McLeod verfolgt seit über einem Jahrzehnt das Ziel, freiwillige Begegnungen im Netz neu zu definieren – in einer Zeit, in der gesellschaftliche Trends oft in die entgegengesetzte Richtung laufen. Nun verlässt er die von ihm mitgegründete Erfolgsplattform Hinge, deren Umsätze von 550 Millionen US-Dollar im vergangenen Jahr auf eine Milliarde im Jahr 2027 steigen könnten.
Match Group hatte Hinge noch vor der Corona-Pandemie übernommen, um sein Portfolio mit einer App zu diversifizieren, die sich selbst als „zum Löschen gedacht“ beschreibt – also als Anti-Tinder. Kein endloses Swipen, kein Übermaß an Optionen, sondern der Fokus auf tiefere, persönliche Verbindungen.
Während Tinder sich dem Sättigungspunkt nähert, wenden sich viele Nutzer von den großen Plattformen ab – hin zu spezialisierten Angeboten. Zahlreiche Nischen-Apps wie Fitify Love für Sportbegeisterte, Feeld für alternative Beziehungsformen oder Escape App für gemeinsame Freizeitinteressen finden zunehmend Anklang. Die Pandemie hat diesen Trend beschleunigt und den Wunsch nach substanzielleren Kontakten gestärkt.

Quelle: Business of Apps
Ein Sektor unter Druck
Die Börse sieht die Entwicklung bislang skeptisch. Die Bewertung des gesamten Sektors wurde seit dem Boom deutlich nach unten korrigiert. Match Group – für etwa die Hälfte der weltweiten Dating-Umsätze verantwortlich – hat seit dem Höhepunkt der Pandemie rund 80 % an Marktkapitalisierung eingebüßt. Und die jüngsten Quartalszahlen zeigen noch keine Anzeichen einer Trendwende.
Beim Konkurrenten Bumble ging die Zahl der zahlenden Nutzer im dritten Quartal um 16 % auf 3,6 Millionen zurück. Bei Match Group waren es 14,5 Millionen, ein Rückgang von 5 %. Einziger Lichtblick: Hinge, das mit einem Plus von 17 % innerhalb des Portfolios zunehmend die Rolle des Hoffnungsträgers übernimmt.
Dating-Apps am Ende?
Doch die nüchternen Finanzdaten erzählen nicht die ganze Geschichte. In Sachen gesellschaftlicher Akzeptanz haben Dating-Apps wahrscheinlich die größte Hürde bereits genommen. Laut einer Umfrage von Statista nutzten 2024 weltweit über 360 Millionen Menschen entsprechende Anwendungen. Experten gehen davon aus, dass im Jahr 2030 über die Hälfte aller neuen Beziehungen online beginnen wird – in den USA ist das bereits Realität.
Was vor zehn Jahren beim Weihnachtsessen noch verschämt gestanden oder gar verschwiegen wurde – die digitale Romanze –, ist heute Alltag. Zugegeben, das Bild ist überspitzt, doch es spiegelt den kulturellen Wandel.
Was bleibt, ist eine gewisse Skepsis, ob man wirklich für die Liebe zahlen sollte. Aber wie lange noch?
Die nächste Wende
Einer von vielen Befragungen zufolge – in diesem Fall eine vom Match-Konzern in Auftrag gegebene Studie unter Nutzern aus dem Commonwealth – sind 91 % der Männer und 95 % der Frauen der Meinung, dass es heute schwieriger sei als je zuvor, eine Beziehung aufzubauen.
Der Grund: Partnerschaftliche Präferenzen sind individueller und vielfältiger geworden, wodurch stabile Bindungen schwerer zu knüpfen sind.
Um diese Herausforderung anzugehen, verlässt Justin McLeod seinen Posten als Präsident von Hinge und widmet sich künftig voll und ganz einem neuen Projekt: Overtone, einer Dating-App, die sich auf den Einsatz von KI und Sprachtechnologie stützt.
In seinem Abschiedsbrief bei Hinge und der gleichzeitigen Vorstellung von Overtone beschreibt er seine Vision so:
„Ich glaube, wir stehen an einem Wendepunkt. Es geht nicht mehr darum, das bestehende Modell zu optimieren – wir haben die Chance, die Art und Weise, wie Menschen sich begegnen, völlig neu zu denken. Nicht, weil das jetzige System kaputt wäre, sondern weil sich die Möglichkeiten erweitert haben. Künstliche Intelligenz kann – richtig eingesetzt – zu einer neuen Form der Partnerschaftssuche führen: persönlicher, effizienter, zielgerichteter. Denken Sie nicht an ein soziales Netzwerk, sondern an einen hochklassigen persönlichen Vermittler. Einen Service, der Sie – und alle anderen – wirklich kennt, um sorgfältig kuratierte Vorschläge mit Menschen zu machen, die wirklich zu Ihnen passen.“
Manche mögen an die dystopische „Black Mirror“-Folge Hang the DJ denken, andere sehen darin vielleicht einen Ausweg aus der heutigen Beziehungsfalle. Wie weit McLeod seine Vision tragen kann, wird sich zeigen.
Die Strategie von Match
Währenddessen weist MarketScreener darauf hin, dass Match trotz des Einstiegs des aktivistischen Investors Elliott und der Ernennung von Laura Jones in den Vergütungsausschuss bislang keine Anpassung an der sehr großzügigen Vergütungspolitik vorgenommen hat. Allein in den ersten neun Monaten des Jahres 2025 machten Aktienvergütungen noch immer die Hälfte des Nettogewinns aus.
Dennoch bleibt Match strategisch gut aufgestellt: Tinder fungiert weiterhin als zuverlässige Ertragsquelle, Hinge als dynamischer Wachstumstreiber – und nun Overtone als Versuchslabor für ein neues Dating-Paradigma.


















