Ein Comeback, das keines ist

Die Geschichte beginnt Mitte Juni, als erste Gerüchte die Runde machen: Luca de Meo, der derzeit wohl angesehenste CEO der europäischen Autoindustrie, könnte Renault verlassen, um das angeschlagene Kering zu übernehmen. Seitdem kennt die Aktie nur eine Richtung – nach oben. Dabei rechtfertigen weder das Kurs-Gewinn-Verhältnis (weiterhin zu hoch) noch die Schuldenlast (weiterhin zu schwer) den Börsenhype. Was zählt, ist die Geschichte, das Narrativ.

Der Hoffnungsträger

Für François-Henri Pinault, selbst mit dem Profifußball bestens vertraut, gleicht die Personalie dem Transfercoup des Jahres. Denn Kering steht nicht nur wegen des allgemeinen Nachfragerückgangs im Luxussegment unter Druck: Gucci, das Flaggschiff der Gruppe, hat an Strahlkraft verloren. Die übrigen Marken, lange als Wachstumstreiber verkauft, stagnieren. Die interne Organisation hinkt den Branchenführern hinterher, und auch die Bilanz sieht wenig vertrauenerweckend aus. Mehrere Turnaround-Versuche sind gescheitert – mit entsprechend enttäuschten Erwartungen.

Wer ist Luca de Meo?

Ein Topmanager aus der Automobilindustrie – einer Branche, die für Struktur, Prozessdisziplin und harte Restrukturierungszyklen steht. Genau das, was Kering fehlt. De Meo hat bereits bewiesen, dass er angestaubte Marken revitalisieren kann. Er bringt Innovationskraft, Pragmatismus und ein scharfes Markenverständnis mit. Für Kering bedeutet das vor allem eines: Die Hoffnung, dass seine Luxusmarken endlich wieder näher am Zeitgeist agieren.

Hinzu kommt Charisma – und eine eindrucksvolle Erfolgsbilanz bei Volkswagen und Renault. Der negative Beigeschmack, der Kering in den letzten Jahren anhaftete, könnte durch seine Präsenz verschwinden. Und dann wäre da noch sein Pass: De Meo ist Italiener und spricht fünf Sprachen – kein unwesentlicher Aspekt, wenn man Marken wie Gucci, Balenciaga, Bottega Veneta, Brioni oder Pomellato im Portfolio hat.

Zwischen Resultaten und Rhetorik

Die Börse liebt nicht nur Zahlen – sie liebt Geschichten. Und die von Luca de Meo bietet alles: klare Brüche mit der Vergangenheit, neue Perspektiven, Charisma und ein Schuss Glamour. Wie im antiken Rom verlangen Aktionäre nach „Brot und Spielen“ – also operativer Erneuerung und ikonischen Kollektionen. De Meo scheint aktuell der einzige zu sein, der beides glaubhaft verkörpern kann. Seine fehlende Erfahrung im Luxussegment wird von Analysten mittlerweile als Vorteil gesehen – sein frischer Blick, seine Lernbereitschaft, seine kulturelle Nähe zum Markenkern.

Der Kurs spiegelt das Vertrauen wider

Seitdem sich die Gerüchte verdichteten und seine Ernennung bestätigt wurde, hat die Kering-Aktie um 56 % zugelegt. Im selben Zeitraum gewann der Gesamtmarkt lediglich 10 %, LVMH ebenfalls 10 %, Richemont stagnierte und Hermès verlor 7 %. Der Markt investiert nicht in Kering – er investiert in Luca de Meo bei Kering. Und manchmal zählt an der Börse eben nicht das, was ist, sondern das, was sein könnte.

Und wie geht es weiter?

Die nächsten Quartalszahlen dürften ernüchternd ausfallen. De Meo wird noch keine Wunder präsentieren können – vielmehr wird er darum bitten, Zeit zu bekommen. Eile könnte kontraproduktiv sein und das zarte Pflänzchen der Hoffnung erneut beschädigen. Die strategische Roadmap soll im Frühjahr 2026 präsentiert werden. Bis dahin muss er vor allem eins: die Fantasie der Aktionäre am Leben halten. Denn wenn es ihm gelingt, Kering wieder auf das Niveau von drei Milliarden Euro Jahresgewinn zu bringen – wie noch vor zwei Jahren –, erscheint selbst die aktuelle Bewertung nach dem steilen Kursanstieg nicht überzogen. Es ist dieser quantifizierbare Traum, auf den die Anleger nun setzen.

Graphique Kering

Seit den Gerüchten und der Bestätigung von De Meo übertrumpft Kering die Konkurrenz