In diesem Preiskrieg entscheidet sich Wettbewerbsfähigkeit nicht nur in den Fabriken oder in den Korridoren der Europäischen Kommission – sie wird auch auf der Ebene der Europäischen Zentralbank entschieden. Wenn Europa überleben will, muss es wie Japan und Südkorea eine defensive wettbewerbliche Abwertung betreiben.

Die Illusion reiner Produktivitätsgewinne

Vor allem von deutscher Seite argumentieren Verfechter von Haushaltsdisziplin und Freihandel, dass Bürokratieabbau, optimierte Lieferketten mit einem engeren Kreis von Partnern, Innovation und Produktivitätsfortschritte ausreichen werden, um den Preisabstand zu China zu verringern. Diese Sicht verkennt jedoch die Realität der neuen Globalisierung.

Wir wechseln von einer Welt optimierter Handelsströme – der „glücklichen Globalisierung“, die die Prinzipien David Ricardos auf globaler Ebene umsetzte – zu einer Phase der Regionalisierung. Das frühere Modell hatte eine klare Folge: „The winner takes it all“. In diesem Fall war es China, das rund 30 % der weltweiten industriellen Wertschöpfung auf sich vereinen konnte – oder sogar 40 %, gemessen in Kaufkraftparität.

Heute jedoch stehen Resilienz und Souveränität im Vordergrund. In einer Welt geopolitischer Blöcke und Machtkonflikte haben diese Ziele einen Preis.

Reindustrialisierung kostet

Produktionen zurückzuholen, die Industrie wieder aufzubauen, Verteidigungsfähigkeiten zu stärken, Lieferketten zu sichern und gleichzeitig zu dekarbonisieren – all das ist teuer.

Wenn unsere Kostenstrukturen strukturell höher sind als jene Chinas, wie können wir dann unsere Marktanteile verteidigen?

Japan und Südkorea haben diese Frage längst beantwortet. Angesichts derselben chinesischen Konkurrenz warteten sie nicht auf ein Produktivitätswunder. Zwar investieren sie deutlich mehr in Forschung und Entwicklung – ein Beispiel, dem Europa folgen sollte –, doch gleichzeitig nutzen sie ihre Währung als Schutzschild.

Seit 2020 hat der koreanische Won gegenüber dem Euro rund 30 % an Wert verloren, der japanische Yen sogar 45 %. Diese Größenordnung entspricht ziemlich genau dem Preisunterschied zwischen europäischen und chinesischen Produkten. Diese Wechselkursbewegungen sind also keine aggressive Strategie des Währungsdumpings, sondern eine defensive Überlebensstrategie.

Direkt im Wettbewerb mit China ging es darum, den industriellen Kern zu erhalten und Kostensteigerungen durch eine Anpassung des Wechselkurses abzufedern. Im Automobilsektor etwa hat diese Strategie in Südkorea hervorragend funktioniert: Das Land konnte – im Gegensatz zu Europa – seine Marktanteile im Weltexport weitgehend verteidigen. Auch gegenüber den amerikanischen Zöllen erwies sich dieser Ansatz als wirksam.

Europa hingegen hält – unter dem Einfluss Deutschlands – an einem Inflationsziel von 2 % und an einer starken Währung fest, die als „sicherer Hafen“ gilt. Doch in einer schwächelnden Wirtschaft verwandelt sich der Euro so in einen strukturellen Nachteil. Europa ist praktisch der einzige Wirtschaftsraum, der sich in einer Welt, die sich längst von monetaristischen Dogmen entfernt hat, eine derart strenge Disziplin auferlegt.

Das Argument der Rigoristen, Europa müsse lediglich weiter „in der Wertschöpfungskette nach oben rücken“, stößt inzwischen an seine Grenzen. Denn auch China steigt rasch entlang dieser Wertschöpfungskette auf. Wenn nichts geschieht, droht Europa am Ende ohne Industrie dazustehen.

Ein Teil der Antwort liegt in einem gezielten Protektionismus. Genau darauf zielt die IAA-Initiative ab. Ihre Reichweite müsste jedoch ausgeweitet werden – sowohl hinsichtlich der betroffenen Branchen als auch des geografischen Geltungsbereichs. Entscheidend wäre ein echtes „Made in EU“ statt eines „Made with EU“, das ansonsten lediglich neue Verlagerungen in kostengünstigere Länder außerhalb Chinas begünstigen würde.

Doch neben protektionistischen Instrumenten braucht Europa auch eine monetäre Antwort – ähnlich jener Japans und Südkoreas.

Ein neuer monetärer Vertrag: Inflation von 3 % bis 4 %

Hier muss die grundlegende These überdacht werden. Das Mandat der Europäischen Zentralbank, das sich strikt an einem Inflationsziel von 2 % orientiert, ist ein Relikt der Ära der globalisierten Wirtschaft.

Wir treten nun in eine Phase der Regionalisierung und erzwungener Transformationen ein – ökologisch, technologisch und sicherheitspolitisch. Diese Entwicklungen sind naturgemäß inflationär. In einer Welt knapper Ressourcen und zunehmender Reindustrialisierung auf einer Inflationsrate von 2 % zu bestehen, ist wirtschaftspolitisch kaum sinnvoll. Es bedeutet lediglich, der europäischen Wirtschaft zusätzliche Fesseln anzulegen.

