Frankfurt, 04. Feb (Reuters) - Die Lufthansa will anlässlich des 100. Jubiläums ihrer ersten Firmengründung in diesem Jahr offener und ehrlicher auf ihre Geschichte während des Nationalsozialismus blicken als bisher.
Schon die Entscheidung von Lufthansa-Chef Carsten Spohr, den 100. Jahrestag der Gründung der ersten "Deutschen Luft Hansa" zu begehen, ist ein neues Herangehen an die Firmengeschichte. Früher zog das Unternehmen einen klaren Strich zwischen der stark in die Nazi-Herrschaft integrierten, 1946 untergegangenen Vorgängerin und der 1953 neu gegründeten "Lufthansa AG" der Nachkriegszeit. "Wir als Lufthansa sind stolz auf das, was wir heute sind", sagte Spohr in einem für Mittwoch freigegebenen Pressegespräch. "Und dann die schwierigen, dunklen, schrecklichen Jahre auszublenden, wäre einfach unehrlich gewesen."
Während frühere Vorstände aus Reputations- und Haftungsgründen vor allem die rechtliche Trennung betonten, will die Lufthansa Spohr zufolge jetzt Verantwortung übernehmen. Der Konzern bekenne sich zu allen Phasen seiner Geschichte und wolle "offener" mit der Rolle im Nationalsozialismus umgehen. Ein Schritt dazu ist ein neues Buch zur 100-jährigen Firmengeschichte, an dem der Historiker Manfred Grieger mitarbeitete. Eine Ausstellung im neuen Besucherzentrum zu den anstehenden Jubiläumsfeiern ist ein weiteres Element.
TRANSPARENZ WICHTIG, "EGAL WAS ZUTAGE TRITT"
Es ist nicht die erste Studie und Veröffentlichung zur Geschichte der Lufthansa, die sich auch mit den dunklen Jahren der Nazi-Zeit auseinandersetzt. So hatte der Luftfahrthistoriker Lutz Budraß vor über 25 Jahren zunächst im Auftrag der Lufthansa geforscht und später unabhängig vom Unternehmen dieses Thema durchleuchtet. Die Ergebnisse zu Zwangsarbeit und dazu, dass es trotz der Neugründung nach dem Krieg personelle Kontinuität gab, wollte die Lufthansa früher nicht anerkennen. Sich als zwei historisch getrennte Unternehmen darzustellen, sei nicht sachgerecht gewesen, sagte Grieger. Der Umgang mit Budraß habe der Lufthansa geschadet, sagte Spohr. "Egal, was zutage tritt, Transparenz ist das, was man von uns auch als Unternehmensführer verlangen kann."
Vieles sei schon bekannt, erklärte Buchautor Grieger. Etwa, dass die Luft Hansa in die geheime Aufrüstung während der Weimarer Republik eingebunden war. Dass sich Vorstands- und Aufsichtsratsmitglieder ab 1930 der NSDAP zuwandten, die Kranich-Linie als Staatsairline der Regierungsflieger des Regimes war und eine aktive Rolle als Teil der Rüstungsindustrie und der Luftwaffe spielte. So trug der Rüstungsbereich 1944 mehr als zwei Drittel der Gesamteinnahmen bei.
KINDER UNTER DEN ZWANGSARBEITERN
Auch der Einsatz von Zwangsarbeitern aus Osteuropa, etwa aus der Ukraine, sowie von deutschen Juden ab 1940 wurde bereits in früheren Studien aufgearbeitet. Mehr als 12.000 Menschen wurden damals in der Rüstungsproduktion der Hansa sowie im Reparatur- und Wartungsbetrieb ausgebeutet, wie Grieger erklärte. Die Zahl könne aber noch höher sein. Erst jetzt herausgekommen sei, dass darunter auch Kinder waren, die zum Beispiel in Treibstofftanks kriechen mussten. Die Deportation der Juden in die Vernichtungslager "führte auf Seiten des Unternehmens zu keiner Reaktion", hielt der Wissenschaftler fest. Das im März erscheinende Buch soll in einer Auflage von 20.000 Exemplaren erscheinen sowie jedem der gut 100.000 Mitarbeitenden zugehen.
Die Lufthansa gehört zu einer Minderheit von Unternehmen, die sich mit ihrer Geschichte während der Nazi-Zeit befasst. Wie eine Studie der Gesellschaft für Unternehmensgeschichte (GUG) ergab, ließen erst acht Prozent von 1249 untersuchten Firmen dies professionell aufarbeiten, darunter acht Dax-Konzerne. Weitere zehn Prozent beleuchteten die Zeit von 1933 bis 1945 im Rahmen von Werken zur Gesamtgeschichte. Fast ein Fünftel blende die Zeit auf ihren Websites aus. "Das ist einfach die Geschichte der Nachkriegszeit, dieses Verdrängen", sagte GUG-Geschäftsführerin Andrea Schneider-Braunberger. Doch seit einigen Jahren stelle sich die Generation der Enkel in mittelständischen Familienunternehmen der Vergangenheit.
(Bericht von Ilona Wissenbach, redigiert von Sabine Wollrab. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an die Redaktionsleitung unter frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com)


















