Die wichtigste Zahl für die Finanzmärkte kam heute aus dem Inflationsbericht des US-Handelsministeriums. Der Preisindex für die privaten Konsumausgaben (PCE) stieg im Mai um 0,4 % und damit etwas weniger als die von Volkswirten erwarteten 0,5 %. Im Jahresvergleich legte der Index um 4,1 % zu und entsprach damit genau den Prognosen. Der Kern-PCE-Index, der die volatilen Preise für Energie und Nahrungsmittel ausklammert und von der US-Notenbank besonders genau beobachtet wird, stieg im Monatsvergleich um 0,3 % und im Jahresvergleich um 3,4 %.
Die Inflation liegt damit zwar weiterhin deutlich über dem Ziel der Notenbank. Für die Anleger reicht jedoch häufig schon die Erkenntnis, dass die Daten „nicht schlechter als befürchtet“ ausgefallen sind, um die Stimmung zu verbessern. Der Bericht verschafft der Fed etwas mehr Spielraum, einen weniger aggressiven Ton anzuschlagen oder zumindest weniger entschlossen zu wirken, die Zinsen erneut anzuheben.
Noch überraschender waren die Daten zu den privaten Konsumausgaben, die im Mai um 0,7 % zulegten. Volkswirte hatten lediglich mit einem Anstieg um 0,6 % gerechnet. Das signalisiert, dass die US-Haushalte trotz höherer Preise und gestiegener Zinsen weiterhin konsumfreudig bleiben.
Für die Fed verdeutlichen die Daten das Dilemma: Die Inflation ist weiterhin zu hoch, gleichzeitig zeigt sich die Wirtschaft widerstandsfähig. Hebt die Notenbank die Zinsen zu stark an, droht sie Haushalte und Unternehmen zusätzlich zu belasten. Tut sie hingegen zu wenig, könnte sich die Inflation weiter verfestigen.
Die Märkte reagierten positiv auf die Zahlen. Die Futures auf die wichtigsten US-Indizes bauten ihre Gewinne nach Veröffentlichung des Berichts aus. Kurz vor US-Börsenöffnung legten die Futures auf den Dow Jones um 0,3 % zu. Die Futures auf den S&P 500 stiegen um 0,9 %, während die Nasdaq-100-Futures um 2,3 % zulegten. Zusätzlichen Rückenwind erhielt der technologielastige Index aus einem ganz anderen Bereich des Halbleitermarktes: den Speicherchips.
Die am Mittwochabend veröffentlichten Quartalszahlen von Micron erinnerten die Anleger daran, dass künstliche Intelligenz nicht nur von den leistungsfähigsten Prozessoren lebt. Der KI-Boom benötigt auch Speicherchips – und zwar in großen Mengen. Dieser lange Zeit wenig beachtete Bereich der Halbleiterindustrie ist inzwischen zu einem Engpass geworden. Im KI-Zeitalter werden oft gerade die unscheinbaren Komponenten besonders wertvoll.
Micron meldete einen kräftigen Anstieg des Quartalsgewinns auf 28,4 Mrd. US-Dollar nach 1,9 Mrd. US-Dollar im Vorjahreszeitraum. Die Zahlen stärkten das Vertrauen in den KI-Investmenttrend, der in den vergangenen Handelstagen etwas an Schwung verloren hatte. Der Nasdaq 100 war am Mittwoch noch um 0,4 % gefallen und hatte damit den dritten Verlusttag in Folge verzeichnet. Das war allerdings noch vor der Veröffentlichung der Micron-Ergebnisse.
Die positive Reaktion griff rasch auf Asien über. Samsung Electronics gewann 5 %, während SK Hynix um 12 % zulegte. Berichten zufolge erwägt SK Hynix zudem bereits im Laufe dieses Sommers ein Börsenlisting in den USA – ein deutliches Signal dafür, dass das Unternehmen das aktuell günstige Marktumfeld nutzen möchte.
Unterdessen sind die Ölpreise wieder auf das Niveau vor den jüngsten Spannungen rund um den Iran zurückgefallen. Das dürfte die Verbraucher entlasten, den Ausblick für Reise- und Konsumwerte verbessern und der Fed zusätzlichen Spielraum verschaffen.