Die vorgeschlagene Lösung: ein strukturelles Inflationsziel zwischen 3 % und 4 %.

  • Erstens würde dies der EZB einen größeren Handlungsspielraum verschaffen, um in Krisen zu reagieren und deflationäre Szenarien zu verhindern – die gefährlichste aller Entwicklungen.
  • Zweitens würde eine höhere Inflation in Europa mechanisch zu einer Abwertung des Euro führen. Das wäre der eleganteste Weg, die preisliche Wettbewerbsfähigkeit wiederherzustellen, ohne abrupte Währungsabwertungen beschließen zu müssen.
  • Drittens würde eine moderat höhere Inflation helfen, die reale Last der öffentlichen Schulden zu reduzieren – ähnlich wie während der „Trente Glorieuses“. Dadurch entstünde fiskalischer Spielraum für Investitionen in die industrielle Transformation.

Inflation ist nicht der Feind

Der häufigste Einwand gegen ein höheres Inflationsziel ist sozialer Natur: Inflation untergrabe die Kaufkraft der Haushalte. Dieses Argument wirkt überzeugend, basiert jedoch auf einer statischen und unvollständigen Sicht der Wirtschaft.

Was nützt eine durch niedrige Inflation „geschützte“ Kaufkraft, wenn die Arbeitsplätze verschwinden, die sie überhaupt erst ermöglichen?

Eine überbewertete Währung zwingt Unternehmen zu schmerzhaften Anpassungen. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen sie entweder ihre Lohnkosten senken oder Produktion und Arbeitsplätze verlagern. Am Ende droht ein doppelter Schock: Lohndruck und Deindustrialisierung.

Eine moderate Inflation von 3 % bis 4 % kann hingegen den Anpassungsprozess erleichtern. Sie ermöglicht Veränderungen bei den realen Löhnen, ohne dass Unternehmen zu Entlassungen oder nominalen Lohnsenkungen greifen müssen – die in Europa politisch und sozial kaum durchsetzbar sind.

Während der „Trente Glorieuses“ lag die Inflation im Durchschnitt bei fast 5 %, ohne dass dies die steigende Lohnquote oder das Wachstum des Lebensstandards verhindert hätte.

Der wahre Feind: der wirtschaftliche Abstieg

Der eigentliche Feind des europäischen Wohlstands ist nicht eine Inflation von 3 % oder 4 %, sondern technologischer und industrieller Abstieg. Wenn China, Südkorea und Japan mithilfe ihrer Währungen die Schlüsselindustrien – etwa Automobil und Elektronik – dominieren, droht Europa zu einer Dienstleistungsökonomie mit niedriger Wertschöpfung zu werden.

Lebensstandard entsteht nicht durch ein abstraktes Inflationsziel in Frankfurt, sondern durch die Fähigkeit eines Kontinents zu produzieren, zu exportieren und zu innovieren. Mehr monetärer Spielraum würde Unternehmen die Möglichkeit geben, wieder stärker zu investieren und hochwertige Arbeitsplätze zu sichern.

Der Sparer vor einer neuen Realität

Ein zweiter Einwand betrifft den Schutz der Ersparnisse. Auch dieses Argument greift zu kurz. Befürworter einer starken Währung sehen Inflation als Diebstahl am Vermögen. Doch welchen Wert hat ein Vermögen in einer Wirtschaft, die an Wettbewerbsfähigkeit verliert?

Eine stabile Währung in einer Wirtschaft, die Marktanteile verliert, Fabriken schließt und technologisch zurückfällt, bietet keinen echten Schutz. Die reale Entwertung erfolgt dann nicht durch Inflation, sondern durch den Rückgang der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit.

Für Sparer ist es letztlich vorteilhafter, Kapital in Unternehmen einer dynamischen Wirtschaft zu investieren – einer Wirtschaft, die Marktanteile gewinnt, in Zukunftstechnologien investiert und ihre industrielle Basis schützt.

Der wahre Verlust entsteht nicht durch Inflation, sondern durch wirtschaftliche Stagnation.

Fazit: Der Mut zum Pragmatismus

Europa befindet sich in einem wirtschaftlichen Wettbewerbskampf.

Doch ein entscheidender Baustein fehlt. Man kann von europäischen Unternehmen nicht verlangen, einen Sprint zu laufen, während ihnen eine überbewertete Währung und starre monetäre Regeln die Füße fesseln.

Ein Inflationsziel von 3 % bis 4 % wäre der fehlende Hebel. Es wäre eine Form der defensiven wettbewerblichen Abwertung – ein Instrument wirtschaftlicher Souveränität.

Europa muss aufhören, sich als Hüter eines monetären Museums zu begreifen, und wieder zu einer industriellen Macht werden. Souveränität hat ihren Preis. Und dieser Preis ist eine Währung, die die wirtschaftliche Realität widerspiegelt – nicht die Erinnerungen an vergangene Zeiten.

Eine Meinung von Stéphane Faure, Präsident von Astyrian Patrimoine.