Für die Londoner Börse dürfte das laufende Jahr das schwächste seit 28 Jahren in Bezug auf Börsengänge werden: Lediglich sieben neue Unternehmen wurden bislang gelistet. Diese Flaute wirkt wie ein weiterer Nagel im Sarg, nachdem 2024 bereits ein regelrechter Exodus börsennotierter britischer Unternehmen in Richtung USA zu beobachten war.

Die mangelnde Liquidität des Londoner Marktes schreckt Emittenten zunehmend ab – eine Situation, die im Übrigen nicht grundlegend von jener auf dem europäischen Festland abweicht. Auch dort kämpfen die Börsen mit zu geringen Volumina, um den Kapitalströmen der großen Indexfonds gerecht zu werden, und verfallen in eine Art Autarkie. Das führt zu einem strukturellen Rückgang der Handelsaktivität – eine negative Spirale, die sich selbst verstärkt.

Gleichzeitig sieht sich die London Stock Exchange Group (LSEG) mit einem potenziellen Wachstumsstopp ihrer Desktop-Lösung „Workspace“ (ehemals Eikon) konfrontiert. Der Bereich, der im Wesentlichen die Front-End-Aktivitäten des Datengeschäfts abbildet und rund die Hälfte des Konzernumsatzes ausmacht, wächst langsamer – was die ansonsten stabile Ertragslage in einem Oligopol mit Bloomberg, S&P Global und FactSet überschattet.

In der internen Gewichtung folgen darauf der Kapitalmarktbereich – seit einigen Jahren unter Druck, aber gestützt durch das robuste Devisengeschäft, in dem LSEG weiterhin Weltmarktführer ist –, der Clearing-Sektor mit systemischer Relevanz, das Indexgeschäft mit FTSE Russell (ebenfalls Teil eines Oligopols mit S&P und MSCI, das über 20 Billionen US-Dollar an verwalteten Vermögen abdeckt), sowie der Bereich Risikomanagement, in dem sich LSEG mit RELX, Dow Jones und Moody’s misst.

Angesichts des seit Langem rückläufigen Handelsvolumens hat sich der britische Konzern strategisch neu ausgerichtet: Ziel war es, sich als weltweit führender Anbieter von Finanzdaten zu etablieren. Der Wendepunkt dieses Umbaus war die Übernahme von Refinitiv im Jahr 2021 – ein Schritt, der zwar nicht reibungslos verlief, aber das Profil der Gruppe grundlegend veränderte. Heute entfallen zwei Drittel des Konzernumsatzes auf das datengestützte Geschäftsmodell.

Diese Transformation war zweifellos erfolgreich: Zwischen 2015 und 2024 hat sich der Umsatz versechsfacht, der freie Cashflow sogar versiebenfacht. Aus einem klassischen Börsenbetreiber wurde ein internationaler Daten- und Technologiechampion.

Trotz dieser Entwicklung ist die Marktkapitalisierung des Unternehmens zuletzt stark eingebrochen. Die Aktie notiert inzwischen wieder auf dem Niveau von vor fünf Jahren, und die Bewertungsmultiplikatoren nähern sich historischen Tiefstständen. Die Strenge der Investoren erklärt sich vor allem mit der starken Verwässerung, die durch die Refinitiv-Übernahme und die dafür nötige Kapitalerhöhung entstanden ist.

So stagnierte der Gewinn je Aktie zwischen 2017 und 2024, da die Anzahl der ausstehenden Aktien in diesem Zeitraum um rund 50 % zugenommen hat. Doch nun, da die Transformation weitgehend abgeschlossen ist, dürfte der Fokus von LSEG wieder verstärkt auf der Rückführung von Kapital an die Aktionäre liegen – Analysten von MarketScreener rechnen bereits in naher Zukunft mit einer Beschleunigung der Aktienrückkäufe.

LSEG erwirtschaftet derzeit einen freien Cashflow von rund 2,5 Milliarden Pfund, weist eine moderate Verschuldung auf und kommt auf eine Marktkapitalisierung von 42,5 Milliarden Pfund – das entspricht einem Multiple von etwa dem 17-Fachen des für das Geschäftsjahr 2025 erwarteten Cashflows.