Entsprechend reagierte auch der Anleihemarkt. Mit den sinkenden Ölpreisen stiegen die Kurse von Staatsanleihen, während die Renditen nachgaben. Die Anleger setzen nicht nur auf niedrigere Kosten für Benzin und Kerosin, sondern auch darauf, dass geringere Energiepreise den Druck auf die Fed verringern, an ihrer restriktiven Geldpolitik festzuhalten.
Dax erholt sich – Halbleiterwerte treiben den deutschen Aktienmarkt an
Nach dem deutlichen Rückschlag vom Vortag haben die Anleger am Donnerstag wieder Mut gefasst. Der Dax legte am Nachmittag um 0,8 % auf 24.927 Punkte zu und eroberte damit die am Vortag unterschrittene 21-Tage-Linie als kurzfristigen Trendindikator zurück. Der MDax gewann 0,5 % auf 32.074 Punkte. Marktbeobachter sehen die jüngsten Kursverluste eher als technische Verschnaufpause denn als Beginn einer nachhaltigen Korrektur. Zwar sorgen Zinssorgen weiterhin für Zurückhaltung, gleichzeitig stützen die hohen Erwartungen an den KI-Sektor die Märkte.
Stärkster Impulsgeber waren erneut Halbleiterwerte. Im Dax gewannen Infineon bis zu 6,5 %, auch Aixtron, Siltronic und Suss Microtec legten kräftig zu. Dagegen setzte sich die Korrektur bei Rüstungswerten fort. Rheinmetall verloren weitere 1,1 %, nachdem die Aktie am Vortag infolge des gestrichenen Fregattenauftrags der Bundesregierung fast 19 % eingebrochen war. Nach Einschätzung der Citigroup war dieser Kurssturz überzogen. Auch Renk und Hensoldt gaben zwischen 2,0 % und 6,1 % nach. TKMS verloren 7,2 %, nachdem die Titel tags zuvor im Zuge der Aussicht auf den Marineauftrag um 16 % gestiegen waren.
Zu den Gewinnern zählte außerdem Merck. Der Pharma- und Technologiekonzern baut sein Life-Science-Geschäft mit der Übernahme des US-Unternehmens Bio-Techne für knapp 10 Milliarden Euro deutlich aus. Die Aktie gewann 3,1 %. Volkswagen-Vorzugsaktien stiegen um 2,6 %, nachdem sich der Konzern mit Bain Capital auf den Verkauf von 51 % der Großmotorentochter Everllence für 7,4 Milliarden Euro verständigt hatte. Volkswagen will mittelfristig mit 49 % beteiligt bleiben. Händler bewerteten den Mittelzufluss positiv, verwiesen jedoch darauf, dass die erzielte Bewertung unter den Erwartungen des Konzerns liege.
Auch Adidas gehörte mit einem Plus von 2,8 % zu den stärkeren Dax-Werten. Konzernchef Björn Gulden sprach von einer Rekordnachfrage nach den Trikots der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Nach seinen Angaben verkauft Adidas derzeit dreimal so viele DFB-Trikots wie bei der Weltmeisterschaft in Katar vor vier Jahren und zeigte sich mit der weltweiten Geschäftsentwicklung sehr zufrieden. Vonovia verteuerten sich um 3,0 %, nachdem die Deutsche Bank ihre Kaufempfehlung bekräftigt und den Immobilienkonzern zu ihren bevorzugten Werten im Wohnimmobiliensektor gezählt hatte. Heidelberger Druckmaschinen legten 3,3 % zu, nachdem Warburg Research die Aktie auf "Buy" hochgestuft und die Übernahme von Teilen der insolventen Manroland Sheetfed als strategisch sinnvoll bewertet hatte.
Zu den größten Verlierern gehörte Fresenius Medical Care. Die Aktie lag zuletzt 3,4 % im Minus, nachdem sie zwischenzeitlich fast 7 % verloren hatte. Belastet wurde der Dialysespezialist durch einen ersten Entwurf der künftigen US-Vergütung für Dialysebehandlungen, der nach Einschätzung von Analysten deutlich schlechter als erwartet ausfiel. Rein optisch standen zudem Grand City Properties, Aroundtown und Eckert & Ziegler unter Druck. Die Aktien wurden am Donnerstag mit Dividendenabschlag gehandelt, wodurch die Kursverluste technisch bedingt waren.

























