jahresbeginn liegt die Nettoverschuldung inzwischen nahe null. Der Unternehmenswert entspricht damit im Wesentlichen der Marktkapitalisierung von rund 384 Milliarden US-Dollar.

Das Management stellt für 2026 einen Umsatz von 50,7 bis 51,7 Milliarden US-Dollar in Aussicht (+13 % im Median), eine operative Marge von 31,5 %, einen Free Cashflow von rund 11 Milliarden sowie eine Verdopplung der Werbeerlöse auf etwa 3 Milliarden. Auf Basis eines für 2026 erwarteten Gewinns je Aktie von rund 3,15 bis 3,20 US-Dollar wird die Aktie derzeit mit etwa dem 29-Fachen der erwarteten Gewinne bewertet.

Im Zeitraum 2020 bis 2025 schwankte das Kurs-Gewinn-Verhältnis von Netflix zwischen über 60 im Hoch des Jahres 2021 und etwa 20 im Tief von 2022, bei einem Durchschnitt von rund 41. Noch im Januar wurde die Aktie mit mehr als dem 40-Fachen der Gewinne gehandelt – eine Bewertung, die wir hier als „üppig“ bezeichnet hatten. Zwei Monate und einen Kursrückgang von 25 % später liegt das aktuelle Multiple auf dem niedrigsten Niveau seit der Abonnentenkrise von 2022. Dieser Vergleich erfordert jedoch eine wichtige Einordnung: Der historische Durchschnitt reflektiert eine Phase spekulativer Hyperwachstumsdynamik, die das heutige Profil nicht mehr rechtfertigt. Netflix ist inzwischen ein klassischer GARP-Wert, mit steigenden Margen und rekordhohem Cashflow. Ein 29-faches Gewinnmultiple erscheint damit konsistent, ohne eine offensichtliche Unterbewertung zu signalisieren.

Der Konsens zeichnet eine klare Entwicklung: Umsatzwachstum von +13 % im Jahr 2026, +12 % im Jahr 2027 und +10 % im Jahr 2028, bei einer operativen Marge, die jährlich um zwei Punkte steigt und 2028 rund 36 % erreicht. Das ist die Kurve eines reifenden Unternehmens, nicht die eines sich abschwächenden. Unter Berücksichtigung der Aktienrückkäufe (rund 2 % des Kapitals pro Jahr) dürfte der Gewinn je Aktie von 2,53 US-Dollar im Jahr 2025 auf etwa 4,55 US-Dollar im Jahr 2028 steigen. Auf diesem Niveau hängt alles davon ab, welches Bewertungsmultiple der Markt akzeptiert. Bei einem konstanten KGV von 29 ergäbe sich ein Kurs von rund 132 US-Dollar, entsprechend einer annualisierten Rendite von 13 % über drei Jahre. Sinkt das Multiple auf 25, läge der Zielkurs bei 114 US-Dollar, was etwa 8 % pro Jahr entspricht. Fällt das KGV auf 23, ergibt sich ein Kurs von 105 US-Dollar – solide, aber nicht herausragend. Diese Bandbreite spiegelt exakt die Unsicherheit des Marktes über die Wachstumsperspektiven nach dem gescheiterten Warner-Deal wider.

Geduld als Strategie

Zwei kurzfristige Katalysatoren stehen im Fokus. Erstens: die Ergebnisse für das erste Quartal 2026, die am 16. April erwartet werden und die Glaubwürdigkeit der Werbeprognosen (Zielgröße von 3 Milliarden jährlich) testen werden. Die Auslastung der Werbeplätze bleibt ein offenes Thema, wie der CFO selbst eingeräumt hat. Zweitens: Umfang und Tempo der Aktienrückkäufe, die konkret zeigen werden, wie das durch den Verzicht auf Warner freigesetzte Kapital eingesetzt wird.

Netflix hat sich über drei Jahrzehnte als ein Organismus entwickelt, der wächst, sich anpasst und kostspielige Abkürzungen meidet. Die Frage, die sich beim aktuellen Kurs stellt, lautet nicht, ob die Maschine funktioniert – 9,5 Milliarden US-Dollar Free Cashflow und eine operative Marge von 29,5 % beantworten diese Frage eindeutig. Entscheidend ist vielmehr, ob bei einer Bewertung von 384 Milliarden US-Dollar das organische Wachstum allein ausreicht, um das Versprechen zu halten – ohne die Unterstützung eines HBO-Katalogs. Der implizite Vertrag der Aktie lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Netflix braucht niemanden.