Der Lindy-Effekt, popularisiert durch Nassim Taleb, bietet einen interessanten Ansatz: in das zu investieren, was seine Bewährungsprobe bereits bestanden hat. Nach dieser Theorie ist die erwartete Lebensdauer eines nicht verderblichen Gutes – sei es ein Objekt, eine Idee oder ein Unternehmen – proportional zu seinem bisherigen Alter. Es handelt sich dabei selbstverständlich nicht um ein physikalisches Gesetz, doch die zugrunde liegende Intuition ist stark. Bücher, Ideen oder Technologien, die seit Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten genutzt werden, haben ihre Robustheit unter Beweis gestellt. In dieser Hinsicht bieten sie eine Form von Sicherheit, die junge Innovationen naturgemäß noch nicht vorweisen können.
Damit berührt man zwei große Investmentphilosophien: auf der einen Seite die „Value“-Investoren, die auf die Solidität der Fundamentaldaten setzen, auf der anderen Seite die „Growth“-Investoren, die vor allem das Wachstumspotenzial in den Vordergrund stellen.
Bemerkenswert ist, dass acht der vierzehn Unternehmen, die jeweils mindestens 1 % des Portfolios von Berkshire Hathaway ausmachen, über hundert Jahre alt sind. Das mag überraschen, denn auf den ersten Blick scheint ein Konzern wie Michelin kaum mit dem Wachstum der „Magnificent Seven“ mithalten zu können. Und doch …

Zur Methodik der Zusammenstellung des "Lindy-Portfolios": Lindy Effect in Investing - Market Sentiment
Ein weiterer interessanter Aspekt betrifft die Methode der Discounted Cashflows (DCF), die an der Börse weit verbreitet ist, um den inneren Wert einer Aktie zu bestimmen und mit ihrem Marktpreis zu vergleichen. Diese Methode setzt implizit voraus, dass ein Unternehmen unbegrenzt fortbesteht, da künftige Cashflows bis in die Unendlichkeit projiziert und abgezinst werden müssen. Diese Annahme wird jedoch nur selten hinterfragt.
In der Realität verschwinden rund 50 % der Unternehmen innerhalb der ersten fünf Jahre, und etwa 80 % überleben keine zwanzig Jahre. Diese Verzerrung verfälscht die Bewertung eines großen Teils des Marktes. Umgekehrt ist es deutlich einfacher, ein reifes Unternehmen korrekt zu bewerten, das seine Überlebensfähigkeit bereits unter Beweis gestellt hat.
Wenn der Marktlärm ohrenbetäubend wird oder Bewertungen sich von der wirtschaftlichen Realität abzukoppeln scheinen, kann der Blick auf den Lindy-Effekt helfen, investiert zu bleiben – mit einem defensiver ausgerichteten Portfolio. Alteingesessene Unternehmen verfügen häufig über nachhaltige Wettbewerbsvorteile, etwa starke Marken wie Coca-Cola, Netzwerkeffekte wie bei Visa oder eine solide Unternehmensführung ohne obsessive Fixierung auf technologische Disruption.
Der Lindy-Effekt ist besonders aufschlussreich, wenn man die Zusammensetzung des eigenen Portfolios betrachtet und feststellt, dass es ausschließlich aus Unternehmen besteht, die vor zwanzig Jahren noch gar nicht existierten. Die etablierten Gesellschaften fungieren hier als eine Art Sicherheitsmatratze. Eine Matratze, die die Performance keineswegs opfert.
Manche Techno-Optimisten verweisen auf Joseph Schumpeter oder Philippe Aghion, letzterer Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften, beide Verfechter der schöpferischen Zerstörung. Nach ihrer Auffassung vernichtet Innovation zwangsläufig bestehende Positionen. Doch genau hier liegt die Stärke alter Unternehmen: ihre Anpassungsfähigkeit.
Die Wahrheit liegt vermutlich zwischen beiden Ansätzen. Es wäre absurd, ein Unternehmen allein wegen seines jungen Alters zu ignorieren. Genauso wäre es ein Fehler, die Kraft jener Gesellschaften zu unterschätzen, die bereits zahlreiche Stürme überstanden haben.
























