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Rezessionsangst wegen Gaskrise lässt Börsen abrutschen

05.09.2022 | 16:21
ARCHIV: Ein Geldwechsler zählt Euro-Banknoten in einer Wechselstube in Nizza, Frankreich

Frankfurt (Reuters) - Die Furcht vor einer Rezession in Europa infolge der gestoppten russischen Gaslieferungen hat zum Wochenstart hektische Verkäufe an den heimischen Aktienmärkten ausgelöst.

"Die Angst vor einer Lehman-artigen Krise im europäischen Energiesektor wächst", sagte Analyst Jochen Stanzl vom Online-Broker CMC Markets. In der Spitze fiel der Dax am Montag um mehr als drei Prozent auf 12.617 Punkte, grenzte die Verluste im Handelsverlauf aber etwas ein und hielt sich über der Marke von 12.700 Zählern.

An anderen europäischen Aktienmärkten fiel die Reaktion auf den erneuten Lieferstopp russischen Erdgases durch die wichtige Pipeline Nord Stream 1 nicht ganz so drastisch aus. Der EuroStoxx50 notierte am Montagnachmittag rund zwei Prozent tiefer bei 3480 Punkten. Die Wall Street blieb wegen eines Feiertags geschlossen.

Unterdessen rutschte der Euro um bis zu 0,8 Prozent auf ein 20-Jahres-Tief von 0,9875 Dollar ab. Eine rasche Lösung der Energiekrise sei nicht in Sicht, warnte Naeem Aslam, Chef-Marktanalyst des Brokerhauses AvaTrade. Daher drohe Europa ein wirtschaftliches Desaster.

Gazprom hatte am Freitag nach Börsenschluss mitgeteilt, bis auf weiteres kein Gas über die Ostseepipeline Nord Stream 1 nach Deutschland und in andere europäische Staaten zu liefern. Als Grund führte der staatliche russische Energieriese an, dass bei Wartungsarbeiten ein Öl-Leck entdeckt worden sei. Die Bundesnetzagentur als Regulierungsbehörde und Siemens Energy als Lieferant von Pipeline-Technik widersprachen dieser Darstellung.

Angesichts des zugedrehten Gashahns rissen sich Anleger um das am Markt verfügbare Erdgas. Dadurch stieg der europäische Future in der Spitze um rund 36 Prozent auf 284 Euro je Megawattstunde und steuerte wieder auf sein jüngstes Rekordhoch zu.

INSIDER: OPEC+ KÜRZT FÖRDERMENGEN

Auch am Rohölmarkt griffen Anleger zu. Nach den Preisrückgängen der vergangenen Wochen drehen die großen Exportländer den Ölhahn offenbar etwas zu. Die Opec+ werde ihre Förderquoten ab Oktober um 100.000 Barrel pro Tag reduzieren, sagte eine mit der Angelegenheit vertraute Person. Die Sorte Brent aus der Nordsee verteuerte sich um 3,8 Prozent auf 96,59 Dollar je Barrel, nachdem sie in den vorangegangenen drei Monaten wegen wieder aufgeflammter Rezessionsängste zeitweise mehr als 20 Prozent verloren hatte.

Unterdessen rätselten Börsianer, ob und wie die aktuelle Lage sich auf die Zinsentscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB) am Donnerstag auswirkt. Die EZB orientiere sich inzwischen stärker an der tatsächlichen Inflation statt an den Erwartungen, sagte Anlagestratege Antoine Bouvet von der ING Bank. Gleichzeitig werteten Investoren die geplanten Entlastungspakete von Bundesregierung und anderen europäischen Staaten für Energieverbraucher als Möglichkeit für die EZB, die Zinsen weiter anheben zu können. Derzeit rechnen sie mehrheitlich mit einem Zinsschritt von 0,75 Prozentpunkten.

TURBULENZEN AM TERMINMARKT BEFÜRCHTET

CMC-Experte Stanzl wies zudem auf die Gefahr weiterer Turbulenzen bei den Erdgas-Preisen hin. Wegen der Diskussion um den Energiepreis-Deckel sei die Zahl der offenen Kontrakte - ein Indikator für das Handelsvolumen an Derivatemärkten - in den vergangenen Tagen gesunken. "Damit könnte die Fähigkeit der Energiehändler und Stromerzeuger geschmälert worden sein, sich gegen den erneuten Preisanstieg abzusichern oder aus bestehenden Positionen auszusteigen." Sollten Anleger die durch den aktuellen Anstieg fällige nachträgliche Sicherheitsleistungen an die Börse nicht leisten können, droht die Zwangsauflösung von Geschäften. "Das könnte zu unkontrollierten und von den tatsächlichen Verhältnissen zwischen Gasangebot und -nachfrage losgelösten Preissteigerungen führen."

Vor diesem Hintergrund fielen die Aktien des wegen ausbleibender russischer Lieferungen bereits in Schieflage geratenen Gasversorgers Uniper zeitweise um 13 Prozent auf ein Rekordtief von 4,91 Euro. Da sich das Unternehmen kurzfristig aus anderen Quellen mit Erdgas eindecken müsse, summierten sich die Verluste bei den aktuellen Preisen auf 100 Millionen Euro pro Tag, rechneten die Analysten der Bank Credit Suisse vor. Die Titel der Uniper-Mutter Fortum rutschten in Helsinki rund neun Prozent ab.

In der Hoffnung auf sprudelnde Gewinne durch die anziehenden Energiepreise stiegen Anleger unterdessen bei anderen Öl- und Gaswerten ein. Der europäische Branchen-Index zog gegen den Trend mehr als zwei Prozent an. Zu den Favoriten gehörte Equinor mit einem Kursplus von sechs Prozent. Damit steuerten die Titel des norwegischen Konzerns auf den größten Tagesgewinn seit gut fünf Monaten zu. Gas habe bei Equinor einen vergleichsweise hohen Anteil am Geschäft, erläutert Analyst Steffen Evjen von der DNB Bank.

(Bericht von Hakan Ersen und Stefanie Geiger, redigiert von Christian Rüttger. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)


© Reuters 2022
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