Berlin (Reuters) - Die deutsche Industrie verbessert nach der Corona-Pandemie ihre Lieferketten weiter, um das Risiko von Abhängigkeit und Ausfällen zu verringern.

Rund 58 Prozent der befragten Unternehmen stellten 2023 ihre Lieferketten breiter auf und fanden neue Zulieferer, wie am Montag aus einer Erhebung des Münchner Ifo-Instituts hervorgeht. Demnach plant jede dritte Firma zudem die eigene Zulieferbasis weiter zu vergrößern. "Trotz des deutlichen Rückgangs bei Lieferkettenstörungen und Materialengpässen im vergangenen Jahr ist der Lieferkettenumbau der deutschen Industrie weiterhin in vollem Gange", sagte Ifo-Forscher Andreas Baur. "Besonders die Diversifizierung von Lieferketten ist dabei eine längerfristige Aufgabe, die von den Unternehmen einen langen Atem verlangt."

Die Industrie stockt zudem ihre Vorräte auf und produziert teilweise wieder mehr selbst. So hätten 45 Prozent der Betriebe im vergangenen Jahr ihre Lagerhaltung erhöht. Allerdings planten nur zwölf Prozent dies auch künftig zu tun. "Auf die pandemiebedingten Lieferkettenstörungen haben viele Unternehmen mit einer Ausweitung von Lagerbeständen reagiert", erläuterte Baur. "Dieser Anpassungsprozess scheint in vielen Fällen nun abgeschlossen." Etwa 44 Prozent der Firmen berichteten außerdem über eine verbesserte Überwachung ihrer Lieferketten. "17 Prozent haben ihre Fertigungstiefe erhöht und zuvor ausgelagerte Produktionsschritte wieder ins Unternehmen eingegliedert."

Beim Vorgehen der Betriebe zeigen sich branchenspezifische Unterschiede: In der Elektronikindustrie haben besonders viele Unternehmen die Zahl ihrer Zulieferer und Bezugsquellen erhöht (80 Prozent), ebenso im Maschinenbau (71 Prozent). Bei den Herstellern von Druckerzeugnissen liegt dieser Anteil dagegen laut Ifo nur bei 28 Prozent, im Papiergewerbe bei 37 Prozent. In der Automobilbranche setzen viele Firmen auf eine erhöhte Fertigungstiefe: 34 Prozent haben damit begonnen, Vorleistungen selbst zu produzieren, die sie zuvor von unabhängigen Zulieferern bezogen haben.

Ein europaweites Lieferkettengesetz könnte derweil am Widerstand großer EU-Staaten wie Deutschland und Italien scheitern. Mit der Richtlinie sollen Unternehmen europaweit für Missstände in ihren Lieferketten in die Pflicht genommen werden, etwa Menschenrechtsverstöße wie Kinderarbeit oder Verstöße gegen Umweltauflagen. Die Wirtschaft kritisiert, dass die EU-Vorgaben weit über das in Deutschland bereits geltende Gesetz hinausgehen und zusätzliche Bürokratie bedeuten.

(Bericht von Klaus Lauer; redgiert von Christian Rüttger - Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)