Seitdem KI-Modelle extrem leistungsfähig geworden sind, ist die börsliche Einheit des Tech-Sektors zerbrochen. Während Halbleiterwerte in die Höhe schießen, stecken Softwarehersteller in der Krise. Könnte dem Luxussektor ein ähnliches Schicksal bevorstehen? Das ist, bei aller Vorsicht, die Frage, die sich Bernstein stellt.

Der Luxussektor wurde lange Zeit von einer relativ einfachen Mechanik getragen: Der fortschreitende Wohlstand der globalen Mittelschicht, insbesondere in China, ließ das Reservoir an 'aspirational' Kunden anschwellen. Die großen Generalistenmarken profitierten dank ihrer Bekanntheit, ihres Filialnetzes, ihrer Marketingmacht und ihrer Fähigkeit, Erstkäufer anzuziehen, in vollem Umfang davon. Dieses Modell ist nicht entkräftet: Es könnte wieder aktuell werden, wenn China zu einem günstigeren makroökonomischen Pfad zurückkehrt, wenn die Vermögensbildung wieder breiter gestreut wird oder wenn andere Schwellenländer in der Lage sind, eine bedeutende Mittelschicht hervorzubringen. In diesem Fall würden Mega-Marken wie Louis Vuitton, Dior oder Hermès ihren natürlichen Vorteil behalten.

Doch das von Bernstein hervorgehobene schwache Signal liegt woanders: Luxus könnte sich zunehmend zu einem Markt entwickeln, der von extrem vermögenden Privatpersonen (UHNWI) getrieben wird, in einer Welt, in der die Einkommens- und Vermögensungleichheit weiter zunimmt. In diesem Szenario geht es nicht mehr nur darum, viele teure Produkte an viele Kunden zu verkaufen, sondern extrem teure Stücke an eine kleine Anzahl ultrareicher Kunden. Bernstein illustriert diesen Wandel mit einem anschaulichen Beispiel: Ein Kunde, der ein einzigartiges Schmuckstück für 30 Millionen Euro kauft, kann 10.000 Kunden ersetzen, die jeweils 3.000 Euro ausgeben.

Hier fällt der Vergleich für LVMH weniger günstig aus. Bernstein misst die Fähigkeit der Marken zum 'Trading-up' an der Spanne zwischen dem Mindest- und dem Höchstpreis der online gelisteten Produkte. Cartier und Van Cleef & Arpels (Marken der Compagnie Financière Richemont) weisen Verhältnisse von über 1.000 auf, verglichen mit nur dem 7-fachen bei Louis Vuitton. Die Botschaft lautet nicht, dass LVMH schlecht positioniert sei: Die Gruppe wird von Bernstein weiterhin mit 'Outperform' und einem Kursziel von 600 Euro empfohlen. Doch in einem stärker polarisierten Luxusmarkt erscheint Richemont als der flexibelste Akteur, der in der Lage ist, sowohl eine eventuelle Rückkehr der aufstrebenden Konsumenten als auch den Machtzuwachs der Ultrareichen zu nutzen. Für LVMH ist das Thema daher keine unmittelbare Warnung, sondern ein strategisches Hintergrundrauschen: Der Schwerpunkt des Luxus könnte sich langsam in Richtung der Häuser verschieben, die weniger Objekte, dafür aber zu weitaus höheren Preisen verkaufen können.

Multiplikatoren am Zyklustief

Nüchterner und kurzfristiger betrachtet belastet die Fortsetzung des Konflikts im Nahen Osten weiterhin die Performance des Sektors, aber das ist noch nicht alles. 'Selbst unter Berücksichtigung der Auswirkungen des Konflikts am Golf werfen die schwachen zugrunde liegenden Daten des ersten Quartals Fragen auf, ob Luxus ein Wachstumssektor bleibt', mahnt Nick Anderson, Luxusexperte bei Berenberg, der ebenfalls den 'absoluten Luxus' bevorzugt und den 'aspirational Luxus' (d. h. Luxus, der von Konsumenten gekauft wird, die im vermögensrechtlichen Sinne nicht reich sind, oder Luxus als Statussymbol für den sozialen Aufstieg) zum Verkauf stellt.

Liebhaber des Sektors können sich damit trösten, dass es auf Basis von Bewertungen, die weit von historischen Standards entfernt sind, Gelegenheiten gibt: LVMH wird mit dem 17-fachen der für 2028 erwarteten Ergebnisse gehandelt, was in den letzten zehn Jahren nie vorkam. Sogar Hermès scheint im Sonderangebot zu sein: das 29-fache der Gewinne von 2028, gegenüber einem Durchschnitt von fast 50 in den vergangenen zehn Jahren. Doch um den Trend umzukehren, muss bewiesen werden, dass das Wachstum dauerhaft zurückkehren kann.