Die japanischen Politiker richten ihr Augenmerk auf die strukturellen wirtschaftlichen Faktoren, die hinter dem anhaltenden Ruckgang des Yen stehen. Sie sind uberzeugt, dass die Marktinterventionen nur begrenzt in der Lage sind, die allgemeine Talfahrt der Wahrung umzukehren.

Die am Freitag veroffentlichten Daten werden voraussichtlich zeigen, dass Japan Ende April bis Anfang Mai rund 9 Billionen Yen ausgegeben hat, um den Verfall des Yen zu bremsen, der ein 34-Jahres-Tief unter 160 zum Dollar erreicht hat.

Wahrend die grosse Zinsdifferenz zwischen den USA und Japan in der Regel fur den Verfall des Yen verantwortlich gemacht wird, hat die anhaltende Schwache der Wahrung die politischen Entscheidungstrager auf andere, grundlegendere Faktoren aufmerksam gemacht, wie z.B. die schwindende globale Wettbewerbsfahigkeit Japans.

Unter der Leitung von Japans oberstem Wahrungsdiplomaten Masato Kanda hat das Finanzministerium (MOF) in diesem Jahr ein Gremium von 20 Akademikern und Okonomen eingesetzt, um die Leistungsbilanz des Landes auf die Grunde fur die strukturellen Probleme zu untersuchen.

Kanda sagte jedoch, dass der Devisenmarkt selbst nicht Gegenstand der Diskussion des Gremiums ist.

Wahrend seiner vier Sitzungen seit Marz diskutierte das Gremium Massnahmen zur Starkung der globalen Wettbewerbsfahigkeit Japans und zur Umleitung von im Ausland erwirtschafteten Gewinnen zur Ankurbelung des heimischen Wachstums, wie aus den vom Ministerium veroffentlichten Prasentationsunterlagen und Protokollen hervorgeht.

"Die Japaner selbst investieren nicht mehr in Japan. Die im Ausland erwirtschafteten Gewinne kehren nicht nach Hause zuruck und werden an Bord reinvestiert, und die auslandischen Direktinvestitionen bleiben gering", sagte ein hoher Regierungsbeamter.

"Dieses Problem muss mit strukturellen Reformen angegangen werden", sagte der Beamte, der anonym bleiben wollte.

Strukturelle Wirtschaftsreformen sind der schwer fassbare Teil der "Abenomics"-Strategie des ehemaligen japanischen Premierministers Shinzo Abe, die vor einem Jahrzehnt ins Leben gerufen wurde, geblieben, da die ultralockere Geldpolitik nicht wettbewerbsfahige Unternehmen am Leben hielt.

"Im Grunde genommen mussen sich die wirtschaftlichen Fundamentaldaten Japans andern, damit sich der relative Wert der Wahrung andert", sagte ein anderer Regierungsbeamter. Wechselkursinterventionen konnen spekulative Bewegungen behindern, aber sie konnen die langfristige Schwache des Yen nicht ruckgangig machen und sind auch nicht dafur gedacht, sagte der Beamte.

REALES DEFIZIT

Japan hatte im vergangenen Jahr einen Leistungsbilanzuberschuss von rund 21 Billionen Yen (134 Mrd. $), wie aus den Daten des Ministeriums fur Wirtschaft und Finanzen hervorgeht, ein Zeichen dafur, dass das Land immer noch mehr Geld einnimmt als es im Ausland ausgibt.

Doch die Zusammensetzung des Uberschusses hat sich im letzten Jahrzehnt stark verandert, was den Yen belasten konnte.

Der Handel erwirtschaftet keinen Uberschuss mehr, was auf einen Anstieg der Kosten fur Energieimporte und eine Zunahme der Produktion im Ausland zuruckzufuhren ist. Laut einer Umfrage des Handelsministeriums produzieren japanische Hersteller mit Auslandsniederlassungen inzwischen rund 40% ihrer Waren ausserhalb des Landes.

Japan gleicht das Handelsdefizit nun durch einen Anstieg des Uberschusses bei den Primareinnahmen aus Wertpapieren und Direktinvestitionen im Ausland aus, da immer mehr Unternehmen auf der Suche nach Wachstum im Ausland auslandische Firmen aufkaufen.

Der Grossteil dieser im Ausland erwirtschafteten Einkunfte wird jedoch im Ausland reinvestiert, anstatt in Yen umgewandelt und in die Heimat zuruckgefuhrt zu werden, was die Wahrung schwach halten konnte, sagen Analysten.

Daisuke Karakama, leitender Marktokonom bei der Mizuho Bank, schatzt, dass nur etwa ein Drittel der 35 Billionen Yen an Primareinkommensuberschussen des letzten Jahres in die Heimat zuruckgeflossen sein konnte.

In Bezug auf den Cashflow konnte Japan im vergangenen Jahr ein Leistungsbilanzdefizit erlitten haben, da sein Primareinkommensuberschuss wahrscheinlich nicht ausreichte, um die Zahlungen fur Handel und Dienstleistungen auszugleichen, sagte er.

"Die Nachfrage nach Yen ist moglicherweise nicht so stark, wie der Leistungsbilanzuberschuss von 20 Billionen Yen vermuten lasst", sagte Karakama, der Mitglied des MOF-Gremiums ist.

Das Gremium soll seine Vorschlage etwa im Juni zusammenstellen.

Japan konnte weitere Probleme bekommen, wenn die Haushalte das Vertrauen in den Yen verlieren und ihr Bargeld und ihre Einlagen im Wert von 1.100 Billionen Yen ins Ausland verlagern, sagt Tohru Sasaki, ein weiteres Mitglied des Gremiums und Chefstratege der Fukuoka Financial Group.

"Es gibt bereits einige Anzeichen", sagte er, wie z.B. die Beliebtheit auslandischer Aktien im Rahmen des japanischen Programms fur steuerfreie Aktienanlagen.

($1 = 157,1800 Yen) (Berichterstattung von Makiko Yamazaki und Takaya Yamaguchi; Zusatzliche Berichterstattung von Tetsushi Kajimoto; Bearbeitung von Sam Holmes)